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Full text of "Ägyptische Mythen und Mysterien"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

VORTRAGE 

vortrAge vor mitgliedern 

DER ANTHROPOSOPHISCHEN gesellschaft 



RUDOLF STEINER 



Agyptische Mythen 
und Mysterien 

im Verhaltnis zu den wirkenden 
Geisteskraften der Gegenwart 



Ein Zyklus von zwolf Vortragen 

gehalten in Leipzig 
vom 2. bis 14. September 1908 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgeseheaen Nachschriften 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 



Die Herausgabe besorgte Hella Wiesberger 



1. Auflage (Zyklus 5) Berlin 1911 
2. Auflage Dornach 1931 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1960 

4. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 

5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1992 



Biblibgraphie-Nr. 106 

Siegel auf dem Einband nach einem Entwurf Rudolf Steiners 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1978 by Rudolf Steiner-Nachlaftverwaltung, Dornach/Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck GmbH, 7580 Buhl 



ISBN 3-7274-1060-4 



Zu den Verbffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft 
bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und verof- 
fentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 1924 
zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch fur die 
Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen Gesell- 
schaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei gehalte- 
nen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wiirden, da sie als «miindli- 
che, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht waren. Nach- 
dem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte Horernachschrif- 
ten angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich veranlafk, das 
Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute er Marie Steiner- 
von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenographierenden, die 
Verwaltung der Nachschriften und die fur die Herausgabe notwendige 
Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus Zeitmangel nur in ganz 
wenigen Fallen die Nachschriften selbst korrigieren konnte, mufi 
gegenuber alien Vortragsveroffentlichungen sein Vorbehalt beriick- 
sichtigt werden: «Es wird eben nur hingenommen werden miissen, dafi 
in den von mir nicht nachgesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Ober das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst nur als 
interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen offentlichen 
Schriften aufiert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiographie «Mein 
Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut ist am Schlu£ 
dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt gleichermaften 
auch fur die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche sich an einen 
begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissenschaft vertrauten 
Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi ihren 
Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamtausgabe 
begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil dieser Ge- 
samtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Angaben zu den 
Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Leipzig, 2. September 1908 

Das Wesen der Anthroposophie. Das Reinkarnationsgesetz. Die 
nachatlantischen Kulturen : Der Zusammenhang der siebenten mit 
der altindischen Kultur ; der sechsten mit der urpersischen Kultur ; 
Wiederholung der agyptischen in dem Leben der gegenwartigen 
Kultur, Materialismus, eine Folge der Einbalsamierung; keine 
Wiederholung erlebt die vierte nachatlantische Kulturepoche. 

Zweiter Vortrag, 3. September 1908 

Das Werden der Erde. Das Urerdenatom als Urbild der Menschen- 
gestalt. Sonne, Mond und Erde als ein Korper. Die Abspaltung der 
Sonne ; die Abspaltung des Mondes und die Trennung von Wasser 
und Luft wahrend der lemurischen Zeit. Das BewuBtsein der atlan- 
tischen Zeit. Die Widerspiegelung des kosmischen Geschehens in 
den religiosen Anschauungen der nachatlantischen Kulturen. 
Indische Kultur: Brahma; persische: Ormuzd und Ahriman; agyp- 
tische : Osiris, Isis und Horus ; griechisch-lateinische : Gottergestal- 
ten, eine Erinnerung an hohere Wesenheiten der atlantischen Zeit; 
unsere Kultur: die gotterlose Zeit, sie muB den Christus-Impuls 
aufnehmen und in die Zukunft blicken. Das BewuBtsein muB apo- 
kalyptisch werden. 

Dritter Vortrag, 4. September 1908 

Die letzte atlantische und die nachatlantische Menschheit. Das Be- 
wuBtsein der Atlantier. Der atlantische Mensch drang noch in das 
innere Wesen der Dinge ein, die er wahrnahm. Die Gestalt des 
Menschen in der atlantischen Zeit. Der Atherleib war viel groBer 
als heute. Seine vier typischen Gestalten: Adler, Lowe, Stier, 
Mensch. Die Eingeweihten der atlantischen Zeit. Die atlantischen 
Einweihungsschulen. Dem Einzuweihenden wurde das Urbild der 
Menschengestalt als Meditationsinhalt gegeben. Durch die Kraft 
der Gedanken konnte so noch auf den physischen Leib gewirkt 
werden, daB sich dieser unmittelbar umgestaltete. 

Vierter Vortrag, 5. September 1908 

Das geistige Urbild des Menschen am Anfang der Erdentwicke- 
lung. Die urindische Einweihung: Bild, Ton und Wort. «Veda» - 
das Wort. Die sieben Rishis, die Schuler des Manu. Die Abspaltung 
der Planeten. Jeder der sieben Rishis verstand die Geheimnisse 



eines der sieben Planeten in ihren Wirkungen auf den Menschen. 
Das Verhaltnis des Lehrers zum Schiiler in der indischen, agypti- 
schen und griechischen Zeit. Der heilende Tempelschlaf, eine 
kiinstliche Herstellung des atlantischen BewuBtseins. Der Herab- 
stieg des Urwortes, Christus. 

Funfter Vortrag, 7. September 1908 

Die Entwickelung der Erde im Urzustande. Die polarische Zeit. 
Das Licht als das Kleid der Liebe. Die hyperboraische Zeit. Die 
Abspaltung der Sonne. Sie nahm die feinsten Substanzen (Licht) 
mit heraus. Dadurch verfestigte sich die Erde zu Wasser: die 
«Wassererde». Der Mensch als Wasserwesen. Fische, Amphibien, 
Drachen und Drachentoter. Das Schlangensymbol. Die lemurische 
Zeit. Die Abspaltung des Mondes von der Erde. Der Mensch bildet 
das Knochensystem aus und die Anlage zur Luftatmung sowie das 
BewuBtsein von Geburt und Tod. Licht und Luft; Osiris und 
Typhon. 

Sechster Vortrag, 8. September 1908 

Sonnen- und Mondkrafte, ihre Wirkung auf den Menschen. Der 
Osirismythos. Das vom Monde zuriickgeworfene Sonnenlicht bil- 
det die vierzehn Nervenstrange des Menschen. Osiris wirkt in den 
vierzehn Mondphasen vom Neumond bis zum Vollmond. In der 
Zeit vom Vollmond bis zum Neumond wirkt Isis. Sie bildet die 
weiteren vierzehn Nervenstrange. Die Entstehung des Mannlichen 
und Weiblichen. Die Entstehung der Lunge, des Kehlkopfes und 
des Herzens durch die Wirkung des Horus. 

Siebenter Vortrag, 9. September 1908 

Die Osirislegende. Die Menschheitsentwickelung. Die Gestalt des 
Menschen in der polarischen Zeit. Die Entstehung des Tierreichs. 
Die hyperboraische und lemurische Zeit, Das Leucht- und Wahr- 
nehmungsorgan des damaligen Menschen, die heutige Zirbeldruse. 
Der Tierkreis im Zusammenhang mit der menschlichen Gestalt: 
Fische = FiiBe, Wassermann = Unterschenkel, Steinbock = Knie, 
Schutze = Oberschenkel, Skorpion = Sexus. Entstehung der Ge- 
schlechtlichkeit durch Abspaltung des Mondes. Isis und Osiris als 
die Bildner der oberen menschlichen Gestalt. Die Leier des Apollo. 

Achter Vortrag, 10. September 1908 

Die stufenmaBige Entwickelung der Menschenformen entspre- 
chend dem Gang der Sonne durch die Sternbilder des Tierkreises 
(Waage, Jungfrau). Das AbstoBen der Tierformen (Fische). Chri- 



stus geht mk der Sonne von der Erde fort. Das Fischsymbol der 
ersten Christen. Der EinfluB der Sonnen- und Mondkrafte auf die 
Gestalt des Menschen. Die vier Menschentypen der Atlantis. Die 
Geschlechtertrennung : Mann und Weib entstehen durch das Uber- 
wiegen der Osiris- beziehungsweise Isiskrafte. Der Nerthus- 
Mythos. Die Bilder der Mythen, eine Darstellung realer Tatsachen, 

Neunter Vortrag, 11. September 1908 109 

Die Wirkung der Sonnen- und Mondgeister, der Osiris- und Isis- 
krafte. Die Entstehung des Auges. Schlaf- und Wachzustand des 
Menschen in der lemurischen und atlantischen Zeit. Die indische 
Kultur: Die Welt als Maja. Die persische Kultur: Die physische 
Welt wird Arbeitsfeld. Die agyptisch-babylonisch-assyrisch-chal- 
daische Kultur: Die Welt als Gotterschrift. Die griechisch-latei- 
nische Kultur : Der Mensch pragt sein Selbst der Materie ein. Am 
tiefsten Punkt der Menschheitsentwickelung erscheint Christus 
Jesus physisch auf der Erde, damit der Mensch den Weg in die gei- 
stige Welt zuriickfindet. 

Zehnter Vortrag, 12. September 1908 123 

Die alten Sagen als Bilder von kosmischen Tatsachen und Ereig- 
nissen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Die Verdunke- 
lung des geistigen BewuBtseins der Menschheit; die Gefahr des 
geistigen Todes. Eine Aufhellung kann errungen werden durch 
das Einweihungsprinzip der Mysterien. Die Rettung durch den 
Christus. Die Eingeweihten als Vorlaufer des Christus ; ihr prophe- 
tisches BewuBtsein. Durch Bilder wird der Geist des Schulers der 
agyptischen Einweihung geformt bis zum Begreifen der Ich-Ent- 
wickelung des Menschen. Viele dieser auf okkulten Tatsachen 
beruhenden Bilder sind durch die griechischen Sagen hiniiber- 
gegangen in das BewuBtsein der Menschen. 

Elfter Vortrag, 13. September 1908 141 

Das Wesen der agyptischen Einweihung: die Einpragung iiber- 
sinnlicher Schauorgane in den Astralleib, die er dann dem Ather- 
leib wie Siegelabdriicke eindriickt wahrend eines todahnlichen Zu- 
standes von dreieinhalbTagen, in dem der Atherleib herausgehoben 
wird aus dem physischen; die in den iibersinnlichen Gefilden erleb- 
ten Erfahrungen machen den Wiedererweckten zum Erleuchteten. 
Die kosmische Organkunde der agyptischen Hierophanten. Heute 
sieht der Mensch auf materielle Art, was er friiher im Geistigen 
gesehen hat. Die Bedeutung der Tat des Christus fur die verstorbe- 
nen Seelen. 



Zwolfter Vortrag, 14. September 1908 158 

Der Abdruck des Geistes in den griechischen Kunstschopfungen; 
der Geist als Sklave der Materie in unserer Zeit. Der Christus- 
Impuls als Oberwinder der Materie. Auch die zeitliche Gruppen- 
seelenhaftigkeit in der Generationenreihe ist durch die Christus- 
Kraft iiberwunden worden. Der Vaterweg und der Gotterweg der 
alten Agypter. Isis als die agyptische Volksseele. Pharao als der 
Sohn der Isis und des Osiris. Die Ahnen als Sammler und Spender 
geistiger Giiter und als die zweiundvierzig Totenrichter ; das Er- 
erbte sollte in der physischen Welt kultiviert werden. Wieder- 
erstehung dessen, was damals die Seele erlebt hat zwischen Tod 
und neuer Geburt in unserer Zeit. 



Einladung zum Vortragszyklus 176 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 1 79 

Hinweise zum Text 180 

Namenregister 182 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 183 



ERSTER VORTRAG 



Leipzig, 2. September 1908 

Wenn wir uns fragen, was Geisteswissenschaft den Menschen sein 
soli, so werden wir wohl aus allerlei Empfindungen und Gefuhlen 
heraus, die wir uns im Verlaufe unseres Arbeitens auf diesem Ge- 
biete gebildet haben, eine Antwort immer wieder vor unsere Seele 
stellen: Es soli uns sein Geisteswissenschaft ein Weg zur hdheren 
Entwickelung unserer Menschheit, des Menschentums in uns. 

Damit haben wir ein in gewisser Beziehung fur jeden denkenden 
und fuhlenden Menschen selbstverstandliches Lebensziel hingestellt, 
ein Lebensziel, das einschlieBt die Erreichung der hochsten Ideale, 
das aber auch einschlieBt die Entfaltung der bedeutsamsten, tiefsten 
Krafte in unserer Seele. Im Grunde haben die Besten der Menschen 
zu alien Zeiten sich die Frage gestellt: Wie kann der Mensch das, 
was in ihm veranlagt ist, richtig zur Entfaltung bringen? - Und in 
der mannigfachsten Art sind Antworten gegeben worden. Man kann 
vielleicht keine, die kiirzer und bundiger ist, ftnden als diejenige, 
die aus einer tiefen Gesinnung heraus Goethe gegeben hat in den 
«Geheimnissen» : 

Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, 
Befreit der Mensch sich, der sich iiberwindet. 

Ungeheuer viel und ein tiefer Sinn liegt in diesen Worten, denn 
klar und pragnant zeigen sie uns das, worauf es ankommt in bezug 
auf alle Entwickelung. Darauf kommt es an, daft der Mensch sein 
inneres Empfinden dadurch entwickelt, daB er iiber sich selbst hin- 
auskommt. Dadurch finden wir, daB wir uns sozusagen iiber uns 
selbst erheben. Die Seele, die sich iiberwindet, die findet den Weg 
iiber sich hinaus und damit zu den hochsten Giitern der Menschheit. 

Es darf an dieses hehre Ziel der Geisteswissenschaft erinnert 
werden, wenn wir im BegrifTe stehen, gerade ein solches Therm zu 
behandeln wie das, das uns hier beschaftigen soil. Es wird uns 
zunachst hinausfiihren von dem gewohnlichen Horizonte des Lebens 



zu hohen Angelegenheiten. Weite Zeitraume werden wir zu iiber- 
blicken haben, wenn wir behandeln sollen unseren Gegenstand, eine 
Zeitepoche, die sich erstrecken soli von dem alten Agypten bis in 
unsere Zeit. Jahrtausende sind es, die wir zu iiberblicken haben, und 
es wird das, was wir gewinnen wollen, wirklich etwas sein, was mit 
unseren tiefsten Seelenangelegenheiten zusammenhangen soli, was 
in das Innerste unseres Seelenlebens eingreift. Denn nur scheinbar 
ist es, dafi der Mensch dadurch, daB er zu den Hohen des Lebens 
strebt, sich entferne von dem, was ihm unmittelbar gegeben ist; 
gerade dadurch kommt er zu dem Verstandnis fur das, was ihn 
stiindlich beschaftigt. Der Mensch mufi von der Misere des Tages, 
von dem, was der Alltag bringt, abkommen und zu den groBen 
Ereignissen der Welt- und Volkergeschichte hinaufschauen, dann 
erst flndet er das, was die Seele als ihr Heiligstes bewahrt Sonder- 
bar konnte es scheinen, wenn angedeutet wird, daB Beziehungen 
aufgesucht werden sollen, intime Beziehungen zwischen dem alten 
Agypten, den Zeiten, in denen die gewaltigen Pyramiden und die 
Sphinx entstanden, und unserer eigenen Gegenwart. Es konnte vor- 
erst etwas merkwurdig erscheinen, daB man unsere Zeit dadurch 
besser verstehen will, daB man den Blick so weit zuruckwirft. Nun 
werden wir gerade darum noch iiber viel umfassendere, weitere 
Zeitraume zuriickblicken miissen. Aber auch das wird uns das Ergeb- 
nis liefern, das wir vor Augen haben, das wir suchen, das Ergebnis : 
die Moglichkeit zu finden, iiber uns selbst hinauszukommen. 

Es kann demjenigen, der sich schon mit den elementaren Begrif- 
fen der Geisteswissenschaft griindlicher beschaftigt hat, gar nicht 
sonderbar erscheinen, daB man den Zusammenhang sucht zwischen 
weit auseinanderliegenden Zeitraumen. Denn das ist ja eine Grund- 
iiberzeugung von uns, daB die Menschenseele immer wiederkehrt, 
daB die Erlebnisse zwischen Geburt und Tod wiederholt fur den 
Menschen ablaufen. Die Lehre der Wiederverkorperung ist uns 
immer vertrauter geworden. Indem wir das iiberlegen, konnen wir 
fragen: Ja, diese Seelen, die heute in uns wohnen, waren schon oft 
da; ist es nicht moglich, daB sie auch schon einmal im alten Agypter- 
lande da waren, zur Zeit der agyptischen Kulturepoche, daB die- 



selben Seelen in uns sind, die damals aufgeschaut haben zu den gigan- 
tischen Pyramiden und den ratselhaften Sphingen im alten Agypten? 

Diese Frage ist zu bejahen. Es hat sich das Bild erneuert, und un- 
sere Seelen haben aufgeschaut zu den alten Kulturdenkmalern, die 
sie heute wiedersehen. So sind es im Grunde dieselben Seelen, die 
damals gelebt haben, die durchschritten haben spatere Zeitraume 
und wieder erschienen sind in unserer Zeit. Und wir wissen, daB 
kein Leben ohne Frucht bleibt, wir wissen, dafi dasjenige vorhanden 
ist und bleibt in der Seele, was sie an Erlebnissen und Erfahrungen 
durchgemacht hat, daB es in Form von Kraften, im Temperamente, 
in Fahigkeiten, Anlagen wieder erscheint in spateren Verkorperun- 
gen. So ist die Art, wie wir heute die Natur anschauen, wie wir 
das, was unsere Zeit hervorbringt, aufnehmen, die Art, wie wir 
heute die Welt anschauen, im alten Agypten, dem Lande der Pyra- 
miden, veranlagt worden. Damals sind wir so hergerichtet worden, 
wie wir heute hinausblicken in die physische Welt. Wie sich geheim- 
nisvoll die weiten Zeitraume verketten, das wollen wir einmal er- 
griinden. 

Wenn wir den tieferen Sinn dieser Vortrage betrachten wollen, 
so mussen wir weit in unserer Erdenentwickelung zuriickgehen. Wir 
wissen, daB unsere Erde sich oft verandert hat. Dem alten Agypten 
gingen noch andere Kulturen voraus. Mit den Mitteln der okkulten 
Forschung konnen wir auch noch viel weiter zuriickschauen, in graue 
Vorzeiten der Menschheitsentwickelung, und da kommen wir aller- 
dings in solche Zeiten, in denen die Erde ganz anders aussah als 
heute. Es war ganz anders auf dem Boden des alten Asiens und 
Afrikas. Schauen wir hellseherisch hinab in uralte Zeiten, da kom- 
men wir in jene Zeiten, wo eine gewaltige Katastrophe, durch Was- 
serkrafte bewirkt, auf unserer Erde stattgefunden und deren Antlitz 
grundlich geandert hat. Und wenn wir noch weiter zuriickgehen, so 
kommen wir in uralte Zeiten, in denen die Erde eine ganz andere 
Physiognomie hatte; da kommen wir in Zeiten, wo das, was heute 
zwischen Europa und Amerika den Boden des Atlantischen Ozeans 
bildet, oben war, Land war. Da kommen wir in eine Zeit, in der 
unsere Seelen in ganz anderen Leibern lebten als heute, wir kommen 



in' die alte Atlantis, in uralte Zeiten, von denen die auBere Wissen- 
schaft uns heute noch wenig Kunde geben kann. 

Dann haben durch groBe Wasserkatastrophen diese Lander der 
Atlantis ihren Untergang gefunden. Andere Formen hatten damals 
die Leiber der Menschen, andere Formen haben diese spater ange- 
nofflmen. Aber die Seelen, die heute in uns wohnen, wohnten auch 
in den alten Atlantiern. Das waren unsere Seelen. Dann bewirkte 
die Wasserkatastrophe eine innere Bewegung der atlantischen Vol- 
ker, einen groBen Volkerzug vom Westen nach dem Osten. Diese 
Volker waren wir selbst. Gegen das Ende der Atlantis wurde es 
recht bewegt, wir selbst wanderten von Westen nach Osten, durch 
Irland, Schottland, Holland, Frankreich und Spanien. So wanderten 
die Volker nach dem Osten und bevolkerten Europa, Asien und die 
Nordteile von Afrika. 

Nun darf man nicht glauben, daB das, was heriiberzog aus dem 
Westen als letzter groBer Volkerzug, daB dieser auf den Gebieten, 
die sich nach und nach als Asien, Europa, Afrika gebildet haben, 
keine Volker angetroffen hatte. Fast ganz Europa, die Nordteile 
Afrikas und groBe Teile Asiens waren damals schon bevolkert. Es 
wurden diese Landesteile nicht nur von Westen her bevolkert, son- 
dern sie waren schon fuher bevolkert worden, so daB eine im 
Grunde genommen fremde Bevolkerung es war, die schon da war, 
auf welche dieser Volkerzug stieB. Wir konnen uns denken, daB, als 
ruhigere Zeiten eintraten, sich besondere Kulturverhaltnisse heraus- 
hoben. Es war zum Beispiel in der Nahe Irlands ein Gebiet, da 
wohnten vor der Katastrophe, die Jahrtausende hinter uns liegt, 
die vorgeschrittensten Teile der ganzen Erdbevolkerung. Diese Teile 
zogen dann durch Europa unter besonderer Fiihrung von groBen 
Individualitaten bis in ein Gebiet Mittelasiens, und von dort aus 
wurden Kulturkolonien nach den verschiedensten Gegenden ge- 
sandt. Eine solche Kolonie der nachatlantischen Zeit, die dadurch 
entstand, daB von jener Gruppe von Menschen eine Kolonie nach 
Indien geschickt wurde, traf dort schon eine Bevolkerung, die seit 
uralten Zeiten da war, die auch eine Kultur hatte, und indem die 
Kolonisten das schon Vorhandene beriicksichtigten, griindeten sie die 



erste nachatlantische Kultur, die viele Jahrtausende alt ist, von der 
auBere Dokumente kaum etwas vermelden. Das, was diese sagen, 
liegt Jahrtausende spater. In jenen bedeutsamen Sammlungen von 
Weisheit, die wir bezeichnen als die Sammlungen des Veda, in den 
alten Veden haben wir nur die letzten Nachklange von dem, was 
geblieben ist von einer sehr friihen indischen Kultur, die von iiber- 
irdischen Wesen geleitet wurde und begriindet wurde von den 
heiligen Rishis. Es war eine Kultur einziger Art, von der wir uns 
heute nur schwache Vorstellungen machen konnen, denn die Veden 
sind nur der Abglanz jener uralt heiligen indischen Kultur. 

Auf diese Kultur folgte eine andere, die zweite Kulturepoche der 
nachatlantischen Zeit, die Kultur, aus der spater die Weisheit des 
Zarathustra geflossen ist, die Kultur, aus der die persische hervor- 
gegangen ist. Lange hat die indische Kultur gedauert, lange dauerte 
die persische Kultur, die einen AbschluB in Zarathustra erreichte. 

Dann entsteht, wieder unter dem EinfluB von Kolonisten, die ins 
Nilland geschickt wurden, die Kultur, die wir zusammenfassen kon- 
nen mit den vier Namen: Chaldaisch-agyptisch-assyrisch-babylonische 
Kultur. In Vorderasien, in den Nordteilen Afrikas, bildete sich jene 
Kultur, die wir als die dritte der nachatlantischen Zeit zu bezeichnen 
haben, die auf der einen Seite ihren Hohepunkt in der wunderbaren 
chaldaischen Himmelskunde, der chaldaischen Sternenweisheit, und 
auf der anderen Seite in der agyptischen Kultur erreicht hat. 

Dann kommt ein viertes Zeitalter, das sich im Siiden Europas ent- 
wickelte, das Zeitalter der griechisch-lateinischen Kultur, deren Mor- 
genrote sich auspragt in den Gesangen des Homer, die uns zeigt, was 
in den griechischen Bildwerken offenbart werden konnte, die uns 
zeigt eine Dichtkunst, die so Bedeutsames hervorgebracht hat wie 
die Tragodien des Aschylos und Sophokles. Auch das Romertum gehort 
dazu. Es ist eine Epoche, die anfangt etwa im 8. Jahrhundert, 747 vor 
Christus, und die dauerte bis zum 14. und 15. Jahrhundert, 1413 nach 
Christi Geburt. Von da ab haben wir den funften Zeitraum, in dem 
wir uns befinden, und dieser wird abgelost werden von einem sechsten 
und siebenten Zeitraum. In diesem siebenten Zeitraum wird das alte 
Indertum in neuer Form auftreten. 



Wir werden sehen, daB ein eigenartiges Gesetz besteht, das uns 
verstandlich macht das Wirken wunderbarer Krafte durch diese 
Zeitraume hindurch und den Zusammenhang verschiedener Kultur- 
epochen untereinander. Blicken wir 2uerst auf den ersten Zeitraum, 
den der indischen Kultur, so werden wir finden, daB wir spater diese 
erste Kultur wieder aufleuchten sehen in einer neuen Gestalt im 
siebenten Zeitraum. In einer neuen Form wird da das alte Indertum 
auftreten. Ganz geheimnisvolle Krafte wirken da. Und den zweiten 
Zeitraum, den wir den persischen nannten, den werden wir im sech- 
sten Zeitraum wieder aufleuchten sehen. Wir werden, nachdem un- 
sere Kultur untergegangen sein wird, in der Kultur des sechsten 
Zeitraums aufleben sehen die Zarathustra-Religion. Und in unseren 
Vortragen werden wir sehen, wie in unserem funften Zeitraum eine 
Art Wiedererweckung stattfinden wird des dritten, des agyptischen 
Zeitraums. Der vierte Zeitraum steht mitten darinnen; er ist etwas 
fur sich, er hat nach vor- und riickwarts nicht seinesgleichen. 

Um dies geheimnisvolle Gesetz begreiflicher zu machen, soli 
noch folgendes gesagt werden. Wir wissen, daB das Indertum 
etwas hat, was den heutigen Menschen in seinem Humanitats- 
bewuBtsein fremd beriihrt; das ist die Einteilung in bestimmte Kasten, 
die Einteilung in die Priesterkaste, Kriegerkaste, Handler und Arbei- 
ter. Diese strenge Scheidung ist dem heutigen BewuBtsein fremd. 
In der ersten nachatlantischen Kultur war sie nicht etwas Fremdes, 
sondern etwas Selbstverstandliches. Es konnte damals gar nicht 
anders sein, als daB nach den verschiedenen Befahigungen der See- 
len die Menschheit eingeteilt wurde in vier Grade. Eine Harte 
wurde dabei keineswegs empfunden, denn die Menschen wurden 
durch ihre Fiihrer eingeteilt, und die waren eine solche Autoritat, 
daB dasjenige, was sie anordneten, selbstverstandlich maBgebend 
war. Man sagte sich, daB die Fiihrer, die sieben heiligen Rishis, die 
in der Atlantis selbst ihren Unterricht von gottlichen Wesen emp- 
fangen hatten, sehen konnten, an welchen Platz der Mensch gestellt 
werden muBte. So war eine solche Einteilung der Menschen etwas 
ganz Natiirliches. Ganz anders wird eine Gruppierung der Men- 
schen im siebenten Zeitraum eintreten. War es im ersten Zeitraum 



die Autoritat, die die Einteilung bewirkte, im siebenten Zeitraum 
wird es etwas anderes sein: die Menschen werden sich gruppieren 
nach sachlichen Gesichtspunkten. Etwas Ahnliches sehen wir bei 
den Ameisen; sie bilden einen Staat, der in seinem wunderbaren 
Auf bau sowie auch in der Fahigkeit, eine verhaltnismaBig ungeheure 
Aufgabe zu leisten, von keinem Menschenstaat erreicht wird. Und 
doch haben wir dort gerade das vertreten, was heute dem Menschen 
so fremd erscheint, das Kastenwesen; fur jede Ameise gibt es eine 
partielle Aufgabe. 

Was man auch heute denken mag, die Menschen werden ein- 
sehen, daB in der Teilung in sachliche Gruppen das Heil der Men- 
schen liegt, und sie werden die Moglichkeit finden der Arbeits- 
teilung und doch Gleichberechtigung. Die menschHche Gesellschaft 
wird erscheinen wie eine wunderbare Harmonic Das ist etwas, 
was wir in den Annalen der Zukunft sehen konnen. So wird das 
alte Indien wieder erscheinen. Und in einer ahnlichen Art werden 
gewisse Eigenarten des dritten Zeitraums wieder erscheinen im 
funften Zeitraum. 

Wenn wir nun zunachst auf das blicken, was unmittelbar unser 
Thema einschlieBt, so sehen wir da auch ein gewaltiges Gebiet: 
Wir sehen die gigantische Pyramide, die ratselhafte Sphinx; wir 
werden sehen, dafi die Seelen, die den alten Indern angehorten, 
auch in Agypten verkorpert waren, auch heute verkorpert sind. 
Und wenn wir jene allgemeine Charakteristik etwas im einzelnen 
verfolgen, so sollen uns zunachst zwei Erscheinungen vor Augen 
treten, die uns zeigen werden, wie wir schon in den uberirdischen 
Zusammenhangen zwischen der agyptischen und der heutigen Kul- 
tur geheimnisvolle Faden verfolgen konnen. Wir haben das Gesetz 
der Wiederholung in den verschiedenen Zeitraumen gesehen, un- 
endlich bedeutungsvoller wird es uns aber erscheinen, wenn wir es 
in der geistigen Region verfolgen. 

Wir alle kennen ein Bild von tiefer Bedeutung, das uns gewiB 
alien einmal vor die Seele getreten ist, jenes beriihmte Bild des 
Raffae/, das durch eine Verkettung verschiedener Umstande in be- 
deutungsvoller Art gerade bei uns in Mitteldeutschland sich befin- 



det: ich meine die Sixtinische Madonna. Wir haben vielleicht in 
diesem Bilde, das ja in unzahligen Nachbildungen vor vieier Augen 
treten kann, bewundern gelernt die wunderbare Reinheit, die iiber 
die ganze Gestalt ausgegossen ist; wir haben vielleicht auch in dem 
Antlitz der Mutter, in dem eigenartigen Schweben der Gestalt, etwas 
empfunden, vielleicht auch etwas empfunden in dem tiefen Augen- 
ausdruck des Kindes. Und wenn wir dann rundherum die Wolken- 
gebilde sehen, aus denen zahlreiche Engelskopfchen erscheinen, 
dann haben wir ein noch tieferes Gefuhl, ein Gefuhl, das uns be- 
greiflicher erscheinen laBt das ganze Bild. Ich weiB, daB ich etwas 
Gewagtes ausspreche, wenn ich sage: Sieht jemand ganz tief und 
ernstlich dieses Kind im Arme der Mutter, hinter ihm die Wolken, 
die sich gliedern zu einer Summe von Engelskopfchen, dann hat er 
die Vorstellung: Dieses Kind ist nicht auf natiirliche Art geboren, 
es ist eins von denen, die daneben in den Wolken schweben. Dieses 
Jesuskindlein ist selbst solch eine Wolkengestalt, nur etwas dichter 
geworden, als wenn ein solches Engelchen aus den Wolken auf den 
Arm der Madonna geflogen ware. Das ware gerade ein gesundes 
Empfinden. Wenn wir diesen Gefuhlsinhalt in uns lebendig ma- 
chen, dann wird sich unser Blick erweitern, er wird sich befreien 
von gewissen engen Auffassungen iiber die natiirlichen Zusammen- 
hange des Daseins. Gerade aus einem solchen Bilde heraus wird sich 
der enge Blick erweitern konnen dazu, daB auch das, was nach heu- 
tigen Gesetzen geschehen muB, einmal anders gewesen sein konnte. 
Wir werden einsehen, dafi einstmals eine andere als die geschlecht- 
liche Zeugung bestand. Kurz, wir werden tiefe Zusammenhange 
des Menschlichen mit den geistigen Kraften in diesem Bilde er- 
blicken. Das liegt darinnen. 

Wenn wir den Blick zuruckschweifen lassen von dieser Madonna 
in die agyptische Zeit, da begegnet uns etwas ganz Ahnliches, ein 
gleich hehres Bild. Der Agypter hatte die Isis, jene Gestalt, an die 
sich das Wort kniipft: Ich bin, das da war, das da ist, das da sein 
wird. Meinen Schleier hat noch kein Sterblicher geluftet. 

Ein tiefes Geheimnis, unter einem tiefen Schleier verborgen, 
offenbart sich in der Gestalt der Isis, der lieblichen Gottesgeistig- 



keit, der Isis, die in dem geistigen BewuBtsein des alten Agypters, 
ebenso wie unsere Madonna mit dem Jesuskinde, mit dem Horus- 
kinde dastand. In der Tatsache, daB uns diese Isis vorgefiihrt wird 
als etwas, was das Ewige in sich tragt, werden wir wieder erinnert 
an das Empfinden bei dem Anblick der Madonna. Tiefe Geheim- 
nisse haben wir in der Isis zu sehen, Geheimnisse, die im Geistigen 
begriindet sind. Eine Wiedererinnerung an die Isis ist die Madonna, 
die Isis erscheint wieder in der Madonna. Das ist ein soldier Zu- 
sammenhang. Wir rmissen mit dem Gefuhl die tiefen Geheimnisse 
erkennen, die einen uberirdischen Zusammenhang 2wischen der 
agyptischen und der heutigen Kultur darstellen. 

Noch einen anderen Zusammenhang konnen wir heute hinstel- 
len. Wir erinnern uns, wie der Agypter seine Toten behandelte, wir 
erinnern uns an die Mumien, wie der Agypter etwas darauf gab, 
daB die aufiere physische Form lange konserviert werde, und wir 
wissen, daB der Agypter seine Graber anfiillte mit solchen Mumien, 
in denen er die auBere Form erhalten hatte, und daB er dem Ver- 
storbenen in das Grab mitgab gewisse Geratschaften, Besitztumer, 
als Erinnerungen an das verflossene physische Leben, Geratschaften, 
die den Bediirfnissen des physischen Lebens entsprachen. So sollte 
das, was der Mensch im Physischen gehabt hat, erhalten bleiben. 
So verband der Agypter seine Toten mit dem physischen Plan. Die- 
ser Brauch bildete sich immer mehr heraus. Gerade das zeichnete die 
alte agyptische Kultur aus. 

So etwas ist aber nicht ohne Folgen fur die Seele. Denken wir 
daran, daB unsere Seelen in agyptischen Korpern waren. Das ist 
durchaus richtig, daB unsere Seelen in diesen zu Mumien gewor- 
denen Leibern verkorpert waren. Wir wissen aus den Darstellungen, 
die fruher gegeben worden sind, daB dann, wenn der Mensch von 
seinem physischen Leib und seinem Atherleib nach dem Tode befreit 
ist, daB er dann ein anderes BewuBtsein hat, daB er dann keines- 
wegs in einem bewuBtlosen Zustande in der astralischen Welt lebt. 
Er kann hinunterschauen aus der geistigen Welt, wenn er auch heute 
nicht hinaufschauen kann, er kann aber dann hinunterschauen auf 
die physische Erde. Da ist es nicht gleichgultig, ob der Leib als 



Mumie konserviert ist, oder ob dieser Leib verbrannt ist oder ver- 
west. Es entsteht dadurch eine bestimmte Art von Zusammenhang. 
Wir werden den geheimnisvollen Zusammenhang sehen. Dadurch, 
daB im alten Agypten eine lange Zeit die Leiber konserviert geblie- 
ben sind, haben die Seelen in der Zwischenzeit nach dem Tode etwas 
ganz Bestimmtes erlebt. Sie wuBten, wenn sie herabschauten : das ist 
mein Leib. Sie waren an ihn gebunden, an diesen physischen Leib, 
sie hatten vor sich die Form ihres Leibes; wichtig wurde den Seelen 
dieser Leib, denn die Seele ist eindrucksfahig nach dem Tode. Der 
Eindruck, den der mumifizierte Leib gemacht hat, pragte sich tief 
ein, und die Seele wurde nach diesem Eindruck geformt. 

Nun ging diese Seele durch Verkorperungen in der griechisch- 
lateinischen Kultur hindurch, und sie lebt heute in unserer Zeit in 
uns. Es ist nicht wirkungslos, daft diese Seelen nach dem Tode ihren 
murnifizierten Leib gesehen haben, daB sie dadurch immer wieder 
hingelenkt wurden auf diesen Leib; gar nicht unwesenthch ist das. 
Sie haben ihn in ihre Sympathie aufgenommen, und die Frucht die- 
ses Hinunterblickens tritt heute auf, im fiinften Zeitraum in der 
Neigung, die heute die Seelen haben, groBen Wert auf das auBere 
physische Leben zu legen. Alles das, was wir heute das Hangen an 
der Materie nennen, das kommt davon, daB die Seelen anschauen 
konnten damals aus der geistigen Welt ihre eigene Verkorperung. 
Dadurch hat der Mensch die physische Welt lieben gelernt, da- 
durch wird heute so oft gesagt, daB nur wichtig ist dieser physische 
Leib zwischen Geburt und Tod. 

Solche Anschauungen kommen nicht aus dem Nichts. Damit soli 
nicht etwa eine Kritik der Mumienkultur gegeben werden, sondern 
es soli nur hingewiesen werden auf Notwendigkeiten, die mit der 
immer wiederkehrenden Verkorperung der Seele verbunden sind. 
Die Menschen waren in ihrer Weiterentwickelung gar nicht ohne 
das Hinschauen auf die Mumien ausgekommen. Heute hatte der 
Mensch alles Interesse an der physischen Welt verloren, hatten die 
Agypter nicht den Mumienkult gehabt. Es muBte so kommen, um 
ein berechtigtes Interesse an der physischen Welt zu erwecken. DaB 
heute der Mensch sich seine Welt so eingerichtet hat, daB wir heute 



die Welt so sehen, wie wir sie sehen, das ist eine Folge davon, daB 
der Agypter den physischen Leib nach dem Tode mumifiziert hat. 
Denn auch diese Kulturstromung stand unter dem EinfluB von 
Eingeweihten, die vorausschauen konnten. Man hat nicht aus einem 
Einfall heraus Mumien gemacht. Gerade damals fiihrten hohe Indi- 
vidualitaten die Menschheit, welche anordneten, was richtig war. 
Auf Autoritat hin wurde das gemacht. In den Eingeweihtenschulen 
hat man gewuBt, daB unser Zeitraum mit dem dritten Zeitraum zu- 
sammenhangt. Diese geheimnisvollen Zusammenhange standen da- 
mals den Priestern vor Augen, und sie ordneten gerade die Mumi- 
fizierung an, damit die Seelen die Gesinnung aufnahmen, die aus 
der physischen, auBeren Welt geistige Erfahrung sucht. 

So wird die Welt durch Weisheit geleitet; das ist ein anderes 
Beispiel solcher Zusammenhange. DaB die Menschen heute so den- 
ken, wie sie denken, das ist das Ergebnis dessen, was sie erlebt ha- 
ben im alten Agypten. Da blicken wir in tiefe Geheimnisse hinein, 
die sich in den Kulturstromungen ofTenbaren. Wir haben diese Ge- 
heimnisse nur erst beriihrt, denn das, was gezeigt worden ist an der 
Madonna als einer Erinnerung an die Isis, und was wir gesehen ha- 
ben an der Mumifizierung, beriihrt nur schwach die wirklichen gei- 
stigen Zusammenhange. Aber wir werden noch tiefer hineinleuch- 
ten in jene Verhaltnisse, wir werden nicht nur das zu betrachten 
haben, was auBerlich erscheint, sondern wir werden zu betrachten 
haben, was dem AuBeren zugrunde liegt. 

Das auBere Leben verlauft zwischen Geburt und Tod. Ein viel 
langeres Leben lebt der Mensch nach dem Tode, was wir kennen 
als Kamaloka und die Erlebnisse in der geistigen Welt. Die Erleb- 
nisse in den ubersinnlichen Welten sind nicht etwa einformiger als 
die Erlebnisse hier in der physischen Welt. Was erlebten wir denn 
als alte Agypter in der anderen Welt? 

Wenn wir den Blick an der Pyramide entlang schweifen lieBen, 
wenn wir ihn richteten auf die Sphinx, wie ganz anders verfloB jenes 
Leben, wie ganz anders hat unsere Seele damals gelebt zwischen 
Geburt und Tod! Das laBt sich gar nicht vergleichen mit dem heu- 
tigen Leben, das hatte auch gar keinen Sinn. Und mannigfaltiger 



noch als die auBeren Erlebnisse sind die Erlebnisse zwischen dem 
Tod und einer neuen Geburt. Damals, als der agyptische Zeitraum 
war, da erlebte die Seele etwas ganz anderes als in der griechischen 
Welt, als zur Zeit Karls des Grofien und als in unserer Zeit. Auch 
in der anderen, in der geistigen Welt, findet eine Entwickelung 
statt, und das, was der Mensch heute zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt erlebt, ist etwas ganz anderes, als was der alte Agyp- 
ter erlebte, wenn er mit dem Tode ablegte die auBere Ge- 
stalt. Und ebenso wie die Mumifizierung in einer Eigenart sich 
fortgebildet hat, so daB sie die Ursache der heutigen Gesinnung 
ist, ebenso wie dieses auBere Leben vom dritten sich wiederholt in 
dem fiinften Zeitraum, ebenso findet ein Fortgang der Entwickelung 
in jenen geheimnisvollen Welten zwischen Tod und Geburt statt. 
Auch das werden wir zu betrachten haben, auch da wird sich ein 
geheimnisvoller Zusammenhang ergeben. Und dann werden wir 
etwas zusammengetragen haben, um das wirklich zu begreifen, was 
in uns lebt, was in uns Frucht ist aus jener alten Zeit. 

Allerdings werden wir da hinuntergefuhrt in tiefe Schachte des 
Labyrinthes der Erdenentwickelung. Aber gerade dadurch werden 
wir auch den vollen Bezug zwischen dem, was der Agypter baute, 
der Chaldaer dachte, und dem, was wir heute leben, erkennen. Das, 
was damals gewirkt wurde, das werden wir wieder aufleuchten 
sehen in dem, was uns umgibt, in dem, was uns interessiert in un- 
serer Umwelt. Physisch und geistig werden wir uber diesen Zusam- 
menhang Aufschlusse erhalten. Dazu wird gezeigt werden, wie die 
Entwickelung fortschreitet, wie der vierte Zeitraum ein ganz wun- 
derbares Verbindungsglied bildet zwischen dem dritten und fiinften 
Zeitraum. Und so wird sich unsere Seele erheben zu den bedeutungs- 
vollen Zusammenhangen der Welt, und die Frucht wird sein ein 
tiefes Verstandnis dessen, was in uns lebt. 



ZWEITER VORTRAG 



Leipzig, 3. September 1908 

Wir haben gestern versucht, gewisse Zusammenhange in den 
Lebensverhaltnissen, namentlich auch in den geistigen Verhaltnissen 
der sogenannten nachadantischen Zeit, vor unsere Augen zu stellen. 
Wir haben gesehen, wie die erste Kulturepoche dieser Zeit sich 
wiederholen wird in der letzten, der siebenten Kulturepoche, wie 
die persische Kultur sich wiederholen wird in der sechsten Kultur- 
epoche, und wie die Kulturepoche, die uns in den nachsten Tagen 
beschaftigen wird, die agyptische, sich wiederholt in dem Leben und 
den Schicksalen von uns selbst, in der fiinften Kultur. Von der 
vierten Kultur, der griechisch-lateinischen Zeit, konnten wir sagen, 
daB sie sich eine Ausnahmestellung bewahrt hat, daft sie keine Wie- 
derholung erlebt. Damit haben wir skizzenhaft hinweisen konnen 
auf geheimnisvolle Zusammenhange in den Kulturen der nach- 
atlantischen Zeit, die auf die Zeit der Atlantis folgte, der Atlantis, 
die durch gewaltige Wasserkatastrophen zugrunde gegangen ist. 
Auch diese der Atlantis nachfolgende Zeit wird untergehen. 

Am Ende unserer fiinften groBen Epoche, der nachadantischen, 
werden auch Katastrophen folgen, die ahnlich wirken werden wie 
jene am SchluB der atlantischen Epoche. Durch den Krieg aller ge- 
gen alle wird die siebente Kultur der fiinften Epoche ihren AbschluB 
finden. Es waren interessante Zusammenhange, die da angedeutet 
worden sind in gewissen Wiederholungen, die, wenn wir sie genauer 
verfolgen werden, tief hineinleuchten werden in unser Seelenleben. 

Heute miissen wir, womit wir uns einen Unterbau schaffen wol- 
len, noch andere Wiederholungen vor unser geistiges Auge treten 
lassen. Wir werden den Blick weit hinausschweifen lassen in das 
Werden unserer Erde und werden sehen, daB die weiten Horizonte 
uns ganz intim interessieren miissen. 

Nur eine Mahnung sei noch an den Anfang gestellt, eine War- 
ming vor schematischen Wiederholungen. Wenn auf dem Gebiete 
des Okkultismus von solchen Wiederholungen die Rede ist, wie: 



die erste Kulturepoche wiederholt sich in der siebenten, die dritte 
in der funften, dann kann leicht irgendeine Kombinationsgabe 
sich betatigen wollen und solche Schemata auch fur andere Ver- 
haltnisse aufsuchen wollen. Man konnte glauben, daB man das 
konnte, und in der Tat wird in vielen Biichern iiber Theosophie 
mancher Unfug dadurch getrieben. Da muB denn streng gewarnt 
werden, daB nicht solche Kombinationen entscheiden, sondern ein- 
zig die Anschauung, die geistige Anschauung, sonst wird man 
fehlgehen. Vor solchen Kombinationen muB gewarnt werden. Das 
was wir lesen konnen in der geistigen Welt, laBt sich zwar durch 
Logik begreifen, aber nicht finden. Erleben laBt es sich nur durch die 
Erfahrung. 

Wir miissen, wenn wir genauer die Kulturepochen verstehen wol- 
len, uns einen tjberblick verschaffen iiber das Werden der Erde 
iiberhaupt, wie es sich darstellt dem Seher, der in das Geschehen 
urferner Vergangenheit seinen geistigen Blick richten kann. 

Wenn wir innerhalb dieses Werdens der Erde weit zuruckblicken, 
dann konnen wir uns sagen, daB unsere Erde nicht immer so aussah 
wie heute. Sie hatte nicht den festen mineralischen Grund wie heute, 
das Mineralreich war nicht so wie heute, auch trug sie nicht solche 
Pflanzen und Tiere wie heute, und die Menschen waren nicht in 
einem fleischlichen Leibe wie heute, der Mensch hatte kein Kno- 
chensystem. Das hat sich alles erst spater gebildet. Je weiter wir 
zuriickschauen, desto mehr nahern wir uns einem Zustand, den wir, 
wenn wir ihn aus den Weltenfernen hatten betrachten konnen, ge- 
sehen haben wiirden nur wie einen Nebel, wie eine feine, atherische 
Wolke. Dieser Nebel wiirde zwar viel groBer gewesen sein als unsere 
heutige Erde, denn dieser Nebel wiirde gereicht haben bis in die 
Fernen der auBersten Planeten unseres Sonnensystems und dariiber 
hinaus. Das alles hatte umfaBt eine weitreichende Nebelmasse, 
worin nicht allein das war, woraus sich unsere Erde gebildet hat, 
sondern alle Planeten, auch die Sonne selbst waren darin. Und wenn 
wir diese Nebelmasse genauer hatten untersuchen konnen - vor- 
ausgesetzt, der Beschauer hatte sich ihr nahern konnen -, so 
wiirde sie fur uns so ausgesehen haben, wie wenn sie aus lauter 



feinen atherischen Punkten zusammengesetzt gewesen ware. Wenn 
wir einen Miickenschwarm von feme ansehen, dann erscheint die- 
ser uns wie eine Wolke, in der Nahe aber sehen wir die einzelnen 
Tierchen. So etwa hatten wir damals die Masse der Erde in urferner 
Vergangenheit gesehen, die damals nicht materiell war in unserem 
Sinne, sondern bis zum atherischen Zustande verdichtet war. Diese 
Erdenbildung bestand also aus einzelnen Atherpunkten, aber mit 
diesen Atherpunkten war etwas ganz Besonderes verbunden. Wenn 
wir allerdings daran festhalten, daB das menschliche Auge die 
Punkte hatte sehen konnen, so hatte dieses nicht so etwas wahr- 
genommen, wie der Hellseher das gesehen haben wurde, was er 
heute auch noch in der Tat riickblickend sieht. Das wollen wir uns 
durch einen Vergleich naherbringen. 

Nehmen wir ein Samenkorn einer Rose, einer wilden Rose, ein 
vollig ausgebildetes Samenkorn. Was sieht der, der es betrachtet? 
Er sieht einen Korper, der sehr klein ist, und wenn er nicht gelernt 
hat, wie das Samenkorn der wilden Rose aussieht, so wird er niemals 
herauskriegen konnen, daB da eine Hundsrose herauswachsen kann. 
Das wurde er aus der bloBen Form des Korns niemals erraten. Der 
aber, der mit einer gewissen hellseherischen Fahigkeit begabt ist, 
der wird folgendes erleben konnen. Das Samenkorn wird allmah- 
lich vor seinem Blick verschwinden, aber vor sein hellseherisches 
Auge wird treten eine blumenahnliche Gestalt, die aus dem Korn 
geistig herauswachst. Sie steht vor dem hellseherischen Blick, eine 
wirkliche Form, die nur im Geiste erschaut werden kann. Diese 
Form ist das Urbild dessen, was spater herauswachst aus dem Korn. 
Nun wiirden wir uns irren, wenn wir glaubten, dafi dieses Bild ganz 
der Pflanze gleich sei, die dem Samenkorn entspricht. Es ist ganz 
und gar nicht gleich. Es ist eine wunderbare Lichtgestalt, die in sich 
Stromungen und komplizierte Bildungen zeigt, und man konnte sa- 
gen, dafi das, was spater herauswachst aus dem Korn, bloB ein Schat- 
ten dieser wunderbaren geistigen Lichtgestalt sei, die der Hellseher in 
dem Samenkorn sehen kann. Halten wir dieses Bild fest, wie der Hell- 
seher sieht das Urbild der Pflanze, und jetzt sehen wir wieder auf 
unsere Urerde, auf die einzelnen atherischen Punkte zuruck. 



Wenn nun der Hellseher, ebenso wie in dem vorigen Beispiele, 
sich gegeniiberstellte einem solchen atherischen Staubpunkte der 
Ursubstanz, so wiirde fur ihn aus diesem atherischen Staubkorn, 
ganz in ahnlicher Weise wie aus dem Samenkorn, eine Lichtgestalt 
herauswachsen, eine prachtige Gestalt, die in Wirklichkeit nicht da 
ist, die schlummernd in diesem Staubkorn ruht. Und was ist es denn, 
was da als eine Gestalt der Seher sehen kann, ruckblickend auf die- 
ses Urerdenatom? Was ist es denn, was da herauswachst? Das ist 
eine Gestalt, die wiederum verschieden ist - so verschieden wie 
das Urbild der Pflanze von der sinnlichen Pflanze - von dem physi- 
schen Menschen: Es ist das Urbild der heutigen Menschengestalt. 
Damals schlummerte geistig die Menschengestalt in dem atherischen 
Staubkorn, und die ganze Erdenentwickelung war notwendig, damit 
das, was da ruhte, zum heutigen Menschen sich entwickelte. Dazu 
waren viele, viele Dinge notwendig, so wie fur das Samenkorn auch 
vieles notwendig ist, wie der Samen in die Erde gesenkt werden 
muB, und wie die Sonne ihm ihre Warmestrahlen schicken muB, 
damit er sich zur Pflanze entwickelt. Und wir werden allmahlich 
verstehen, wie das zum Menschen wurde, wenn wir uns klarmachen, 
was alles geschehen ist in der Zwischenzeit. 

In der urfernen Vergangenheit waren mit unserer Erde alle Pla- 
neten verbunden. Wir wollen jedoch zunachst einmal Sonne, Mond 
und Erde betrachten, die uns ja auch heute besonders interessieren. 
Unsere Sonne, unser Mond und unsere Erde waren damals auch 
nicht allein, sondern sie waren beisammen. Wenn wir diese drei 
heutigen Korper zusammenruhren wiirden wie zu einem Brei in 
einem groBen Weltentopfe, und wir uns das als einen Weltenkorper 
denken wiirden, so wiirden wir das bekommen, was die Erde in 
ihrem Urzustand war, namlich : Sonne plus Erde plus Mond. Natiir- 
lich konnte da der Mensch nur in einem geistigen Zustande leben. 
Damals konnte er nur in diesem Zustande leben, weil mit der Erde 
auch verbunden war, was in der heutigen Sonne ist. Und es dauerte 
eine lange, lange Zeit hindurch, daB der Weltenkorper, unsere Erde, 
Sonne und Mond noch in sich hatte und noch zusammen war mit 
all den Wesenheiten und Kraften, die damit verbunden waren. In 



diesen Zeiten war der Mensch noch in dem Uratom des Menschen 
nut geistig vorhanden. Das ist erst anders geworden in der Zeit, 
in der sich etwas ganz Bedeutsames in unserer Weltenentwickelung 
vollzogen hatte, namlich, als sich die Sonne als ein selbstandiger 
Korper abspaltete und zuriickgelassen hat Erde und Mond. Jetzt 
haben wir, was friiher eine Einheit war, als eine Zweiheit, zwei 
Weltenkorper, die Sonne und andererseits die Erde plus Mond. 
Warum ist das geschehen? 

Alles was geschieht, hat natiirlich einen tiefen Sinn, den wir 
verstehen werden, wenn wir riickschauend finden, daB damals auf 
der Erde nicht nur Menschen lebten, sondern daB auch andere 
Wesen geistiger Art mit ihnen verbunden waren, die zwar nicht fur 
physische Augen wahrnehmbar waren, die aber doch vorhanden 
waren, so wahr vorhanden wie die Menschen und die anderen phy- 
sischen Wesen. So sind zum Beispiel mit unserer Welt Wesen ver- 
bunden, im Umkreis der Erde lebend, die die christliche Esoterik 
Engel, Angeloi nennt. Diese Wesenheiten konnen wir uns am besten 
vorstellen, wenn wir bedenken, daB ein solches Wesen auf der Stufe 
steht, auf welcher der Mensch sein wird, wenn die Erde ihre Ent- 
wickelung beendet haben wird. Heute sind diese Wesen schon so 
weit, wie der Mensch am Ziel seiner Erdenentwickelung sein wird. 
Eine noch hohere Stufe nehmen die Erzengel, Archangeloi oder 
Feuergeister ein, Wesenheiten, welche wir erblicken konnen, wenn 
wir unseren geistigen Blick richten auf die Angelegenheiten ganzer 
Volker. Diese Angelegenheiten werden gelenkt von Wesenheiten, 
die man Erzengel oder Archangeloi nennt. Eine noch hohere Art 
von Wesenheiten nennt man die Urbeginne oder Archai oder die 
Geister der Personlichkeit, und wir finden diese, wenn wir den 
Blick schweifen lassen iiber ganze Zeiten und viele Volker und 
deren Beziehungen und Gegensatze und ins Auge fas sen das, was 
man gewohnlich den Zeitgeist nennt. Wenn man zum Beispiel un- 
sere Zeit betrachtet, so wird diese geleitet von hoheren Wesen, die 
man Urbeginne oder Archai nennt. Dann gibt es noch hohere 
Wesenheiten, die man in der christlichen Esoterik Gewalten oder 
Exusiai oder Geister der Form nennt. So sind also mit unserer Erde 



verbunden unzahlige Wesenheiten, die sich sozusagen wie in einer 
Art von Stufenleiter dem Menschen angliedern. 

Wenn wir bei dem Mineral anfangen und aufsteigen vom Mineral 
zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier und dann zum Menschen, 
so ist der Mensch das hochste physische Wesen; die anderen aber 
sind ebenso da, sie sind zwischen uns, durchdringen uns. Im Be- 
ginne unserer Erdenentwickelung nun, von der wir eben gesprochen, 
als die Erde gleichsam als Urnebel auftaucht aus dem SchoBe der 
Ewigkeit, da sind alle solchen Wesen verbunden mit der Erde, und 
es wiirde sich fur den Hellseher ergeben, wie zu gleicher Zeit mit 
der Menschengestalt auch andere Wesen jenes Bild durchdringen. 
Es sind die oben genannten Wesen und Wesen noch hoherer Art, 
wie die Machte, die Herrschaften, die Throne, die Cherubim und 
dann die Seraphim. Das sind alles Wesen, die innig verbunden 
waren mit jenem gewaltigen atherischen Staub, aber sie stehen auf 
verschiedenen Stufen der Entwickelung. Es gibt solche, welche eine 
Erhabenheit haben, von der der Mensch keine Ahnung hat, doch 
gibt es auch Wesen, die den Menschen naherstehen. Weil solche 
Wesenheiten auf verschiedener Stufe standen, konnten sie ihre Ent- 
wickelung nicht in der Art durchmachen wie der Mensch, es mufite 
fur sie ein Wohnplatz geschaffen werden. Es waren unter den hohen 
Wesenheiten solche, die sehr viel eingebuBt hatten, wenn sie mit 
den niederen Wesen verbunden geblieben waren. Daher sonderten 
sie sich ab. Sie nahmen aus dem Nebel die feinsten Substanzen 
heraus und bildeten sich in der Sonne ihren Wohnsitz. Sie bildeten 
sich dort ihren Himmel; da fanden sie das rechte Tempo ihrer Ent- 
wickelung. Waren sie in den geringeren Substanzen geblieben, die sie 
in der Erde zuriickgelassen haben, dann wiirden sie dadurch ihre Ent- 
wickelung nicht haben fortsetzen konnen. Das ware eine Hemmung, 
wie ein Bleigewicht in ihrer Entwickelung gewesen. Wir sehen daraus, 
wie das, was materiell geschieht, wie die Spaltung der Weltsubstanz, 
nicht bloB aus physikalischer Ursache geschieht, sondern durch die 
Krafte der Wesenheiten, die einen Wohnsitz fur ihre Entwickelung not- 
wendig haben; es geschieht, weil sie ihr Weltenhaus bauen miissen. 
Das miissen wir betonen, daB geistige Ursachen zugrunde liegen. 



So ist zuriickgeblieben auf der Erde plus Mond der Mensch und 
mit ihm hohere Wesen der untersten Hierarchie, wie Engel und 
Erzengel und Wesenheiten, die tiefer standen als er selbst. Nur 
eine einzige machtige Wesenheit, die eigentlich schon reif war, mit 
auf den Schauplatz der Sonne zu wandern, hat sich geopfert und 
ist mitgegangen mit Erde plus Mond. Es ist die Wesenheit, die spa- 
ter Jahve oder Jehova genannt wurde. Er hat die Sonne verlassen 
und wurde dann der Leiter der Angelegenheiten auf der Erde plus 
Mond. So haben wir zwei Wohnplatze: die Sonne mit den erhaben- 
sten Wesen, unter der Fiihrung einer besonders hohen, erhabenen 
Wesenheit, die die Gnostiker zum Beispiel sich vorzustellen versuch- 
ten unter dem Namen Pleroma. Wir sollen uns dieses Wesen vor- 
stellen als den Regenten der Sonne. Jahve ist der Leiter der Erde 
plus Mond. Wir wollen das ganz besonders festhalten, daB die 
edelsten, erhabensten Geister mit der Sonne herausgegangen sind 
und die Erde mit dem Monde zuriickgelassen haben. Der Mond war 
noch nicht abgespalten, er war noch in der Erde darinnen. Wie 
kann man nun diesen kosmischen Vorgang der Abtrennung der 
Sonne von der Erde empfinden? Man muB vor alien Dingen die 
Sonne mit ihren Bewohnern empfinden als das Hehrste, Reinste, 
Erhabenste, was mit der Erde fruher in Verbindung gewesen war, 
und dann muB man empfinden das, was Erde plus Mond ist, als das, 
was sich dagegen als das Niedere herausgebildet hat. Der Zustand 
war damals noch niedriger als der unserer heutigen Erde. Diese 
steht wiederum hoher, denn es trat ein spaterer Zeitpunkt ein, in 
dem die Erde sich des Mondes entledigte und mit ihm ihrer groberen 
Substanzen, mit denen der Mensch sich nicht weiter hatte entwickeln 
konnen. Die Erde muBte den Mond herauswerfen. 

Vorher aber war die finsterste, schauervollste Zeit fur unsere Erde, 
da war das, was die edlen Entwickelungsanlagen hatte, unter die 
Gewalt schlimmer, sehr schlimmer Krafte gekommen, und erst da- 
durch konnte der Mensch weiterkommen, daB er die schlimmsten 
Daseinsbedingungen mit dem Monde heraussetzte. 

Wir miissen empfinden, daB da ein Lichtprinzip, ein Prinzip der 
Erhabenheit, das Prinzip der Sonne, entgegensteht dem Prinzip der 



Finsternis, dem Prinzip des Mondes. Hatte man da hellseherisch 
angesehen die Sonne, die damals herausgetreten war, man wiirde 
die Wesen gesehen haben, die sie bewohnen wollten. Aber noch 
etwas anderes hatte man wahrgenommen. Es wiirde, was sich als 
Sonne herausgezogen hatte, sich nicht nur gezeigt haben als ein Zu- 
sammenhang von geistigen Wesen, es hatte sich auch nicht atherisch 
gezeigt, denn das gehorte zum Groberen: es hatte sich gezeigt als 
etwas Astralisches, wie eine machtige Lichtaura. Was man als Licht- 
prinzip empfunden hatte, das hatte man als eine leuchtende Aura 
im Weltenraum gesehen. Dadurch, daB die Erde aber dieses Licht 
herausgelassen hatte, wiirde sie plotzlich verdichtet ausgesehen ha- 
ben, wenn auch noch nicht fest mineralisch. Ein gutes und ein boses, 
ein helles und ein finsteres Prinzip standen sich dazumal gegeniiber. 

Nun wollen wir einmal sehen, wie die Erde aussah, bevor sie den 
Mond heraussetzte. Ganz falsch wiirde die Vorstellung sein, wenn 
man sie sich denken wiirde wie unsere heutige Erde. Der Kern der 
damaligen Erde war eine feurige, brodelnde Masse. Dieser Kern wiirde 
als ein Feuerkern erschienen sein, der aber umgeben war von mach- 
tigen Wassergewalten, jedoch nicht wie unser heutiges Wasser, denn 
darinnen waren ja auch enthalten die Metalle in fliissiger Form. 
In all dem drinnen war der Mensch, aber in ganz anderer Gestalt. 

So war die Erde damals, als sie den Mond heraussonderte. Vor 
alien Dingen war damals auf der Erde nicht die Luft zu finden, die 
war gar nicht darinnen. Die Wesen, die damals da waren, brauch- 
ten gar keine Luft, sie hatten ein ganz anderes Atmungssystem. Der 
Mensch war eine Art Fisch-Amphibium geworden. Aber aus ganz 
weicher, fliissiger Materie bestand er. Das, was er in sich sog, 
war nicht Luft, sondern dasjenige, was in dem Wasser ent- 
halten war. So etw T a sah die Erde in der damaligen Zeit aus. Wir 
rmissen die damalige Zeit empfinden als etwas, wo die Erde tiefer 
stand als unsere heutige Erde. Das muBte so sein. Der Mensch hatte 
sonst niemals das richtige Tempo und die Mittel zu seiner Ent- 
wickelung finden konnen, hatten sich nicht Sonne und Mond von 
der Erde abgespalten. Mit der Sonne in der Erde ware alles zu 
schnell gegangen, aber viel zu langsam ware alles gegangen mit den 



Kraften, die jetzt auf dem Monde wirken. Als der Mond unter 
machtigen Katastrophen sich herauszog aus der Erde, da bereitete 
sich nach und nach vor, was man nennen konnte die Trennung einer 
Lufthiille und des Wasserelements. Die Luft war damals ganz und 
gar nicht die Luft von heute, sondern alle moglichen Dampfe waren 
noch darinnen enthalten. Aber dasjenige Wesen, was sich damals 
allmahlich vorbereitete, war erst eine gewisse Anlage zum heuti- 
gen Menschen. Wir werden das alles noch genauer zu schildern 
haben. 

So haben wir den Menschen in drei Verhaltnissen kennengelernt. 
Erstens in dem Verhaltnis, wo er zusammenlebte mit Erde plus 
Sonne plus Mond und alien hoheren Wesenheiten in dem einen 
Weltenkorper. Da wiirde er sich fur den hellsehenden Blick so dar- 
stellen, wie wir das beschrieben haben. Dann konnen wir ihn unter 
recht ungiinstigen Verhaltnissen kennenlernen auf der Erde plus 
Mond. Ware er in diesem Verhaltnis geblieben, er ware ein sehr 
bosartiges, ein furchtbar wildes Wesen geworden. Als die Sonne 
sich getrennt hatte, da haben wir den Gegensatz von Sonne auf der 
einen Seite, und Mond plus Erde auf der anderen Seite. Die Sonne 
erglanzte, als die groBe gewaltige Sonnenaura im Raum, in ihrer 
strahlenden Glorie. Auf der anderen Seite blieben die Erde plus 
Mond mit all den unheimlichen Kraften, welche auch die edleren 
Elemente im Menschen herunterzogen. So war die Zweigliedrigkeit 
entstanden. Und dann kommt die Dreigliedrigkeit. Die Sonne bleibt, 
was sie ist, die Erde aber trennt sich von dem Monde, die grobsten 
Substanzen treten heraus ; der Mensch aber bleibt auf der Erde zuriick. 

Als ein dreifaches Prinzip empfindet der Mensch die Krafte, 
wenn er auf den dritten Zeitraum blickt. Er fragt sich: Woher kom- 
men diese Krafte? - Im ersten Zeitraum war der Mensch noch mit all 
den hohen Kraften der Sonne verbunden. Die Krafte, die sich in 
dem zweiten Zeitraum entwickelten, waren dann mit dem Monde 
hinausgegangen. Wie eine Erlosung empfand das der Mensch, aber 
er hatte auch die Erinnerung an den ersten Zeitraum, als er noch 
mit den Sonnenwesen vereint war. Der Mensch hatte die Sehnsucht 
kennengelernt, er empfand sich als der verstoBene Sohn. Und mit 



den Kraften, die mit Sonne und Mond hinausgegangen waren, mit die- 
sen Kraften konnte er sich fuhlen als ein Sohn von Sonne und Mond. 

So entwickelt sich unser Erdenkorper von der Einheit zur Zwei- 
heit, bis zur Dreiheit: Sonne, Erde, Mond. Die Zeit, wo der Mond 
sich herausspaltete, wo der Mensch erst die Moglichkeit erhielt, sich 
zu entwickeln, diese Zeit bezeichnet man als das lemurische Zeit- 
alter. Und nachdem gewaltige Feuerkatastrophen die lemurische 
Zeit abgeschlossen hatten, da trat allmahlich ein Zustand unserer 
Erde ein, der herbeifuhren konnte die Verhaltnisse, die in der alten 
Atlantis sich entwickeln konnten. Die ersten Anfange von Land 
ragten aus den Wassermassen empor. Das war lange Zeit nach der 
Herausspaltung des Mondes. Aber durch diese Herausspaltung 
konnte die Erde sich erst so entwickeln. In der Atlantis war der 
Mensch auch noch ganz anders als heute - das werden wir spater 
noch beriihren konnen -, aber in der atlantischen Zeit war er doch 
schon so weit, daB er als eine weiche, sozusagen schwimmende, 
schwebende Masse sich fortbewegte und die Lufthiille belebte. Erst 
ganz allmahlich entwickelte sich das Knochensystem. Um die Mitte 
der Atlantis ist der Mensch erst soweit, daB er einigermaBen unserer 
heutigen Gestalt ahnlich sieht. Aber der Mensch hatte in der Atlantis 
ein hellseherisches BewuBtsein, und unser heutiges BewuBtsein hat 
sich erst in viel spateren Zeiten entwickelt, und wollen wir den da- 
maligen Menschen verstehen, so miissen wir dieses damalige Hell- 
seherbewuBtsein uns vor Augen fuhren. Wir verstehen es am besten 
im Verglekh mit dem heutigen BewuBtsein. 

Heute nimmt der Mensch von dem Morgen bis zum Abend die 
Welt sinnlich wahr. Er nimmt durch seine Sinnestatigkeit fortwah- 
rend Gesichts- und Gehorseindnicke auf. Mit dem Einbruch der 
Nacht jedoch sinkt diese sinnliche Welt in ein Meer von BewuBt- 
losigkeit fur den Menschen unter. Allerdings fur den Okkultisten 
ist das in Wirklichkeit keine BewuBtlosigkeit, sondern nur ein nie- 
derer Grad von BewuBtsein. Jetzt wollen wir uns klarmachen, daB 
heute der Mensch ein doppeltes BewuBtsein hat, ein helles Tages- 
bewuBtsein und ein Schlaf- oder TraumbewuBtsein. So war es nun 
nicht in den ersten Zeiten der Atlantis. 



Betrachten wir den Wechsel zwischen Wachen und Schlaf in die- 
ser ersten Zeit. Da war es auch so, daB der Mensch wahrend einer 
bestimmten Zeit untertauchte in seinen physischen Leib, aber er 
nahm da die Gegenstande nicht in den scharfen Konturen wahr wie 
heute. Wenn wir uns etwa vorstellen, wir gingen aus in einem dich- 
ten Winternebel, und wir sahen abends die Laternen wie umgeben 
von einer Lichtaura, so haben wir eine ungefahre Vorstellung von 
dem GegenstandsbewuBtsein des Atlantiers. Alles war fur den da- 
maligen Menschen umgeben von solchem Nebel, alles war wie in 
einem Nebel darinnen. Das war damals der Tagesanblick. Des 
Nachts bot sich ein ganz anderer dar. Der Nachtanblick war aber 
auch nicht der, wie er heute ist. Wenn der Atlantier herausstieg 
aus seinem Leibe, so versank er nicht in BewuBtlosigkeit, sondern er 
befand sich in einer Welt gottlich-geistiger Wesen, von Ich-Wesen, 
die er um sich herum wahrnahm als seine Genossen. So wahr der 
Mensch heute wahrend der Nacht diese Wesen nicht sieht, so wahr 
ist er in jenen Zeiten in ein Meer von Geistigkeit untergetaucht, in 
dem er in der Tat die gottlichen Wesen wahrnahm. Bei Tage war er 
der Genosse der niederen Reiche, bei Nacht war er der Genosse der 
hoheren Wesenheiten. So lebte der Mensch in einem GeistesbewuBt- 
sein, wenn auch dammerhaft; wenn er auch kein SelbstbewuBtsein 
hatte, er lebte unter diesen gottlich-geistigen Wesenheiten. 

Jetzt verfolgen wir einmal die vier Zeitraume in unserer Erden- 
entwickelung. Wir verfolgen zuerst den Zeitraum, in dem Sonne 
und Mond noch verbunden waren mit der Erde. Diesen Zeitraum 
stellen wir vor unsere Seele. Wir miissen uns sagen: reine, ideale 
Wesen sind die Wesen dieser Erde eigentlich, und der Mensch ist 
eigentlich nur als ein Atherkdrper vorhanden und nur geistigen Augen 
erschaubar. Dann kommen wir zu dem zweiten Zeitraum. Wir sehen 
die Sonne als einen Korper fur sich, sichtbar als Aura, und Mond 
plus Erde als eine Welt des Bosen. Dann kommen wir zu einem 
dritten Zeitraum: der Mond trennt sich auch von der Erde, und 
auf die Erde wirken die Krafte, die das Ergebnis dieser Dreiheit 
sind. Und dann kommen wir zu einem vierten Zeitraum. Der 
Mensch ist da schon ein Wesen in der physischen Welt, die ihm 



nebelhaft erscheint; im Schlafe ist er noch der Genosse gottlicher 
Wesenheiten. Das ist der Zeitraum, der abschliefit mit gewaltigen 
Wasserkatastrophen, die Zeit der Atlantis. 

Und jetzt gehen wir einmal einen Schritt weiter, gehen wir zu 
dem Menschen der nachatlantischen Zeit. Wie gesagt, er hat sich 
durch viele Jahrtausende entwickelt. Wir sehen ihn zunachst in den 
ersten Kulturepochen der nachatlantischen Zeit: der urindischen, 
der urpersischen, der agyptisch-chaldaisch-babylonischen und der 
griechisch-lateinischen Kultur und in unserer funften Kultur. Was 
hatte der Mensch vor alien Dingen verloren? Eines hatte er ver- 
loren, das wir uns vorstellen konnen, wenn wir die Schilderung der 
Atlantis uns vor Augen halten. 

Versuchen wir uns den Schlafzustand der Atlantier vorzustellen. 
Da war der Mensch noch der Genosse des Geistigen, der Gotter, er 
nahm eine Welt des Geistigen wahr, wirklich wahr. Das hatte der 
Mensch nach der atlantischen Katastrophe verloren. Nachtliches 
Dunkel breitete sich um ihn aus. Dafur trat eine Aufhellung des 
TagesbewuBtseins ein und die Entwickelung des Ichs. Das alles 
hatte sich der Mensch errungen, aber die alten Gotter waren fur 
ihn entschwunden, sie waren nur noch Erinnerungen, und alles, was 
die Seek erlebt hatte, war in der ersten nachatlantischen Zeit bloB 
Erinnerung, Erinnerung an den fruheren Umgang mit diesen Gotter- 
wesenheiten. 

Nun wissen wir, daB die Seelen dieselben bleiben, daB sie sich 
wiederverkorpern. Gerade wie in den alten Zeiten der Atlantis 
unsere Seelen schon dabei waren, schon wohnten in den Korpern, 
so waren auch diese Seelen bei der Trennung von Mond und Sonne 
von der Erde und auch schon in der allerersten Zeit da. Der Mensch 
war schon da im atherischen Staub. Und jetzt sind die fiinf Kultur- 
epochen der nachatlantischen Zeit in ihren Weltanschauungen, in 
dem, was ihre Religionen sind, nichts anderes als die Erinnerungen 
an die alten Epochen der Erde. 

Der erste, der urindische Zeitraum, der entwickelte eine Religion, 
die wie ein inneres Aufleuchten erscheint, wie eine innere Wieder- 
holung in Vorstellungen und Gefiihlen des allerersten Zeitraums, 



wo Sonne und Mond noch mit der Erde verbunden waren, wo jene 
erhabenen Wesen der Sonne noch auf der Erde wohnten. Wir kon- 
nen uns denken, daB da eine erhabene Vorstellung geweckt werden 
muBte. Und den Geist, der sich mit alien Engeln und Erzengeln, mit 
alien Geistern, hohen Gottern und Wesenheiten verband, in dem 
ersten Zustande der Erde, dem Urnebel, den faBte das indische Be- 
wuBtsein zusammen unter einer hohen Individualist, unter dem 
Namen Brahm, Brahma. Im Geiste wiederholte die erste Kultur- 
epoche der nachatlantischen Zeit das, was geschehen war. Sie ist 
nichts anderes als eine Wiederholung der ersten Erdepoche im in- 
neren Anschauen. 

Nun fassen wir die zweite Kulturperiode ins Auge. In dem Prin- 
zip des Lichtes und der Finsternis, da haben wir das Religions- 
bewuBtsein der urpersischen Kulturperiode. Da stellten die groBen 
Eingeweihten zwei Wesenheiten, von denen sie die eine in der 
Sonne personifiziert sahen, die andere im Monde, die stellten sie 
einander gegeniiber. Ahura Mazdao, die Lichtaura, Ormuzd, ist das 
Wesen, das die Perser als den hochsten Gott verehrten; Ahriman 
ist der bose Geist, der Reprasentant aller der Wesen, die die Erde 
plus Mond besafi. Eine Erinnerung an die zweite Erdepoche ist die 
Religion der Perser. 

Und in der dritten Kulturperiode war es so, daB der Mensch sich 
sagen muBte: In mir sind die Krafte der Sonne und des Mondes, 
ich bin ein Sohn der Sonne und ein Sohn des Mondes. Alle die 
Krafte der Sonne und des Mondes stellen sich wie Vater und Mut- 
ter dar. Haben wir Einheit in der Urzeit als die Anschauung der In- 
der, die Zweiheit nach der Trennung der Sonne sich spiegelnd in 
der Religion der Perser, so finden wir niedergelegt in der religiosen 
Anschauung der Agypter, Chaldaer, Assyrer, Babylonier die Drei- 
heit, wie sie in der dritten Erdepoche da war, nach der Trennung 
von Sonne und Mond. Die Dreiheit tritt in alien Religionsanschau- 
ungen des dritten Zeitraumes auf, und im Agyptertum wird sie ver- 
treten durch Osiris, Isis und Horus. 

Was aber der Mensch in der vierten Erdepoche, der atlantischen, 
erlebt hatte in seinem BewuBtsein, als Genosse der Gotter, die Erin- 



netting daran tritt in der griechisch-lateinischen Kulturperiode auf. 
Die Gotter der Griechen sind nichts anderes als Erinnerungen an die 
Gotter, deren Genosse der Mensch wahrend der Adantis war, die 
Gotter, die er geistig hellseherisch erschaut hatte als atherische Ge- 
stalten, wenn er nachts herausgestiegen war aus seinem physischen 
Leibe. So wahr wie heute der Mensch die auBeren Gegenstande 
sieht, so wahr hat er damals den Zeus, die Athene und so weiter 
gesehen. Es waren fur ihn wirkliche Gestalten. Was der Atlantier 
in seinem hellseherlschen Zustande erlebte und empfand, das kehrte 
fur die Menschen der vierten nachatlantischen Kulturperiode wie- 
der in dem Pantheon. Und wie die agyptische Zeit eine Erinnerung 
der Dreiheit wahrend der lemurischen Zeit war, so war das Erleben 
in der Atlantis geblieben als Erinnerung in der griechischen Hierar- 
chie der Gotter. In Griechenland wie auch sonst in Europa waren 
es wieder dieselben Gotter, die der Atlantier gesehen hatte, nur 
unter anderen Namen. Sie sind nicht erfunden, diese Namen; es 
sind Namen fur dieselben Gestalten, die neben dem Menschen um- 
herwandelten, wenn er in der atlantischen Zeit herausstieg aus sei- 
nem physischen Leib. 

So sehen wir, wie die Epochen des kosmischen Geschehens ihren 
symbolischen Ausdruck finden in den religiosen Anschauungen der 
verschiedenen nachatlantischen Kulturperioden. Das was sich ab- 
gespielt hat wahrend des Schlafes in der atlantischen Zeit, das 
lebte in der vierten Kulturperiode wieder auf. Wir sind im funften 
nachatlantischen Zeitraum. Woran konnen wir uns jetzt zuriick- 
erinnern? Die erste Kulturperiode, die alten Inder, konnten sich die 
erste Erdenepoche vorstellen, die Perser die zweite, das Prinzip des 
Guten und Bosen. Die alten Agypter stellten sich die dritte Epoche 
vor in ihrer Dreiheit. Die griechische, die altgermanische, die ro- 
mische Kulturperiode hatte ihren Olymp. Sie erinnerte sich an die 
Gottergestalten der Atlantis. Dann kam die neuere Zeit, der funfte 
Zeitraum. Woran kann er sich erinnern ? 

An nichts ! - Das ist der Grund, warum in diesem Zeitraum in so 
vieler Beziehung die gotterlose Zeit Platz greifen konnte, und war- 
um dieser funfte Zeitraum darauf angewiesen ist, nicht in die Ver- 



gangenheit, sondern in die Zukunft zu schauen. Der fiinfte Zeit- 
raum muB in die Zukunft blicken, wo alle die Gotter wieder auf- 
erstehen miissen. Diese Wiedervereinigung mit den Gottern wurde 
vorbereitet in der Zeit, wo die Christus-Kraft hereinbrach, die allein 
so stark wirkte, daB sie dem Menschen wieder ein gottliches BewuBt- 
sein geben konnte. Nicht Erinnerungen konnen die Gotterbilder des 
funften Zeitraumes sein; vorausschauen miissen die Menschen des 
funften Zeitraumes, dann wird erst wieder das Leben spirituell. Das 
BewuBtsein muB im funften Zeitraum der nachatlantischen Epoche 
apokalyptisch werden. 

Erinnern wir uns, daB wir gestern die Zusammenhange der einzel- 
nen Kulturen der nachatlantischen Zeit gesehen haben. Heute haben 
wir gesehen, wie das kosmische Geschehen sich widerspiegelt in 
den religiosen Anschauungen der Kulturen. 

Unser funfter Zeitraum steht mitteninne in der Welt, deshalb 
muB er vorausschauen. Erst muB der Christus ganz begriffen wer- 
den in unserer Zeit, denn unsere Seelen sind tief hineinverwoben in 
geheimnisvolle Zusammenhange. Wir werden sehen, wie die Wie- 
derholung der agyptischen Zeit in unserer funften Kulturperiode 
uns einen Ankniipfungspunkt geben wird, wie wir wirklich in die 
Zukunft hinuberkommen konnen. 



DRITTER VORTRAG 
Leipzig, 4, September 1908 



Wir haben gestern iiber den geheimnisvollen Zusammenhang ge- 
sprochen, in dem die friiheren Entwickelungszustande unserer Erde 
mit den verschiedenen Weltanschauungen der aufeinanderfolgenden 
Kulturperioden der nachatlantischen Zeit stehen. Und es hat sich 
die merkwurdige Tatsache uns erschlossen, daB da, als die atlantische 
Katastrophe das Antlitz der Erde verandert hatte, in Indien die vor- 
vedische, uralt heilige indische Kultur mit ihrer gewaltigen philoso- 
phischen Auffassung der ersten Kulturperiode etwas zeigte wie ein 
Spiegelbild der Tatsachen, die sich im Beginne der Erdenentwickelung 
abgespielt haben in einer urfernen Vergangenheit, als Sonne, Mond 
und Erde noch vereinigt waren. Das, was damals im Geiste gesehen 
worden ist, und wozu sich erhoben diejenigen, denen es gegeben war, 
das war nichts anderes, als eine im Geiste erfaBte, spirituelle Gestalt, 
die wirklich war, als unsere Erde im Beginne ihrer Entwickelung 
stand. Und wir haben gesehen, daB der zweite Zustand der Erde, als die 
Sonne sich losgelost hatte, aber Erde und Mond noch einen Korper 
bildeten, daB dieses eigentumliche Gegeniiberstehen von zwei Welten 
in der zweiten Kulturperiode, der urpersischen, als philosophisch- 
religioses System zum Vorschein kam in den Gegensatzen des Licht- 
prinzips in der Sonnenaura und des Prinzips der Finsternis, als der 
Gegensatz des Ormuzd und Ahriman. Die dritte der groBen Kultur- 
perioden, die agyptisch-babylonisch-assyrische, ist eine geistige Spie- 
gelung dessen, was sich abgespielt hat, als Erde, Sonne und Mond 
drei Korper geworden waren. Und wir konnten auch schon skizzen- 
haft darauf hinweisen, daB in der Dreiheit Osiris, Isis, Horus sich 
spiegelt diese astrale Dreiheit der dritten Erdepoche, diese Sternen- 
dreiheit: Sonne, Erde und Mond. Wir haben auch schon darauf hinge- 
wiesen, daB diese Trennung in dem lemurischen Zeitalter erfolgte, 
und daB auf dieses das atlantische Zeitalter folgte, der vierte Entwik- 
kelungszustand unserer Erde, wo ganz andere BewuBtseinsverhalt- 
nisse herrschten als heute. Damals lebte der Mensch durch die andere 



BewuBtseinsform mit den Gottern zusammen, die er kannte, mit den 
Gottern, die man spater Wotan, Baldur, Thor, Zeus, Apollo und so 
weiter benannte. Das sind Wesen, die der atlantische Mensch mit 
seinem Hellsehen hat wahrnehmen konnen. Wir haben die Wieder- 
holung dieses Schauens von gottlich-geistigen Wesenheiten in der 
atlantischen Epoche in der Erinnerung der Volker der griechisch- 
lateinischen Zeit, auch bei den Volkern im Norden Europas. Es war 
die Erinnerung an die Erlebnisse fruherer BewuBtseinszustande. Sei 
es Wotan oder Zeus, sei es Mars, Hera, Athene, alle waren eine 
Erinnerung an die alten Geistgestalten, die den Inhalt jener alten 
Gotterwelt ausmachten. 

So nimmt sich die vierte Kulturperiode aus, daB in ihren Religio- 
nen Spiegelbilder erscheinen dessen, was sich in der Erdenentwik- 
kelung abgespielt hat wahrend der atlantischen Zeit. Nun miissen wir 
uns heute allmahlich ein wenig mehr in die Seelen der alten indischen, 
persischen, agyptischen Kulturmenschheit vertiefen. Wenn wir uns so 
recht ein Bild machen wollen von diesen Erlebnissen, von dem, was 
religios in den alten Kulturperioden lebte, so miissen wir bedenken, 
daB sowohl die wichtigsten Volksbestandteile dieser alten Volker wie 
auch die erleuchteten Personen, die Seher und Propheten, alle Nach- 
folger waren derjenigen Menschen, die auch schon in der atlantischen 
Zeit gelebt haben, und daB keineswegs unmittelbar nach der groBen 
Katastrophe gleich alles zugrunde gegangen war, was alte atlantische 
Kultur war, sondern, daB nach und nach dasjenige, was damals lebte, 
in die neue Zeit hinubergepflanzt worden ist. Und wir werden die 
Seelen der alten nachatlantischen Nachkommen am besten verstehen, 
wenn wir uns in das Seelenleben der letzten Atlantier versenken. 

In der letzten atlantischen Zeit waren die Menschen sehr verschieden 
voneinander. Die einen hatten sich noch einen hohen Grad von hell- 
seherischen Fahigkeiten bewahrt. Dieses Hellsehervermogen war nicht 
plotzlich ganz verschwunden, es war noch bei vielen der Menschen 
vorhanden, die teilnahmen an dem groBen Zuge vom Westen nach 
dem Osten, wahrend es aber anderen schon abhanden gekommen war. 
Es gab vorgeschrittene und zuriickgebliebene Menschen, und es ist 
zu begreifen, daB nach der ganzen Art der damaligen Entwickelung 



gerade die wenigst vorgeschrittenen diejenigen waren, die am besten 
hellsehen konnten, denn sie waren gewissermaBen stehengeblieben 
und hatten bewahrt den alten Charakter der Atlantier. Die Fortge- 
schrittensten waren die, die sich zuerst angeeignet haben das physische 
Wahrnehmen der Welt, die schon mehr unsere Art der Tagesan- 
schauung angenommen hatten. Das waren die Fortgeschrittensten, die 
aufhorten, in der Nacht hellseherisch zu sehen die geistige Welt, die 
immer scharfere Konturen der Gegenstande sahen wahrend des Tag- 
wachens. Und gerade jenes kleine Hauflein, von dem schon gesprochen 
worden ist, das gefuhrt wurde von einem der groBen, von dem groBten 
Eingeweihten, den man gewohnlich als Manu bezeichnet, und seinen 
Schiilern, dieses Volkchen, das bis tief nach Asien hineingefiihrt wurde 
und das von da aus die anderen Kulturlander befruchtete, gerade 
dieses Volkchen, das am fruhesten fur die gewohnlichen Verhaltnisse 
des Lebens die Gabe des alten Hellsehens verlor, das setzte sich zu- 
sammen aus den fortgeschrittensten Menschen der damaligen Zeit. 
Immer deutlicher trat fur sie das TagesbewuBtsein in Erscheinung, 
das was wir sehen als physische Gegenstande mit ihren scharfen Gren- 
zen. Und ihre groBen Fiihrer hatten dieses Volk am weitesten nach 
Asien gefuhrt, damit es in Abgeschlossenheit leben konnte; sonst 
ware es zu sehr in Benihrung gekommen mit anderen Volkern, die 
sich das alte Hellsehen noch bewahrt hatten. Nur, indem es eine 
Zeitlang getrennt blieb von den anderen Volkern, konnte es zu einer 
neuen Art Menschsein heranwachsen. Eine Kolonie wurde in Inner- 
asien begriindet, von wo aus die groBen Kulturstrome zu den ver- 
schiedensten Volkern gehen sollten. 

Zunachst war das nordliche Indien dasjenige Land, das von diesem 
Zentrum seine neue Kulturstromung erhalten hatte. Nun ist hier schon 
angedeutet worden, daB diese kleinen Volkermassen, die ausgesandt 
wurden als Kulturpioniere, nirgends unbewohntes Land gefunden 
haben, denn friiher schon, bevor jener groBe Zug sich von Westen 
nach Osten bewegte, waren schon immer grofie Wanderungen ge- 
schehen, und immer, wenn neue Landstrecken aus dem Meeresgrunde 
sich erhoben, waren sie von den wandernden Scharen bevolkert 
worden. So daB das Volk, das ausgesandt wurde von jener Kolonie 



Asiens, sich vermischen muBte mit anderen Volkermassen, die aber 
alle zuriickgebliebener waren als diejenigen, die vom Manu gefuhrt 
worden waren. Bei den anderen Volkern traf man noch viele, die 
das alte Hellsehen bewahrt hatten. 

Nicht so wie heute kolonisiert wird, pflegten die Eingeweihten 
Kolonien zu begriinden; sie machten es anders. Sie wuBten, dafi man 
von den Seelen derjenigen ausgehen muBte, welche man antraf in den 
Landern, die kolonisiert werden sollten. Es war nicht so, dafi die 
Sendlinge aufoktroyierten, was sie zu sagen hatten. Es wurde ge- 
rechnet mit dem, was man antraf. Es wurde ein Ausgleich geschaffen, 
und es wurden die Bediirfnisse derjenigen beriicksichtigt, die die 
alten Insassen waren. Man mufite mit der religiosen Anschauung 
rechnen, die sich auf die Erinnerung an friihere Zeiten griindete, und 
mit den alten hellseherischen Anlagen. Daher war es natiirlich, dafi 
nur bei einem kleinen Hauflein der Fortgeschrittensten die reinen Vor- 
stellungen sich ausbilden konnten. Bei der grofien Masse bildeten 
sich KompromiBvorstellungen aus der alten atlantischen und der nach- 
atlantischen Anschauung. Deshalb finden wir iiberall in diesen Volker- 
massen, sowohl in Indien wie in Persien, wie auch in Agypten, iiberall, 
wo die verschiedenen nachatlantischen Kulturen entstanden, da finden 
wir auf dem Grunde iiberall fiir die damalige Zeit weniger fortge- 
schrittene, unkultiviertere religiose Vorstellungen, die aber nichts 
anderes waren als eine Art Fortpflanzung der alten atlantischen Vor- 
stellungen. 

Um nun zu verstehen, was das eigentlich fiir Vorstellungen waren 
in diesen Volksreligionen, miissen wir uns einmal ein Bild davon 
machen. Da miissen wir uns in die Seelen der letzten atlantischen 
Bevolkerung versetzen. Wir miissen uns erinnern, daB in der atlan- 
tischen Zeit der Mensch in der Nacht nicht bewuBtlos war, sondern 
dafi er dann ebenso wahmahm, wie er bei Tage wahrnahm, wenn 
man iiberhaupt in dieser Zeit von Tag und Nacht sprechen darf. Bei 
Tage nahm er die erste Spur dessen wahr, was wir heute so klar 
sehen als die Welt der Sinneswahrnehmungen. Bei Nacht war er ein 
Genosse der gottlich-geistigen Wesenheiten. Er brauchte keinen Be- 
weis dafiir, dafi es Gotter gab, ebensowenig wie wir heute einen 



Beweis dafur brauchen, daB es Mineralien gibt. Die Gotter waren 
seine Genossen, er selbst war in der Nacht eine geistige Wesenheit. 
In seinem Astralleibe und Ich wandelte er in der geistigen Welt um- 
ber. Er war selbst ein Geist und traf Wesen, die mit ihm gleich- 
artiger Natur waren. Naturlich waren die hoheren geistigen Wesen 
nicht die einzigen, die er dann antraf. Er traf audi niedrigere Gei- 
ster, als die waren, die spater als Zeus, Wotan und so weiter be- 
schrieben wurden. Diese waren naturlich nicht die einzigen, es waren 
nur die auserwahltesten Gestalten. Es war damit so, wie wenn man 
heute Konige und Kaiser sieht. Viele sehen sie nicht und glauben 
doch, daB es Konige oder Kaiser gibt. In diesem Zustande, der all- 
gemein menschlich war, nahm man, auch wenn man wahrend des Tages 
bewuBt war, die umliegenden Gegenstande anders wahr als heute, auch 
das TagesbewuBtsein war anders, und wir miissen versuchen zu ver- 
stehen, wie dieses letztere BewuBtsein der Atlantier war. 

Es ist beschrieben worden, wie dem Menschen sich die gottlichen 
Wesenheiten entzogen, wenn er morgens hinuntertauchte in seinen 
physischen Leib. Er sah die Gegenstande wie mit einem Nebel um- 
hullt. So waren die Bilder des damaligen Tagwachens. Diese Bilder 
hatten aber noch eine andere eigentumliche Eigenschaft, die wir ganz 
genau erfassen miissen. Denken wir uns, eine solche Seele naherte 
sich einem Teiche. Das Wasser in diesem Teiche sah diese Seele nicht 
so scharf begrenzt wie heute ; aber wenn diese Seele ihre Aufmerksam- 
keit darauf richtete, dann erlebte sie noch etwas ganz anderes, als 
wenn heute sich jemand einem Teiche nahert. Beim Annahern an den 
Teich, schon durch die blofie Anschauung, stieg in ihr ein Gefuhl 
auf, wie wenn sie einen Geschmack bekame von dem, was da physisch 
vor ihr lag, ohne daB sie das Wasser des Teiches zu trinken brauchte. 
Durch das bloBe Anschauen wiirde sie gefiihlt haben : das Wasser ist 
siiB oder salzig. Uberhaupt war es nicht so, wie wenn wir heute Was- 
ser sehen. Wir sehen heute nur die Oberflache, aber ins Innere kom- 
men wir nicht hinein. Derjenige, der friiher, als es noch dammerhaf- 
tes Hellsehen gab, sich dem Teiche naherte, der hatte nicht das Gefuhl 
der Fremdheit diesem gegeniiber, er fuhlte sich darinnen in den 
Eigenschaften des Wassers; er stand dem Gegenstande gar nicht so 



gegeniiber wie heute, es war so, als wenn er in das Wasser hatte 
eindringen konnen. Nehmen wir an, wir waren einem Salzklotz ent- 
gegengetreten, wir hatten, indem wir uns annaherten, den Geschmack 
gemerkt. Heute miissen wir das Sate erst kosten, damals ware das 
durch die Anschauung gegeben worden. Der Mensch war wie dar- 
innen in dem ganzen, und er nahm die Dinge wie beseelt wahr. Er 
nahm sozusagen die Wesenheiten wahr, die zum Beispiel dem Dinge 
den salzigen Geschmack verliehen. So beseelte sich ihm alles. Luft, 
Erde, Wasser, Feuer, alles, alles verriet ihm etwas. Der Mensch konnte 
sich in das Innere der Gegenstande hineinfiihlen, er lebte im Inneren 
ihrer Wesenheit. Das was heute dem BewuBtsein als seelenlose Gegen- 
stande erscheint, gab es damals nicht. Daher empfand der Mensch 
auch alles mit Sympathie und Antipathie, weil er das Innere sah. Er 
fuhlte, er erlebte das innere Wesen der Gegenstande. 

Uberall waren noch die Erinnerungen an diese Erlebnisse geblie- 
ben. So dafi die Teile der indischen Bevolkerung, die angetroffen 
wurden von den Kolonisten, von einem solchen Zusammenhang mit 
den Dingen beseelt waren. Sie wuBten : in den Dingen lebten Seelen. 
Sie hatten sich die Fahigkeit bewahrt, die Eigenschaften der Dinge 
zu sehen. Nun stellen wir uns dieses ganze Verhaltnis des Menschen 
zu den Dingen vor. Der Mensch nimmt damals wahr, wie das Wasser 
schmeckt, indem er sich dem Teiche nahert. Da sieht er eine geistige 
Wesenheit, die dem Wasser den Geschmack gibt. Diese geistige We- 
senheit kann er wahrend der Nacht treffen, wenn er sich neben das 
Wasser legt und einschlaft. Bei Tage sieht er das Materielle, bei Nacht 
sieht er das, was alles durchlebt. Bei Tage sieht er die Gegenstande, 
Steine, Pflanzen, Tiere, er hort den Wind wehen, das Wasser rauschen; 
bei Nacht sieht er in seinem Inneren das, was er bei Tage empfindet, 
in seiner wirklichen Gestalt, da sieht er die Geister, die in allem leben. 
Wenn er sagte : In den Mineralien, in den Pflanzen, im Wasser, in den 
Wolken, im Winde, da leben Geister, uberall leben Geister - so waren 
das fur ihn ganz und gar keine Dichtungen, das war ihm keine Phan- 
tasie, das war etwas, was er wahrnehmen konnte. 

So tief miissen wir jetzt in die Seelen hinuntersteigen, um sie zu 
verstehen. Und dann begreift man, daB es ein furchtbarer Unsinn 



ist, wenn die heutigen Gelehrten von Animismus reden, der die 
Volksphantasie veranlafit, alles zu beseelen und zu personifizieren. 
Eine solche Volksphantasie gibt es nicht. Der redet nicht davon, der 
das Volk wirklich kennt. Man kann wiederholt das sonderbare Bei- 
spiel finden: Gerade wie ein Kind, wenn es sich an einem Tisch 
stofit, diesen Tisch nun schlagt, weil es den Tisch beseele - so reden 
die Gelehrten -, ebenso hatte der Urmensch, der kindliche Mensch, 
die Gegenstande in der Natur, die Baume und so weiter beseelt, in 
alles etwas hineingedichtet. - Bis zur Ermiidung wurde dieses Gleich- 
nis wiederholt. Es ist gewiG, da8 dabei Phantasie ist, aber die Phan- 
tasie haben die Gelehrten gehabt, nicht das Volk. Sie sind es, die 
getraumt haben. Diejenigen, die ursprunglich alles beseelt wahrge- 
nommen haben, die haben nicht getraumt, die haben nur das wieder- 
gegeben, was sie selber wahrgenommen haben. 

Als ein Rest tauchte diese Wahrnehmung als Erinnerung bei den 
alten Volkern auf. Auch das Kind sieht den Tisch nicht als beseelt 
an; es fuhlt noch nicht in sich die Seele, es sieht sich selbst wie 
einen Holzklotz an. Weil es sich selbst eben seelenlos fuhlt, deshalb 
stellt es sich auf gleiche Stufe mit dem seelenlosen Tisch, indem es 
ihn haut. Gerade das Gegenteil von dem, was in den Biichern der 
Gelehrten dariiber steht, ist Tatsache. Ob wir nach Indien gehen, 
nach Persien, nach Agypten, nach Griechenland, oder sonstwohin, 
uberall finden wir da auf dem Grunde dieselben Vorstellungen, die 
oben charakterisiert worden sind. Und in diese Vorstellungen wurde 
hineinergossen das, was als Kultur von den alten Eingeweihten 
gegeben wurde. 

Im alten Indien lenkten die Kultur die Rishis. Nun miissen wir 
aber auch ein wenig verstehen, was eigentlich die Veranlassung ge- 
geben hat zu der Gestalt, die sich als eine der wichtigsten Gestalten 
der indischen Anschauung herausgebildet hat. Wir wissen, dafi es 
zu alien Zeiten sogenannte Mysterienschulen gegeben hat, wo die- 
jenigen, welche ihre geistigen Fahigkeiten entwickeln konnten, lern- 
ten, tiefer hineinzuschauen in das Weltall, wo sie die schlummern- 
den Fahigkeiten erweckten, um den geistigen Zusammenhang der 
Dinge zu sehen. Von diesen Mysterienstatten gingen uberall die 



geistigen Impulse der Kulturen aus. Und damit wir die Eingeweih- 
ten recht von Grund aus verstehen, wenn wir diese Eingeweihten 
betrachten, so betrachten wir sie gewohnlich in der nachatlantischen 
Zeit, weil ihr Wesen da am leichtesten verstandlich ist, jedoch wiir- 
den wir in der atlantischen Zeit auch schon auf ahnliches wie Ein- 
geweihtenschulen stoBen. Damit wir sie nun so recht von Grund 
aus verstehen, wollen wir uns einmal versetzen in die Methode einer 
solchen alten atlantischen Einweihungsschule. 

Damals waren also jene eben beschriebenen BewuBtseinszustande 
vorhanden. Wenn wir in jene Zeiten 2umckgehen, dann finden wir 
den Menschen noch nicht in seiner heutigen Gestalt. Damals war 
er noch ganz anders gestaltet. Wir gehen da allerdings in die erste 
Halfte der atlantischen Zeit zuriick. Der Mensch bestand da auch 
schon aus physischem Leib, Atherleib, Astralleib und dem Ich, aber 
der physische Leib sah noch ganz anders aus. Der physische Leib 
war so, daB wir ihn etwa vergleichen konnten mit den Korpern man- 
cher Meerestiere, durchsichtig, die wir kaum sehen wiirden, die wir 
gerade greifen konnten, zwar schon durchzogen von gewissen Rich- 
tungslinien, die in ihnen aufglanzten. Es war der physische Leib des 
Menschen viel weicher als heute, es gab noch keine Knochen. Wenn es 
auch schon knorpelartige Ansatze gab, so war doch dieser physische 
Leib in der altesten Zeit durchaus nicht von der heutigen Gestalt. 

Dagegen war der Atherleib des Menschen das viel wichtigere Glied. 
Der physische Leib der Menschen war damals mehr oder weniger 
klein, der Atherleib dagegen war damals auBerordentlich groB. Dieser 
Atherleib unterschied sich fur die einzelnen so, daB man etwa vier 
verschiedene Typen hatte wahfnehmen konnen. Diese vier typischen 
Gestalten waren so vorhanden, daB ein Teil der Menschen den einen 
Typus zeigte, ein anderer den anderen. Nun haben sich in vier 
Namen die Typen erhalten. Es sind die Namen der apokalyptischen 
Tiere: Ochs oder Stier, Lowe, Adler, Mensch. Nun ist es nicht 
ganz richtig, wenn wir uns vorstellen wollten, daB diese Gestalten 
den heutigen Tieren vollkommen ahnlich gewesen waren, aber sie 
erinnerten dennoch durch ihren Eindruck an die Art des Eindrucks, 
den heute die entsprechenden Tiere machen. Man konnte die Ein- 



drucke, die die Atherleiber machten, verstehen durch das Bild des 
Lowen, Stieres, Adlers oder Menschen. Einen Teil, der die Eigen- 
schaften eines starken Fortpfknzungsvermogens als Eindruck machte, 
oder wegen eines auBerordentlichen Appetits, den verglich man zum 
Beispiel mit dem Stier ; eine andere Art von Menschen war eine solche, 
die schon mehr im Geistigen lebte, das waren die Adlermenschen, 
die sich wenig wohl fuhlten in der physischen Welt. Und dann gab 
es noch Menschen, die sozusagen schon in ihrem Atherleibe ahnlich 
waren dem heutigen physischen Leibe ; zwar war er nicht ganz gleich, 
aber er war doch schon wie die Menschengestalt. Wir rmissen uns 
natiirlich vorstellen, daft im einzelnen nicht nur der eine Typus allein 
vertreten war, sondern daft in jedem alle vier veranlagt waren, aber 
daB einer dieser vier dominierte. 

So war also die BeschafTenheit der Atherleiber der atlantischen 
Bevolkerung. Dann war besonders machtig, aber unentwickelt, der 
Astralleib, und das Ich war noch ganz auBerhalb des Menschen. 
Also ganz anders sahen damals die Menschen aus als heute. Natiir- 
lich nahmen friihreife Menschen die spatere Gestalt schon friiher 
an, aber im wesentlichen kann man die Menschen der damaligen 
Zeit so charakterisieren, wie wir das eben getan haben. Das war 
also der normale Durchschnittszustand der damaligen Menschheit. 

Ganz anders war es bei den Vorgeriickteren, bei den Schulern der 
Mysterienstatten, bei denen, die die Einweihung der alten Atlantis 
erstrebten. Betreten wir nun im Geiste eine solche alte atlantische 
Einweihungsstatte, und versuchen wir einmal dasjenige, was der 
Lehrer zu geben hatte, uns vor Augen zu stellen. Was war dieser 
Lehrer denn selbst? 

Wenn heute der Mensch einem Eingeweihten begegnete, so wiirde 
er ihn am AuBeren iiberhaupt gar nicht zu erkennen vermogen. Die 
wenigsten Menschen wurden heute einen solchen Eingeweihten au- 
Berlich erkennen, denn heute, nachdem der physische Korper des 
Menschen so weit fortgebildet ist, der Eingeweihte aber doch im 
Korper leben muB, unterscheidet sich dieser nur in intimen Fein- 
heiten von den anderen Menschen. Damals aber war der Eingeweihte 
sehr, sehr verschieden von den anderen Menschen. Die anderen 



hatten noch mehr tierische Gestalten, der physische Leib war klein 
im Verhaltnis zu den riesenhaften Atherleibern, er bildete mehr eine 
plumpe tierische Substanz und Masse. Nun unterschied sich der Ein- 
geweihte dadurch, daB er in seinem physischen Leibe ahnlicher war 
der heutigen Menschenbildung, daB er ein ahnliches Menschenantlitz 
trug wie der heutige Mensch, daB er ein Vorderhirn besafi wie der 
heutige Durchschnittsmensch. Damals hatten die Eingeweihten schon 
ein sehr ausgebildetes Gehirn fur die damalige Zeit, wahrend bei 
den anderen das Gehirn noch unausgebildet war. Nun waren solche 
Eingeweihte da und hatten ihre Schulen, und in diese Einweihungs- 
schulen nahmen sie, durch bestimmte Methoden, aus der normalen 
Menschheit Schiiler auf, je nachdem sich diese Zoglinge als reif und 
geniigend entwickelt erwiesen. 

Etwas miissen wir beriicksichtigen, wenn wir das Folgende ganz 
verstehen wollen. Wir miissen uns klarmachen, daB mit der sich fort- 
entwickelnden Zeit die Herrschaft der geistigen Glieder des Menschen 
iiber den physischen Leib beim heutigen Menschen bis auf weniges 
vollstandig abgenommen hat. Wenn auch heute der Mensch seine 
Beine und Arme bewegen kann und auf dem Fahrrad strampeln kann, 
wenn er auch seine Physiognomie beherrschen kann, kurz, in einem 
gewissen Grade eine Herrschaft iiber den Korper hat, so ist das alles 
nur ein armseliger, letzter Rest des alten Herrschaftsverhaltnisses 
iiber den physischen Leib, wie es in der atlantischen Zeit war. Da- 
mals hatte der Gedanke, das Gefiihl einen viel grofieren EinfluB auf 
den physischen Leib. Das was der Mensch denkt, ubte damals einen 
viel wesentlicheren EinfluB auf den physischen Leib aus. Wenn heute 
jemandem ein Gedanke gegeben wird fur Wochen, Monate oder gar 
Jahre, wird er nur in ganz besonderen Ausnahmefallen weiter wirken 
als auf den Atherleib. Sehr selten wird zum Beispiel durch eine Me- 
ditation der physische Leib beeinfluBt werden. Gelange es jemandem, 
dadurch zum Beispiel ein etwas zuriickliegendes Gehirn etwas mehr 
vorzuriicken, das heiBt, wenn die Stirnknochen etwas weiter nach 
vorne ruckten, also eine Wirkung bis in die Knochen da ware, so 
ware das schon ein ungeheurer Erfolg fur heute. Das ist heute sehr, 
sehr selten der Fall. Es muB heute eine ungeheure Energie entwickelt 



werden, wenn der Gedanke auf den physischen Leib wirken soli. 
Leichter ist es schon, auf die Blutzirkulation oder auf die Atmungs- 
verhaltnisse einzuwirken, aber das ist auch noch schwer. Auf den 
Atherleib kann heute der Gedanke schon wirken, und in der nachsten 
Inkarnation, da wird der Gedanke so machtig gewirkt haben, daB 
dann die auBeren Korperverhaltnisse sich geandert haben werden. 
Man soli heute eben so arbeiten, daB man weiB, man arbeitet nicht 
fur eine Inkarnation, sondern dariiber hinaus fur zukiinftige Inkarna- 
tionen. Die Seele ist ein Ewiges, sie kehrt immer wieder. 

Ganz anders war das aber in den alten Einweihungsschulen. Da 
war es die Herrschaft des Gedankens, der EinfluB hatte auf den 
physischen Leib in einer verhaltnismaBig kurzen Zeit. Der Myste- 
rienschiiler konnte seine Organisation selber ins Menschenahnliche 
hinaufarbeiten. Man konnte also damals einen Schiiler annehmen aus 
der normalen Menschheit, man muBte ihm nur den rechten Impuls 
geben. Der Schiiler brauchte nicht einmal selber zu denken, es wurden 
ihm durch eine Art Suggestion Gedanken in seine Seele einverleibt. 
Es muBte vor seiner Seele eine ganz bestimmte geistige Gestalt stehen, 
in die sich der Schiiler immer hat vertiefen miissen. Uberall gab der 
atlantische Eingeweihte dem Schiiler eine Gedankenform, in die dieser 
sich wieder und wieder versenken muBte. Was war das fur ein Bild? 
Was hatte der Schiiler zu denken? Was meditierte er? 

Es ist schon auf den Urzustand der Erde hingewiesen worden, es 
ist die ganze Entwickelung schon skizziert worden, es ist auch ge- 
sprochen worden von der Lichtgestalt im Urstaub. Hatte man damals 
hellseherisch das Atom angesehen, so ware herausgewachsen das Ur- 
bild des heutigen Menschen. Das wuchs aus diesem Staubkorn, diesem 
Uratom heraus. Nicht die Gestalt des Menschen der alten Zeiten, 
nicht des atlantischen Menschen, sondern die Gestalt des heutigen 
Menschen wuchs heraus aus diesem Uratom. Und was tat der atlan- 
tische Eingeweihte? Eben dieses Urbild, dieses menschliche Urbild, 
das sich aus dem Ursamen heraus erhebt, das stellte er vor die Seele 
seiner Schiiler. So muBte der Schiiler meditieren iiber dieses Urbild. 
Die Menschengestalt als Gedankenform stellte der Eingeweihte der 
Atlantis vor den sehenden Blick des Schiilers hin, mit all den Impulsen 



und Empfindungen, die darin waren. Und ob nun der Schuler den 
Lowentypus oder einen anderen besafi, er mufite sich das Gedanken- 
bild vorhalten, was der Mensch werden sollte in der nachatlantischen 
Zeit. Dieses Gedankenbild bekam er immer als Ideal. Er mufite diesen 
Gedanken wollen: Mein physischer Leib soil werden wie dieses Bild. - 
Und durch die Krafte dieses Bildes, das der Schuler lernen mufite, 
wurde so auf den Korper gewirkt, dafi er sich dann von den anderen 
Menschen unterschied. Durch die Krafte dieses Bildes wurden be- 
stimmte Teile umgebildet, und allmahlich wurden die vorgeriicktesten 
Schuler immer ahnlicher den heutigen Menschen. 

Da blicken wir auf merkwiirdige Geheimnisse zuriick, da blicken 
wir in die Mysterien der atlantischen Zeit. Und auch ein anderes 
wird uns auffallen. Wie auch die Menschen gestaltet waren, eins 
schwebte vor ihrer Seele als Bild, das als Geistbild schon vorhanden 
war, als die Sonne mit der Erde noch vereint war. Und dieses Bild 
trat immer mehr heraus als der Sinn der Erde, als das, was der Erde 
geistig zugrunde Hegt. Und dieses Bild erschien ihnen nicht in der 
oder jener Gestalt, als das Bild der oder jener Rasse, es erschien 
ihnen als das ailgemeine Ideal der Menschheit. 

Das ist das Gefiihl, das der Schuler sich an diesem Bilde hat ent- 
wickeln sollen: Die hochsten geistigen Wesen haben dieses Bild ge- 
wollt, dieses Bild, durch das Einheit kommt in die Menschheit. Die- 
ses Bild ist der Sinn der Erdenentwickelung, dieses Bild zu verwirk- 
lichen, hat die Sonne sich getrennt von der Erde, ist der Mond her- 
ausgetreten. Dadurch konnte der Mensch Mensch werden. Das ist 
das eine, was zuletzt erscheinen soli als das hohe Ideal der Erde. 
Und in dieses hohe Ideal stromten ein die Gefiihle, welche den Schuler 
in seiner Meditation belebten. 

So war es ungefahr um die Mitte der atlantischen Zeit, und wir 
werden zu verfolgen haben, wie dieses Bild der Meditation, das da 
vor dem Schuler als Menschengestalt stand, sich umwandelte in etwas 
anderes, und wie dieses heriibergerettet wurde nach der atlantischen 
Katastrophe. Das ist es, was auf lebte in dem indischen Eingeweihten- 
unterricht, das, was man zusammenfassen kann in dem uralt heiligen 
Namen: Brahma. Das was die Weltengottheit gewollt hat als Sinn der 



Erde, das war das HeiHgste des alten indischen Eingeweihten, dann 
sprach er von Brahma. Daraus entsprang spater die Zarathustra- 
Lehre und die agyptische Weisheit, wovon dann spater gesprochen 
werden soli. Wie es sich umbildet aus Brahma zur agyptischen Weis- 
heit, das wollen wir morgen weiter sehen. 



VIERTER VORTRAG 



Leipzig, 5. September 1908 

Gestern beschlossen wir unsere Betrachtung mit der Besprechung 
eines auBerordentlich wichtigen Ereignisses im inneren Leben, im 
eigentlichen Geistesleben des Menschen. Wir versuchten vor unsere 
Seele zu riicken einen Eindruck, den der atlantische Einzuweihende 
hatte im Beginn des letzten Drittels der atlantischen Kulturepoche. 
Uns trat da vor die Seele, wie dem Einzuweihenden eine ideale 
Menschengestalt vor der Seele stand, die ein Gedankenbild war, auf 
das er sich zu konzentrieren hatte in der Meditation, und wie dies 
das Vorstellungs-, Gefiihls- und Willensleben des adantischen Ein- 
zuweihenden erfullte. Dieses Gedankenbild sollte immer mehr und 
mehr das Modell fur den zukunftigen Menschen werden. 

Nun miissen wir uns noch einmal vor Augen fuhren, wie dieses 
Gedankenbild eigentlich ungefahr aussah. Es war nicht ganz dem 
Menschen von heute ahnlich; so war es nicht. Wenn wir uns eine 
Art Kombination denken wiirden aus Mann und Frau, wobei alles 
das, was niedrig ist, wegbleibt, wenn wir uns eine Art Doppelgestalt 
denken, von der nur erfaBbar deutlich der obere Teil des Leibes 
ist, so haben wir das eigentliche sinnlich-ubersinnliche Bild, das 
vor dem Meditierenden damals stand. Dieses Bild wirkte so stark, 
daB diejenigen, welche Einzuweihende waren, wirklich ihren auBeren 
Leib immer ahnlicher machten diesem Bilde. 

Nun ist ein Umstand sehr wichtig, das ist der, daB ja gerade der 
meditierende Einzuweihende eine Art Menschengestalt vor sich hatte, 
welche ihm gegeniiberstand in seinem Inneren. Wenn der Einzuwei- 
hende vorbereitet worden war, daB er dieses Bild lebendig vor sich 
hatte, so muBte er sich folgendes klarmachen, wenn er dieses Bild 
vor sich aufleuchten sah: Indem ich dieses Bild anblicke, versetze 
ich mich in den Urzustand der Erdenentwickelung, als Erde, Mond 
und Sonne noch nicht getrennt waren. - Damals bestand die Erde 
aus ihrem Uratom, aber in diesem Atom war fur den Hellseher das 
Bild zu sehen, das jetzt vor mir auftaucht. Das Bild war schon in 



der Urzeit der Erde vorhanden, als es noch keine Tier-, Pflanzen- 
und Mineralformen gab. Damals bestand die Erde nur aus dem 
Menschenatom, aus den wiedererweckten Menschen. Allerdings haben 
sich ja schon die ersten Anlagen der Tiere wahrend des Monden- 
zustandes der Erde gebildet; die Tiere waren schon da. Aber wir 
wissen auch, wenn ein planetarisches System verschwindet, da8 dieses 
hineingeht in ein Pralaya, in das dann alle Formen aufgelost werden. 
Wenn auch der alte Mond von Tierformen bereits bevolkert war, 
so hatte die Erde zuerst aber damit noch nicht gleich Tiere und 
Pflanzen, die kamen erst spater. Erst nach der Abtrennung der Sonne 
tauchten die Tiere allmahlich auf. Die Erde war bloB Mensch in 
ihrer Urzeit. 

Auf diesen Urzustand der Erde blickte also der Einzuweihende. 
Er sah im Uratom das Idealbild des Menschen. Diese Menschengestalt 
hatte der Einzuweihende vor sich, und nun wurde ihm klar : Also ver- 
setze ich mich in den Urzustand der Erde. Das was in der Erde 
lebt, das Idealbild, die Idealform des Menschen, das sagt mir fol- 
gendes: Die Gottheit wirkt von Ewigkeit Zu Ewigkeit; sie hat sich 
ausgegossen in diese Formen und hat diese menschliche Urform aus 
sich herausgehaucht. - Jetzt sagte er sich : Wo sind die Tiere, Pflanzen 
und anderen Wesen hergekommen? 

Gleichsam die Urform der Gottheit sah der Einzuweihende im 
Geiste, und die Tiere sah er als Nebenformen, auch die Pflanzen sah 
er als Nebengestalten, die erst spater entstanden waren. Alles das, 
was hier an niederen Reichen lebt, alles das sah der atlantische Einzu- 
weihende an als erst aus der Menschengestalt hervorgegangen. Wir 
konnen uns eine Vorstellung von diesem Gedanken machen, wenn 
wir daran denken, wie die Steinkohle entstanden ist. Denken wir 
an die grofien Urwalder, die damals entstanden und lebten und die 
jetzt Steinkohle sind. Sie sind zunickgeblieben, sie haben sich aus 
einem hoheren in ein niederes Reich entwickelt. Da sehen wir, wie 
die Pflanzen zu Stein geworden, verhartet sind. 

So sah der atlantische Einzuweihende alles, die ganze Umwelt aus 
der Menschenform hervorgehen. Dieser Eindruck wurde in den ur- 
fernen Zeiten vor die Seele des Menschen hingezaubert, und diese 



Eindriicke wurden in der Erinnerung behalten durch die Zeit der 
Flut hindurch, und die alten indischen Initiatoren riefen dieses Bild 
des Urmenschen auch noch hervor in der Seele des Schiilers, das 
Bild des Urmenschen, der vom ewigen Selbst ausgehaucht worden 
war. Wenn der indische Schiiler dieses Bild vor sich hatte, dann fuhlte 
er, dafi alles aus diesem Bilde entstanden war, dafi das, was wie 
das Blut vorhanden war in diesem Urbilde, zu den Wassern der 
Erde geworden ist und so weiter. Und so erweiterte sich dieses Bild 
zu dem Urgrund des Alls. Jetzt wurde ihm folgendes vor die Seele 
gestellt. Es wurde ihm gesagt: Zweierlei hast du in diesem Urbild 
vor Augen, einmal das Urbild selbst, dann aber auch das, was in dir 
als innerste Wesenheit aufleuchtete bei Betrachtung des Bildes. Drau- 
Ben der Makrokosmos und dann das, was du gewissermafien in dir 
als Extrakt empjfindest, der Mikrokosmos. 

Und als die Griechen bei den Alexanderziigen nach Indien drangen 
und die letzten Nachklange vernahmen dessen, was der Schiiler damals 
gefiihlt hatte, da empfanden sie folgendes. Sie sagten: Wenn der 
Schiiler das betrachtet, was in der groCen Welt ausgebreitet ist als 
Mensch, dann hat er den Herakles vor sich. Der Inder nannte das, 
was als Krafte des Weltalls lebt, Vac. - Im Menschen aber fiihlten sie 
gewissermafien als den Extrakt des Ganzen das Brahman. - So ver- 
deutlichten sich die Griechen das, was Nachklange sind von demje- 
nigen, was in der Seele des Schiilers vor sich ging in der uralt 
heiligen indischen Kultur. Das war die Frucht eines Zuges der Grie- 
chen unter Alexander dem Grofien nach Indien. Gerade aus dieser 
Grundempfindung heraus entwickelte sich die uralt heilige indische 
Eingeweihtenlehre, die wie ein geistiges Abbild erscheint jenes Urzu- 
standes der Erde, wo die Erde noch die Sonnenkrafte und hohen We- 
senheiten in sich hatte, nach deren Erhabenheit man sich spater sehnte. 
Deshalb war es ein hohes Gefiihl geistigen Lebens, wenn der Schiiler 
eingeweiht wurde, wenn er das in sich erstehen lassen konnte, was 
man als Brahman erfafit. Es war ein ungeheurer Vorgang in der Men- 
schenseele. Das war eine Erhebung in hohe Welten. Nicht anders 
konnte man eingeweiht werden und zum wirklichen Schauen gelan- 
gen, als wenn man sich erhob zu hochsten Welten. Diejenige Welt, 



die um uns ist, ist die physische Welt. Um sie und in ihr wogt die 
Astralwelt. Hoher steht das Devachan, die Gotterwelt, und in die 
hochsten Regionen des Devachan muBte entriickt werden der Schii- 
ler, wenn er in dem Makrokosmos das Brahman, das Urselbst fiihlen 
sollte. Im obersten Devachan war dann der Schiiler, in der Gotterwelt, 
aus der herausstammt das Edelste, was der Mensch in sich hat. Es war 
ein Reich hochster, vollkommenster Ordnung, in das der Schiiler ent- 
riickt wurde, ein Reich, das noch vieles andere bot an Erkenntnis; 
denn das, was hier geschildert wurde, war nicht das einzige. 

Bevor wir aber weiteres schildern, miissen wir auch die Lehrer 
kennenlernen. Sie alle haben schon gehort von den heiligen Rishis, 
den urspriinglichen Begriindern der uralt heiligen indischen Kultur, 
welche selbst den Manu zum Lehrer gehabt hatten. Wer waren diese 
sieben groBen Lehrer des alten Indiens? Wir miissen die Natur der 
heiligen Rishis, soweit das moglich ist, uns ein wenig verdeutlichen. 
Dazu miissen wir noch einmal in die groBe Welt schauen. Wir miis- 
sen uns klar sein, daB dasjenige, was wir mit physischen Sinnen, Augen 
und so weiter wahrnehmen konnen, eine Folge des Geistigen ist. Wenn 
wir die ganze Umwelt, die wir erblicken, vergeistigt denken, so kon- 
nen wir sie etwa mit einem atherischen Urnebel vergleichen. Dieser 
Nebel wurde dann allmahlich dichter, er stieg hinab in den Zustand 
der Materie, und es ballten sich heraus verschiedene Weltkorper: die 
Sonne, der Mond, die Erde trennten sich. 

Warum spalteten sich aber die anderen Planeten heraus ? Denn das 
geschah wahrend der einzelnen Trennungen auch. Saturn, Jupiter, 
Mars, Venus, Merkur spalteten sich ab. Warum geschah das ? 

Wir werden das begreifen, wenn wir uns sagen, daB im groBen 
Weltenall etwas Ahnliches vor sich geht wie das, was sich auch in 
unserem gewohnlichen, trivialen Leben abspielt. Es bleiben nicht 
bloB Schiiler im Gymnasium sitzen, sondern auch im groBen Kosmos 
gibt es Wesen, die zuriickbleiben und nicht mitkommen konnen. Nun 
machen wir uns das einmal ganz klar. Eine Gruppe hoher Wesen waren 
es, die nicht das Tempo der Erde mitmachen konnten, die die feinsten 
Substanzen herausnahmen und daraus die Sonne gestalteten zu ihrem 
Wohnplatz. Das waren die hochsten Wesen, die mit unserer Evolu- 



tion verkniipft waren. Sie hatten aber auch eine Entwickelung durch- 
gemacht. Es gab also Wesen, die damals im Begriff standen, Sonnen- 
geister zu werden und solche, die zuriickgeblieben waren, die tiefer 
standen als die Sonnengeister, jedoch hoher als der Mensch, die die 
Entwickelung der Sonnengeister nicht mitmachen konnten, weil sie 
nicht so reif waren wie diese. Sie konnten nicht mit der Sonne her- 
ausgehen; die Sonne hatte sie versengt. Fur die Erde waren sie aber 
zu edel, daher hatten sie sich besondere Substanzen, die an Feinheit 
zwischen Sonne und Erde stehen, die ihrer Natur entsprachen, her- 
ausgenommen und sich Wohnplatze gebildet zwischen Sonne und 
Erde. So spalteten sich heraus Venus und Merkur. Da haben wir zwei 
Gruppen von Wesenheiten, die nicht so hoch gekommen waren wie 
die Sonnengeister, aber weiter waren als der Mensch. Sie wurden 
Venus-, sie wurden Merkurgeister. Diese Wesenheiten sind die Ver- 
anlasser der Entstehung dieser beiden Planeten. Ferner bildeten sich 
schon friiher heraus Mars, Jupiter und Saturn, aus anderen Griinden. 
Diese wurden wiederum Wohnplatze fur bestimmte Wesenheiten. 

So sehen wir, wie Geister die Ursachen von der Entstehung der 
Planeten sind. Nun darf man nicht glauben, daB diese Wesenheiten, 
die die verschiedenen Korper des Sonnensystems bewohnen, daB die 
nicht in Zusammenhang stehen mit den Erdbewohnern. Wir mussen 
einsehen, daB die physischen Grenzen nicht die wirklichen Grenzen 
sind, daB auch iiber diese Grenzen hinaus vielfach die Moglichkeit 
besteht fiir die Wesenheiten der anderen Himmelskorper, magische 
Wirkungen auszuuben auf die Erde. So erstrecken sich die Wirkun- 
gen der Sonnen-, Mars-, Jupiter-, Saturn-, Venus-, Merkurgeister 
und so weiter in die Erde hinein. Die beiden letzteren stehen der 
Erde naher; sie haben den Menschen geholfen, als die Sonne heraus- 
getreten war, die Erde so vorzubereiten, wie wir sie jetzt vor uns 
haben. 

Ich mochte hier etwas einfugen, weil MiBverstandnisse sich ein- 
geschlichen haben, die sich beziehen auf die Benennung der Pla- 
neten. In alien okkulten Benennungen wird das, was heute astro- 
nomisch Merkur genannt wird, Venus genannt, und umgekehrt, was 
man astronomisch Venus nennt, wird Merkur genannt. Die rein 



auBerlichen Astronomen wissen nicht, daB da Geheimnisse zugrunde 
liegen, weil man tiefe, esoterische Benennungen nicht verraten wollte. 
Es ist das geschehen, um gewisse Dinge zu verhiillen. 

Es wirken nun alle diese Geister der anderen Planeten auf die 
Erde. Von alien Planeten gehen Wirkungen auf den Menschen aus. 
Diese Wirkungen muBten aber zunachst dem Menschen vermittelt 
werden, und das geschah dadurch, daB durch den groBen Manu die 
sieben Rishis so eingeweiht wurden, daB der einzelne Rishi die Ge- 
heimnisse eines dieser Planeten in ihren Wirkungen verstand. Und 
weil man sieben Planeten zahlte, so waren diese sieben Rishis in 
ihrer Gemeinsamkeit dasjenige, was darstellt eine siebengliedrige 
Loge, welche die Lehren von den Geheimnissen unseres Sonnen- 
systems ihren Schulern ubermitteln konnte. Daher finden wir Hin- 
deutungen darauf in manchen alten okkulten Schriften. Da steht 
zum Beispiel: Es gibt Geheimnisse, die zu suchen sind jenseits der 
Sieben, das sind die, die der heilige Manu selbst bewahrte, iiber die 
Zeit vor der Spaltung der Planeten. 

Das was die Planeten als Krafte bewahrten, das war dasjenige, 
was in den Geheimnissen der sieben Rishis verborgen war. Und so 
wirkte dieser Chor der sieben Rishis zusammen, in vollster Einheit 
mit dem Manu, in der wunderbaren Weisheit, die den Schulern 
von ihnen vermittelt wurde. Wenn wir das charakterisieren wollten, 
so muBten wir sagen: Diese Urlehre enthielt ungefahr dasjenige, 
was wir heute kennenlernen als die Evolution der Menschheit durch 
die planetarischen Zustande von Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, 
Venus, Vulkan. Die Geheimnisse der Evolution waren hinein- 
geheimniBt in die sieben Glieder der Loge, von denen ein jedes eine 
Stufe im Fortschritt der Menschheit bedeutete. 

Das sah der Schuler. Er sah es nicht nur, er horte es sogar, wenn 
er sich erhob in das Devachan, in die devachanische Welt: denn 
diese Welt ist eine Welt des Tonens. Da horte er den Spharenklang 
der sieben Planeten. Er sah in der astralischen Welt das Bild; in der 
devachanischen Welt horte er den Ton, und in der obersten, der 
hochsten der Welten, erlebte er das Wort. Wenn also der indische 
Schuler sich erhob in das obere Devachan, so nahm er durch die 



Spharenmusik und durch das Spharenwort wahr, wie der Urgeist 
Brahma sich gliedert durch die Evolution, in der siebengliedrigen 
Planetenkette, und er horte das aus dem Urwort Vac. Das war die 
Bezeichnung des Urtones der Schopfung, den der Schiller horte; 
darinnen horte er die ganze Weltenentwickelung. Das in sieben Glieder 
gespaltene Wort, das Urwort der Schopfung, das wirkte in der Seele 
des Schulers, das Urwort, das er den Nichteingeweihten ungefahr so 
beschrieb, wie wir heute beschreiben wiirden unsere Weltene volution. 
Was er wahrnahm, ist elementar beschrieben in meiner «Theosophie», 
Und diese Beschreibung finden wir zuerst wieder in der uralt heili- 
gen Religion der Inder, in dem, was man nannte den «Veda» oder auf 
deutsch das «Wort». 

Das ist der wirkliche Sinn der Veden, und dasjenige, was spater 
geschrieben ist, ist nur die letzte Erinnerung an die uralt heilige 
Woftlehre. Das Wort selbst ist nur von Mund zu Mund fortgepflanzt 
worden, denn durch das Niederschreiben wird die Urtradition verletzt. 
Nur aus den Veden kann man noch etwas herausfiihlen von dem, was 
damals in diese Kultur eingeflossen ist. Wenn der Schiiler das in seiner 
Erinnerung erlebte, konnte er sich sagen: Was ich als Brahman in 
meiner Seele erlebe, was ich als Urwort in meiner Seele habe, das 
war auch schon da auf dem alten Saturn; auf dem Saturn erklang 
schon der erste Hauch des Vedawortes. 

Nun hatte sich die Entwickelung fortgesetzt durch Sonne und Mond 
bis zur Erde. Das Wort war immer dichter geworden, hatte immer 
dichtere Formen angenommen, und das Menschenbild im Ursamen der 
Erde war schon eine Verdichtung des Zustandes, in dem das Urwort 
auf dem Saturn war. Was war nun geschehen? 

Das Gotteswort, der Urmensch hatte sich in immer neue Hiillen ge- 
hullt, und es kam darauf an, welche Hiillen das Wort innerhalb der 
Erdenentwickelung annahm. Der Schiiler wuBte, daB sich nichts voll- 
standig wiederholt im Weltenall und daB jeder Planet seine Mission 
hat. Was er auf der alten Sonne als das Leben sich gestalten sah, 
was auf dem alten Monde als Weisheit eingeimpft wurde auf den 
Grund aller Dinge, dem folgte auf der Erde, was die Aufgabe, die 
Mission der Erde ist, das ist, die Liebe zu entwickeln; die war auf 



dem alten Monde noch nicht da. So kleidete sich dasjenige, was in 
einer viel geistigeren, aber auch in einer viel kalteren Form auf dem 
vorigen Planeten vorhanden war, das Urbild des Menschen, es kleidete 
sich in eine warme astralische Umhiillung. Dasjenige, was Mensch 
werden sollte, war auf dem Monde in eine astralische Hiille gekleidet 
worden, und dieser Teil ist es, der auf der Erde das innere Menschen- 
leben dazu fahig macht, Liebe zu entwickeln von der niedersten bis 
zur hochsten Form. 

Dem indischen Schuler wurde die Menschengestalt, das Urbild, im 
oberen Devachan klar wahrnehmbar. Dann umhiillte es sich im 
niederen Devachan mit einer astralischen Hiille, die in sich die Krafte 
hatte, Liebe zu entwickeln. Die Liebe, den Eros, nannte man Kama. 
So bekommt Kama einen Sinn fur die Erdenentwickelung. Es kleidete 
sich das gottliche Wort, das Brahman, in Kama, und durch das Kama 
hindurch tonte dem Schuler das Urwort heraus. Das Kleid der Liebe 
war Kama, das Kleid des Urwortes Vac, des Wortes Vac, das dem 
lateinischen «vox» zugrunde liegt. Und so empfand der Schiiler im 
innersten Wesen, daB sich das Gotteswort ein astralisches Liebeskleid 
umgelegt hatte, und nun sagte er sich: Der Mensch, der heute aus 
vier Gliedern besteht, aus dem physischen Leibe, dem Atherleib, dem 
Astralleib und dem Ich, dieser Mensch hat als hochstes Glied sein Ich. 
Und dieses Ich stieg hinunter in das Liebeskleid und bildete sich 
Kama-Manas. Das war das innerste Wesen des Menschen, Kama war 
es, in das sich Manas kleidete : das war das Ich. Aber wir wissen auch, 
daB dieses innerste Wesen herausentwickeln wird drei Glieder, die 
hoher sind, die warideln die niederen Glieder um, wandeln auch den 
physischen Leib um, und wie das Manas aus der Astralhiille wird, 
wie dem Prana die Budhi auf hoherer Stufe entspricht, so wird der 
physische Leib, wenn er ganz vergeistigt sein wird, Atma sein. 
Alles das war aber schon keimhaft veranlagt in der Vac, und ein 
Vedasatz erinnert noch daran, wie der Schiiler das Geheimnis des 
innersten Wesens zum Ausdruck brachte. 

Wir wissen, daB der physische Leib auf dem Saturn, der Atherleib 
auf der Sonne, der Astralleib auf dem Monde, und das Ich auf der 
Erde erst entstanden ist. Aber die wahre, urspriingliche Menschen- 



anlage, das Urwort Vac, hatte audi schon die drei folgenden Glieder 
in sich. Drei hohere Glieder hat der Mensch noch zu erwarten, dann 
wird er erst ein getreues Abbild des Schopfungswortes, des Urwortes 
sein. Und darauf sollte der Schuler hingewiesen werden, daB nur dem 
Eingeweihten die wahre Natur des physischen, atherischen und astrali- 
schen Leibes ldar sein konnte. Heute ist der Mensch er selbst nur, wenn 
er sein «Ich bin» ausspricht, wenn er das ins Auge faBt, was ganz 
sein eigen ist. Nur da ist er ganz Mensch. Die anderen Glieder sind 
zwar auch ofFenbar, aber da ist er noch unbewuBt. Aber im vierten ist 
die Vac offenbar geworden: «Im vierten spricht der Mensch ! » Das 
war der Satz des Veda. Wenn das Wort des Ich ertont, so tont der 
vierte Teil der Vac. Der Vedasatz hieB : «Vier Vierteiie der Vac sind 
bemessen; drei sind im Verborgenen bewahrt und ruhren sich nicht; 
nur das vierte Vierteil sprechen die Menschen.» 

Da haben wir eine wunderbare Beschreibung von dem, was wir so 
oft gehort haben. Das stand vor dem geistigen Blick des Schiilers. 
Sein Blick wurde auf den Zustand zuriickgelenkt, wo noch nichts 
getrennt war, wo noch eine Urerde war, wo die voile Vac sprach. 
Das driickt ein anderer Vedasatz aus: «Vorher wuBte ich nicht, was 
das ist, das < Ich bin>, erst als die Erstgeborene der Erde iiber mich 
kam, wurde der Geist lichtvoll erfullt, und ich hatte Anteil an der 
heiligen Vac», der Weisheit. Darinnen ist ein Schauen wiedergegeben, 
das der Eingeweihte hatte. 

Damit ist nur angedeutet einiges wenige von den Erlebnissen der 
alten Rishi-Schiiler, von den wunderbaren Lehren, die einflossen in 
die indische Kultur, die uberliefert wurden an die folgenden Zeit- 
alter und die umgestaltet wurden nach den Lebensbediirfnissen 
anderer Volker. Aber alle hatten es verstanden, das Urwort Vac. 

Wir werden manches besser verstehen, wenn wir ein Geheimnis in 
seinem ganzen Zusammenhang uns vor Augen fuhren. Wir miissen 
uns vorstellen, daB damals die Wirkung des Lehrers auf den Schuler 
eine ganz andere war als heute. Heute ist nur dann, wenn der Schuler 
auf eine gewisse Einweihungsstufe schon gebracht ist, einigermaBen 
eine solche Wirkung moglich. Damals waren die Krafte des Lehrers, 
die auf den Schuler ubergingen, viel starker. Von diesen Kraften 



machen wir uns eine Vorstellung, wenn wir sagen: Nicht nur das, 
was der Lehrer durch das Wort oder durch die Schrift iibermitteln 
konnte, wirkte. Das alles wirkte eigentlich nur auf die Verstandes- 
seele, aber auBerdem wirkten magische, geheimnisvolle Krafte vom 
Lehrer auf den Schuler, und es waren im wesentlichen die Krafte 
des Lehrers, die da imstande waren, die Bilder, die der Lehrer vor 
die Seele des Schiilers riickte, zu erfiiilen mit Helligkeit und lebendiger 
Kraft. Diese eigenartige Wirkung hat sich im vierten nachatlantischen 
Zeitalter, der griechisch-lateinischen Kultur, erst verloren. Die Krafte 
andern sich eben. Es war ganz etwas anderes, wenn ein alter Agypter 
einem jungen gegeniiberstand, als wenn heute ein Lehrer dem Schuler 
gegenubersteht. Ganz andere Krafte wirkten vom Alter auf die Ju- 
gend. Das muB derjenige wissen, der verstehen will, was noch im alten 
Griechentum beschrieben ist. Sokrates hatte tatsachlich telepathische 
Krafte, die er auf seine Schuler ubergehen lieG, wahrend er sie be- 
lehrte. Solches kann in unserer Zeit nicht mehr wirken. Solche Dinge 
werden angedeutet in Platos Schriften. Heute wiirde es selbstver- 
standlich eine verwerfliche Untugend sein, was damals durchaus be- 
rechtigt war. Es gehen eben Anderungen vor sich; niemand hat das 
Recht, das heute zu kopieren. Heutige Erscheinungen wollen sich dar- 
auf berufen, aber dasselbe wiirde heute verwerf lich sein. 

Damals, in der alten Zeit, gingen Krafte aus vom Lehrer zum 
Schuler. Noch im alten Agypten gab es wirklich eine groBe Zahl 
Menschen, die fahig waren, auf eine derartige Weise Krafte aufzu- 
nehmen. Wenn ein Mensch besonders empfanglich war und einem 
anderen gegeniiberstand, der gelernt hatte, seine Gedanken zu ver- 
starken, dann wirkte ein starker Gedanke so, daB er in der Seele des 
Empfanglichen auftauchte als Bild. Es war also im alten Agypten 
eine solche telepathische Wirkung in hohem Grade moglich, und 
Gedankeniibertragung war in hohem MaBe vorhanden. Wenn eine 
starke Willensnatur einer nicht gestarkten gegeniiberstand, war das 
sehr der Fall. So vermochte man auch noch in Agypten einen an- 
deren durch Gedanken zu lenken und zu leiten in einem MaBe, wie 
man es sich heute gar nicht vorstellen kann. Heute wiirde man na- 
tiirlich mit solchen Kraften argen MiBbrauch treiben. 



Im wesentlichen beruhten im alten Agypten die Einweihungen auf 
ahnlichen Kraften. So war es auch im alten Indien moglich gewesen 
und in Persien. Diese Krafte verstarkten noch die Methode, die, wenn 
man sich exoterisch ausdriicken wollte, man auch eine medizinische 
nennen konnte. Darunter ist naturlich nicht die ofFizielle Heilkunde 
von heute zu verstehen. Tiber das, was heute der Mensch Medizin 
nennt, dariiber hatte der agyptische Arzt und Eingeweihte nur ge- 
lacht. Der alte agyptische Mediziner hat eins gewuBt: er hat gewufit, 
daB jene Zustande, die in der Atlantis urspriinglich vorhanden waren, 
und wie man sie bei der Einweihung hat wahrnehmen konnen, auch 
jetzt noch in gewissem Sinne wieder zu erwecken waren. Das BewuBt- 
sein, in dem der Mensch in der Atlantis lebte, war ein dumpfes Hell- 
seherbewuBtsein. Da gab es eine Zeit, sagte sich der agyptische Ein- 
geweihte, in der die geistigen Wesen eine viel groBere Kraft auf den 
Menschen ausiibten. Heute weiB der Mensch, wenn er schlaft, nichts 
von den hoheren Welten; aber der atlantische Mensch lebte da noch 
in einem dammerhaften HellseherbewuBtsein mit den Gottern. Und 
so wie es viel besser wirkt als alle moralischen Lehren, wenn der 
heutige Mensch sich erheben kann zu einem idealen Menschen, so 
wirkte damals der agyptische Eingeweihte durch Krafte und Bilder 
hoherer geistiger Vorgange auf den Schiiler. Das wirkte nicht bloB 
auBerlich, sondern tief innerlich, es wirkte so, daB ein ganz bestimmter 
Vorgang resultierte. 

Denken wir uns einen kranken Menschen, der deshalb krank ist, 
weil bestimmte Verrichtungen nicht in normaler Weise verlaufen. 
Woher kommt das? Derjenige, der okkult geschult ist, weiB, daB 
es nicht von auBen kommt, wenn der physische Leib unregelmaBig 
funktioniert; sondern alles, was an Krankheiten da ist und nicht 
von auBen kommt, ist darauf zuriickzufiihren, daB der Atherleib nicht 
in Ordnung ist. Aber der Atherleib ist krank, weil der Astralleib in 
Unordnung ist. Wenn nun bei dem atlantischen Menschen Gefahr 
vorhanden war, daB irgendeine Unordnung in der Safteverteilung 
eintreten konnte, dann war sehr bald dafur gesorgt, daB wieder 
Ordnung hineinkommen konnte. Der Mensch bekam im Schlaf- 
zustand aus den geistigen Welten eine solche Kraft, daB durch den 



Schlaf die gestorten Krafte und Funktionen wieder hergestellt wurden, 
daB der Mensch wieder gesundete. Er stellte gewissermaBen durch 
Erschlafen die gesunden Krafte wieder her. Die alten agyptischen 
Arzte gebrauchten etwas Ahnliches. Sie dammerten das BewuBtsein 
des Patienten kiinstlich herab bis zu einer Art hypnotischen Schlafes, 
und nun waren sie Herren iiber die Bilder der Seelenwelt, die um 
den Patienten entstanden. Und diese Bilder lenkten sie so, daB sie 
Krafte hatten, zuriickzuwirken auf den physischen Leib und ihn ge- 
sund zu machen. Das war der Sinn des Tempelschlafs, den man fur 
innerliche Krankheiten verwendete. Den Kranken gab man keine 
Medizin, sondern man lieB einen solchen Menschen im Tempel 
schlafen. Man umdammerte sein BewuBtsein und lieB ihn in die 
geistigen Welten hineinschauen. Man lenkte nun seine astralischen 
Erlebnisse so, daB diese die Krafte hatten, wieder Gesundheit in den 
Leib hineinzugieBen. Das ist kein Aberglaube, das ist ein Geheimnis, 
das die Eingeweihten kannten : daB sie das Geistige in die Erlebnisse 
der Kranken hineinbrachten. In der Heilkunde, die wir daher so innig 
verbunden mit dem Prinzip der Einweihung finden, stellte man bei 
der Heilung gleichsam kiinstlich den atlantischen Zustand wieder her. 
Und dadurch, daB der Mensch durch sein TagesbewuBtsein nicht sich 
entgegensetzte, wirkten die Krafte, die notig waren zur Gesundung. 
So wirkte der Tempelschlaf. 

In der agyptischen Kultur herrschte das Prinzip auch noch, das in 
Indien bei den weisen Rishis herrschte, die selbst die Dinge lenkten, 
die selbst die Vermittler der Planetenkrafte waren, die Schiller des 
Manu, des groBen Lehrers der ersten erhabenen Kultur. In der 
ersten Kultur der nachatlantischen Zeit waren es die Rishis, die jene 
erhabene Lehre brachten, eine Lehre, die den Menschen in hohe, er- 
habene, geistige Welten fuhrte, bis in die obere Devachanwelt. Das, 
was da geschaut wurde, das wurde heruntergefuhrt in den folgenden 
Kulturperioden bis auf den physischen Plan; bis im vierten nach- 
atlantischen Zeitraum sich hineinsenkte in den physischen Plan die 
Wesenheit, die wir als das Brahman der indischen Kulturperiode 
kennengelernt haben, die wir als Christus bezeichnen, die nicht mehr 
das Geistige zu vermitteln hat, sondern selbst Mensch wurde, um 



liber alle Menschen auszustrahlen die geheimnisvolle Macht des Ur- 
wortes. 

So ist das Urwort herabgestiegen, um den Menschen wieder hin- 
aufzubringen. Und der Mensch muB verstehen, wie das geschah, um 
ein Instrument aus sich zu Hlden, durch das er in die Zukunft wir- 
ken kann. Wir miissen kennenlernen, was vor uns gewirkt hat, damit 
wir selbst mitarbeiten konnen an immer hoherer Gestaltung dessen, 
was fiir uns um uns ist. 

Eine geistige Welt miissen wir in Zukunft schaffen. Dazu ist notig, 
daB wir zuerst den Kosmos verstehen. 



FUNFTER VORTRAG 



Leipzig, 7. September 1908 

Wir haben bisher in diesen Vortragen versucht, uns ein Bild zu 
machen von unserer Erdenentwickelung im Zusammenhange mit der 
des Menschen, weil wif auseinandersetzen muBten, wie die Ver- 
gangenheit der Erde, wie die Tatsachen unserer Erdenentwickelung 
sich in der Erkenntnis der einzelnen Kulturperioden der nachatlan- 
tischen Zeit widerspiegeln. Wir konnten gerade die tiefsten Erleb- 
nisse des Schiilers der Rishis dahin charakterisieren und zeigen, wie 
sich diese inneren Erlebnisse eines solchen Einzuweihenden als in- 
nere, hellsichtig geschaute Bilder darstellten derjenigen Verhalt- 
nisse und Vorgange, die sich abspielten in unserer Urerde, als diese 
noch in sich enthielt die Sonne und den Mond. Wir haben auch 
gesehen, welch eine hohe Stufe der Einweihung ein solcher Schuler 
der indischen Kultur erreichen muBte, um sich ein solches Welt- 
anschauungsbild schaffen zu konnen, ein Bild, das wie eine Wieder- 
holung dasteht von dem, was sich in urferner Vergangenheit abge- 
spielt hat. Wir haben auch gesehen, was die Griechen dachten, als 
sie auf ihren Alexanderziigen bekannt wurden mit dem, was also ein 
indischer Einzuweihender erlebte, in dessen Seele sich erhob das Bild 
der gottlich-geistigen, schaffenden Kraft, das sich auszudnicken be- 
gann im Urnebel, als Sonne und Mond noch mit der Erde vereint wa- 
ren. Dieses Bild, das Brahman der Inder, das den Griechen erschien 
wie Herakles, dieses Bild versuchten wir uns als eine innere Wieder- 
holung der Tatsachen, die sich tatsachlich in der Vergangenheit abge- 
spielt haben, vor die Seele zu fuhren. Es ist auch schon betont worden, 
daB die aufeinanderfolgenden Entwickelungsperioden der Erde sich 
spiegelten in der persischen und in der agyptischen Kulturperiode. 
Was also in der zweiten Epoche geschah, als sich die Sonne herauszog 
aus der Erde, das wurde im Bilde bei den Eingeweihten der Perser in 
Erscheinung gebracht. Und das, was sich abspielte, als nach und nach 
der Mond herausging, das wurde Weltanschauung und Einweihungs- 
prinzip bei den Agyptern, Chaldaern, Babyloniern, Assyrern. 



Nun mussen wir uns, um ganz genau in die Seek des alten Agyp- 
ters hineinschauen zu konnen - denn das ist uns ja das Wichtigste, 
und die Persereinweihung werden wir nur wie eine Vorbereitung an- 
schauen wir mussen uns noch einmal genauer darauf einlassen, wie 
es eigentlich mit unserer Erde zuging wahrend der Zeiten, als sich 
Sonne und Mond von der Erde trennten. 

Wir wollen jetzt ein Bild von der Erde selbst entwerfen, das sich 
nach und nach herausbildete, als die Sonne wegging und als sparer 
auch der Mond wegging. Es soil abgesehen werden von den groBen 
kosmischen Ereignissen, und wir wollen sehen, was auf der Erde 
selbst geschieht. Wenn wir noch einmal auf die Erde im Urzustande 
zuruckblicken, als sie mit Sonne und Mond vereinigt war, so wurden 
wir da nicht finden unsere Tiere, unsere Pflanzen und ganz und 
gar nicht unsere Mineralien. Das, woraus die Erde urspriinglich ge- 
staltet war, war zunachst nur der Mensch, waren nur Menschenkeime. 
Zwar ist es richtig, daB auch schon die tierischen und pflanzlichen 
Keime angelegt wurden auf der alten Sonne und auf dem alten Monde, 
daB auch diese schon im Urzustande der Erde enthalten waren, aber 
sie waren gewissermafien noch schlafende Keime, keine Keime, denen 
man hatte ansehen konnen, daB sie wirklich etwas hervorbringen 
konnten. Erst als die Sonne sich herauszubewegen begann, erst da 
wurden die Keime triebkraftig, die spater zu Tieren wurden. Und 
erst als die Sonne sich vollstandig von der Erde getrennt hatte und 
Erde und Mond allein waren, da wurden jene Keime Triebkeime, 
die spater Pflanzen wurden. Und erst als der Mond herauszugehen 
begann, bildeten sich nach und nach die mineralischen Keime. Das 
wollen wir also festhalten. 

Jetzt aber wollen wir die Erde einmal selbst anschauen. Die Erde 
war, als sie noch Sonne und Mond in sich hatte, nur eine Art groBer 
atherischer Dunstnebel von gewaltiger Ausdehnung, und darinnen 
waren triebkraftig die Menschenkeime, schlafend aber die Keime der 
anderen Wesen: Tiere, Pflanzen und Mineralien. Deshalb, weil nur 
Menschenkeime da waren, aber noch keine Augen, konnte auch 
kein Auge auBerlich diese Vorgange sehen, so daB die hier gegebene 
Beschreibung nur sichtbar werden kann im Ruckblick fur den hell- 



sehenden Menschen. Diese Beschreibung wird unter der hypotheti- 
schen Voraussetzung gemacht, da6 das einer gesehen hatte, wenn er 
damals auf einem Punkt des Weltenraums sich hatte befinden und 
zuschauen konnen. Auch auf dem alten Saturn hatte ein physisches 
Auge gar nichts bemerkt. Damals, im Urzustand, war die Erde nur 
ein Dunstnebel, der nur als Warme empfunden worden ware. Aus 
dieser Masse, aus diesem Urathernebel gliederte sich allmahlich ein 
leuchtender Dunstball, der schon hatte gesehen werden konnen, wenn 
es damals ein Auge gegeben hatte. Und wenn man mit einem Gefuhls- 
sinn sozusagen hatte hineindringen konnen, ware er erschienen wie 
ein erwarmter Raum; etwa wie das Innere eines Backofens wiirde er 
sich ausgenommen haben. Sehr bald aber wurde diese Nebelmasse 
leuchtend. Und dieser Dunstball, der sich da herausgebildet hatte, 
der hatte in sich alle die Keime, von denen eben gesprochen worden 
ist. Wir mussen uns klar sein, daB in diesem Dunstnebel nicht etwas 
vorlag wie ein heutiger Nebel oder wie heutige Wolkengebilde, son- 
dern alle heute fest gewordenen und fhissigen Substanzen waren 
darinnen aufgelost. Alle Metalle, alle Mineralien, alles, alles war in 
Dunst- und Nebelform, in einer sehr durchsichtigen Form, in einer 
durchleuchteten Dunstform darin vorhanden. Durchleuchteter Dunst 
war da, von Warme und Licht durchdrungen. Denken Sie sich da 
hinein. Das was aus dem atherischen Nebel geworden war, das war 
ein durchleuchtetes Gas. Und dieses hellte sich immer mehr und 
mehr auf, und gerade durch die Verdichtung der Gase wurde das 
Licht immer starker, so daB in der Tat einmal dieser Dunstnebel 
wie eine groBe Sonne erschien, die in den Weltenraum hinaus- 
leuchtete. 

Diesen Zeitpunkt gab es durchaus einmal, als die Erde noch die 
Sonne in sich hatte, als sie noch lichtdurchglanzt und durchstrahlt 
war und in den Weltenraum ihr Licht hinausstrahlte. Dieses Licht 
aber machte es moglich, daB nicht nur der Mensch in jener ur- 
sprunglichen Anlage mit der Erde lebte, sondern daB in der Fiille des 
Lichtes lebten alle anderen hoheren Wesen, die nicht einen physischen 
Leib annahmen, aber mit der Entwickelung des Menschen verbunden 
sind: Engel, Erzengel, Urkrafte. Aber nicht nur diese waren darin; 



in der Lichtfulle lebten auch noch hohere Wesenheiten: die Gewalten 
oder Exusiai oder Geister der Form, die Machte oder Dynamis oder 
Geister der Bewegung, die Herrschaften oder Kyriotetes oder Geister 
der Weisheit und jene Geister, die genannt werden die Throne oder 
Geister des Willens, und endlich in loserer Verbindung mit der 
Lichtfulle, sich immer mehr von ihr losringend, die Cherubim und 
die Seraphim. Ein von einer ganzen Hierarchie niederer und hochster, 
erhabenster Wesenheiten bevolkerter Weltenkorper war die Erde. Und 
das, was als Licht hinausstrahlte in den Raum, das Licht, womit der 
Erdenkorper durchdrungen wurde, das war nicht nur Licht, sondern 
auch das, was spater die Erdenmission war: das war die Kraft der 
Liebe. Das hatte das Licht als seinen wichtigsten Bestandteil in sich. 
Wir tmissen uns also vorstellen, dafi nicht nur Licht ausgestrahlt wird, 
nicht nur physisches Licht, sondern daJB dieses Licht durchseelt, durch- 
geistigt ist mit der Kraft der Liebe. 

Das ist schwer vorzustellen fur ein heutiges Gemiit. Gibt es doch 
heute Menschen, die die Sonne so beschreiben, als ob da so ein gas- 
formiger Ball ware, der einfach Licht ausstrahlte. So etwas Materiel- 
les, so ein rein materielles Vorstellen herrscht heute einzig und allein 
von der Sonne. Ausgenommen sind davon nur die Okkultisten. Wer 
heute eine Beschreibung der Sonne liest, so wie sie in den popularen 
Biichern dargestellt ist, in Biichern, die die geistige Nahrung unzah- 
liger Menschen bilden, der hat nicht das Wesen der Sonne kennen- 
gelernt. Das was in diesen Biichern steht, das ist in bezug auf die 
Sonne genausoviei wert, wie wenn jemand als das Wesen des Men- 
schen einen Leichnam beschreibt. So wahr der Leichnam der Mensch 
ist, so wahr ist das, was in der Astrophysik von der Sonne beschrie- 
ben ist, die Sonne. 

Gerade so wie der das Wichtigste beim Menschen weglaBt, der den 
Leichnam beschreibt, so beschreibt der Physiker, der heute die Sonne 
beschreibt, nicht ihr Wesen, wenn er mit Hilfe der Spektralanalyse die 
inneren Bestandteile der Sonne gefunden zu haben glaubt; das was be- 
schrieben ist, ist nur aufierer Leib der Sonne. In jedem Sonnenstrahle 
stromt auf alle Erdenwesen hernieder die Kraft hoherer Wesenheiten, 
welche die Sonne bewohnen, und mit dem Lichte des Sonnenstrahls 



schwebt selber hernieder die Kraft der Liebe, dieselbe Kraft, die hier 
auf der Erde von Mensch zu Mensch, von Herzen zu Herzen stromt. 
Es kann die Sonne niemals bloB physisches Licht auf die Erde senden; 
dasselbe, was die heiBeste und inbriinstigste Liebesempfindung ist, ist 
unsichtbar im Sonnenlichte vorhanden. Mit ihm stromen der Erde zu 
die Krafte der Throne, der Seraphim, der Cherubim und der ganzen 
Hierarchie der hoheren Wesenheiten, die auf der Sonne wohnen und 
die es nicht notig haben, irgendeinen anderen Korper als das Licht 
zu haben. Weil aber das alles, was heute in der Sonne vorhanden ist, 
damals noch mit der Erde verbunden war, so waren auch alle die 
hoheren Wesen mit der Erde selbst verbunden. Auch heute noch sind 
sie mit der Entwickelung der Erde verbunden. 

Dann miissen wir bedenken, daB der Mensch, der das niederste von 
den hoheren Wesen war, damals schon im Keim vorhanden war als 
das neue Kind der Erde, getragen und gehegt von diesen hohen We- 
sen, im Schofie dieser gottlichen Wesen lebend. Der Mensch, der in 
jener Zeit lebte, in welcher wir jetzt mit unseren Betrachtungen in der 
Erdenevolution stehen, muBte, weil er noch im SchoBe dieser Wesen- 
heiten war, auch damals einen viel feineren Leib haben. Und da ergibt 
sich dem hellsehenden BewuBtsein, dafi der Leib des damaligen Men- 
schen nur bestanden hat aus einer feinen Dunst- und Dampfform, 
einem Luft- oder Gasleib, einem vom Lichte ganz durchstrahlten, 
ganz durchsetzten Gasleib. Denken wir uns eine regelmaBig gestaltete 
Wolke, wie eine nach oben sich erweiternde, kelchartige Bildung, 
und denken wir uns diesen Kelch durchgliiht und durchleuchtet von 
dem inneren Lichte, und wir haben die damaligen Menschen, die eben 
erst anfangen in dieser Erdenentwickelung ein dumpfes BewuBtsein zu 
haben, ein BewuBtsein, wie es heute die Pflanzenwelt hat. Nicht wie 
die Pflanzen im heutigen Sinne waren die Menschen; sie waren durch- 
leuchtete und durchwarmte Wolkenmassen in Kelchesform und ohne 
feste Grenzen, nicht durch feste Grenzen getrennt von der Gesamt- 
erdenmasse. 

Das war einmal die Gestalt des Menschen, eine Gestalt, die ein phy- 
sischer Lichtleib war, teilhaftig noch der Krafte des Lichtes. Deshalb 
konnten sich, wegen der Feinheit des Leibes, nicht nur hineinsenken 



ein eigener Atherleib und Astralleib, nicht nur das Ich in den ersten 
Anfangen, sondern auch die hoheren geistigen Wesenheiten, die mit 
der Erde verbunden waren. Damals wurzelte der Mensch noch sozu- 
sagen nach oben in den gottlich-geistigen Wesen, und diese durch- 
drangen ihn. Es ist wirklich nicht leicht, die Herrlichkeit der Erde 
von damals zu schildern und eine Vorstellung zu geben von jener 
Zeit. Wir rmissen uns die Erde als eine Hchtdurchglanzte Kugel vor- 
stellen, von lichttragenden Wolken umstrahlt, wunderbare Licht- 
erscheinungen von wunderbarem Farbenspiel erzeugend. Wenn man 
eine fuhlende Hand hatte hineinstrecken konnen in diese Erde, man 
hatte Warmeerscheinungen wahrgenommen, auf und ab wogend die 
durchgliihten, durchleuchteten Massen, darin alle heutigen Menschen- 
wesen, umwebt und umwogt von all den geistigen Wesenheiten, nach 
auBen hin in grandioser Mannigfaltigkeit strahlendes Licht aussen- 
dend! AuBen der Erdenkosmos in seiner groBen Mannigfaltigkeit, 
innen der lichtumflossene Mensch, in Verbindung mit den gottlich- 
geistigen Wesenheiten, von ihnen ausgehend und Strome von Licht 
in die auBere Lichtsphare strahlend. Der Mensch hing wie an einer aus 
dem Gottlichen entspringenden Nabelschnur an diesem Ganzen, an 
dem LichtschoB, dem WeltenschoB unserer Erde. Ein gemeinsamer 
WeltenschoB war es, in dem die Lichtpflanze Mensch damals lebte, 
sich eins fiihlend mit dem Lichtmantel der Erde. So war der Mensch 
in dieser feinen Dunstpflanzenform wie an der Nabelschnur der 
Erdenmutter hangend, so war er gehegt und gepflegt von der ganzen 
Mutter Erde. Wie in einem groberen Sinne heute das Kind gehegt und 
gepflegt ist im mutterlichen Leibe als Kindeskeim, so war damals ge- 
hegt und gepflegt der Menschenkeim. So lebte der Mensch damals in 
der urfernen Erdenzeit. 

Dann begann die Sonne sich herauszulosen, die feinsten Substan- 
zen mit sich nehmend. Es gab eine Zeit, in der die hohen Sonnen- 
wesenheiten die Menschen verlieBen, da alles, was heute zur Sonne 
gehort, unsere Erde verlieB und die groberen Substanzen zuriicklieB. 
Und verbunden war dieses Hinausgehen der Sonne damit, daB der 
Dunst sich abkiihlte zu Wasser, und wir haben, wahrend wir friiher 
die Dunsterde hatten, nun die Wasser-Erdkugel. In der Mitte waren 



die Urwasser, jedoch nicht von Luft umgeben; langsam gingen die 
Wasser iiber in dichte, dicke Nebel, die sich allmahlich verfeinerten. 
So haben wir die damalige Erde als Wassererde, also darin auch StofFe 
in weichem Zustande, umdunstet von Nebeln, die immer feiner wur- 
den, bis hinauf in die hochsten Spharen, wo die Nebel ganz fein wur- 
den. So haben wir einmal unsere Erde vor uns. So war sie verandert, 
und die Menschen muBten nun sozusagen die friiher lichtdurchgliihte 
Gasgestalt hineinsenken in die triiben Wasser und sich dort verkor- 
pern als geformte Wassermassen im Wasser, wie vorher als Luftfor- 
men in der Luft. Der Mensch wurde eine Wassergestalt, jedoch kei- 
neswegs ganz. Niemals war der Mensch ganz ins Wasser hinunter- 
getaucht. Das ist ein wichtiger Moment. Es ist beschrieben worden, 
wie die Erde in der Mitte Wassererde war, der Mensch war nur teil- 
weise ein Wasserwesen, er ragte hinein in die Dunsthiille, so daB er 
halb Wasser-, halb Dampfwesen war. Unten im Wasser konnte der 
Mensch unmoglich von der Sonne erreicht werden, die Wassermasse 
war so dick, daB das Sonnenlicht nicht durchdringen konnte. In den 
Dunst konnte das Licht der Sonne etwas hineindringen, so daB der 
Mensch lebte zum Teil im dunkeln, lichtberaubten Wasser und teil- 
weise im lichtdurchgluhten Dunst. Von etwas war jedoch das Was- 
ser nicht beraubt, von etwas, das wir jetzt genauer beschreiben miis- 
sen. 

Von Anfang an war die Erde nicht nur gluhend, leuchtend, son- 
dern auch tonend, und der Ton war in der Erde geblieben, so daB, 
als das Licht hinausging, innerlich das Wasser zwar dunkel wurde, 
innerlich aber auch vom Ton durchdrungen wurde, und der Ton war 
es, der dem Wasser gerade die Gestaltung, die Form gab, wie man das 
ja an dem bekannten physikalischen Experiment kennenlernen kann. 
Wir sehen, daB der Ton ein Gestaltendes ist, eine formende Kraft, weil 
durch den Ton die Teile gegliedert oder geordnet werden. Der Ton 
hat eine formende Kraft, und die war es, die auch den Leib aus dem 
Wasser heraus geformt hat. Das war die Kraft des Tones, die noch in 
der Erde geblieben war. Es ist der Ton, der Klang, der die Erde durch- 
klingt, es ist der Ton, aus dem heraus sich formte die Menschen- 
gestalt. Hindringen konnte das Licht nur zu dem Teil des Menschen, 



der da aus dem Wasser hinausragte. Unten ein Wasserleib, oben ein 
Dampfleib, den das auBere Licht beriihrte, zu dem im Lichte die 
Wesen, die mit der Sonne herausgegangen waren, Zugang hatten. 
Vorher fiihlte sich der Mensch in ihrem SchoBe, als die Sonne noch 
mit der Erde vereinigt war; jetzt schienen sie im Licht auf ihn nieder 
und durchstrahlten ihn mit ihrer Kraft. Wir diirfen aber nicht ver- 
gessen, daB in dem, was nach der Trennung der Sonne zuriickgeblie- 
ben war, auch die Krafte waren, die die Erde von sich trennen muBte, 
die Krafte des Mondes. 

Wir haben also eine Zeit, wo gerade die Sonne herausgegangen 
war, wo allmahlich jener Pflanzenmensch untertauchen muBte in die 
physische Wassererde. Das ist die Stufe, die der Mensch damals in 
seinem Leibe erreicht hatte, die wir heute degeneriert festgehalten 
sehen in den Fischen. Wenn wir heute das Wasser von Fischen durch- 
zogen sehen, so sind diese Fische Uberreste jener Menschen, naturlich 
in einer dekadenten Form. Wir mussen uns etwa einen Goldfisch den- 
ken, in phantastischen Pflanzenformen, mit groBer Beweglichkeit, aber 
mit dem Gefiihl von Wehmut, weil das Licht dem Wasser genommen 
war. Es war eine tiefe, tiefe Sehnsucht, die entstand. Das Licht war 
nicht mehr da ; das Verlangen nach dem Licht rief die Sehnsucht her- 
vor. Es gab einen Augenblick in der Erdenentwickelung, in dem die 
Sonne noch nicht ganz heraus war aus der Erde, da kann man jene 
Gestalt noch durchgliiht sehen von Licht, die Menschen im oberen 
Teil noch auf der Sonnenstufe, unten schon in der Gestalt, die in der 
Fischform festgehalten worden ist. Dadurch nun, daB der Mensch mit 
der Halfte seines Wesens in der Dunkelheit lebte, dadurch war da unten 
eine recht niedere Menschennatur, denn in dem Teile, mit dem er 
untertauchte, hatte er die Mondeskrafte in sich. Wenn das auch nicht 
zur Lava erstarrt war, wie im heutigen Monde, es waren schwarze, 
finstere Krafte. Da konnten auch nur die schlechtesten Partien des 
Astralischen untertauchen. Aber oben war eine Dunstgestalt, gleich- 
sam der Kopfteil, in den hineinstrahlte das Licht von auBen und ihm 
die Form gab, so daB der Mensch aus einem niederen und einem 
hoheren Teil bestand. Schwimmend, schwebend bewegte er sich in 
dieser Dunstatmosphare. Die dichte Dunstatmosphare der Erde war 



noch nicht Luft, sie war Dunst, also noch nicht Luft, durch die die 
Sonne hatte dringen konnen. Die Warme konnte durchdringen, aber 
nicht das Licht. Der Sonnenstrahl konnte nicht die ganze Erde kiis- 
sen, sondern nur die Oberflache, der Erdenozean blieb dunkel. In die- 
sem Ozean waren aber die Krafte, die spater als Mond herausgegangen 
sind. 

Dadurch nun, daB die Lichtkrafte eindrangen, drangen auch die 
Gotter in die Erde ein. So daB wir unten den gotterlosen, gottver- 
lassenen Wassermantel, nur durchdrungen von der Kraft des Tones 
haben, ringsherum den Dunst, in den sich hineinerstrecken die Krafte 
der Sonne. So daB der Mensch in dem Dunstkorper, der uber die 
Wasserflache hinausragte, doch immer noch ein Mitburger war des- 
sen, was zu ihm strahlte als Licht und Liebe aus der geistigen Welt. 
Warum durchdrang jedoch den finsteren Wasserkern die tbnende 
Welt? 

Aus dem Grunde, weil einer der hohen Sonnengeister zuruckgeblie- 
ben war, verbunden hatte sein Dasein mit der Erde. Das ist derselbe 
Geist, den wir kennen als Jahve oder Jehova. Jahve allein blieb bei 
der Erde, er opferte sich, er war es, dessen inneres Wesen als for- 
mender Ton die Wassererde durchklang. 

Aber weil die schlechtesten Krafte als Ingredienzien in der Wasser- 
erde verblieben waren, weil diese Krafte furchtbare Elemente waren, 
kam der Dunstteil des Menschen immer mehr herunter, und aus der 
ehemaligen Pflanzengestalt entstand allmahlich ein Wesen, das auf der 
Stufe eines Amphibiums stand. In der Sage und Mythe ist diese Ge- 
stalt, die viel tiefer steht als die spatere Menschheit, geschildert als der 
Drache, als der Menschenmolch, als der Lindwurm. Und der andere 
Teil des Menschen, der ein Burger des Lichtes war, der wird darge- 
stellt als ein Wesen, das nicht herunterkam, das die niedere Natur 
bekampft, das zum Beispiel als Michael, als der Drachentoter, als hei- 
liger Georg, den Drachen bekampfend dargestellt wird. Auch noch in 
der Gestalt des Siegfried mit dem Drachen haben wir, allerdings um- 
geformt, Bilder dessen, was damals in jener Zweiteilung Menschen- 
anlage war. Hinein kam in den oberen Teil der Erde und somit auch 
in den oberen Teil des physischen Menschen die Warme, und bildete 



etwas wie einen feurigen Drachen. Aber daruber erhob sich der Ather- 
leib, in dem die Kraft der Sonne festgehalten wurde. So haben wir 
eine Gestalt, die das Alte Testament recht gut dargestellt hat in der 
Gestalt der verfuhrerischen Schlange, die auch ein Amphibium ist. 

Nun riickte die Zeit immer mehr heran, in der die niedersten Krafte 
herausgeschleudert wurden. Machtige Katastrophen erschutterten die 
Erde, und fur den Okkultisten erscheinen die Basaltbildungen als 
Uberreste jener reinigenden Krafte, die dazumal den Erdenkorper er- 
schiitterten, als der Mond sich von der Erde trennen muBte. Das war 
aber auch die Zeit, in der sich immer mehr verdichtete der Wasser- 
kern der Erde, und in der allmahlich der feste, mineralische Kern ent- 
stand. Die Erde wurde auf der einen Seite verdichtet durch den Her- 
ausgang des Mondes, auf der anderen Seite gaben jedoch die oberen 
Partien ihre schwereren, groberen Substanzen an die unteren Partien 
ab, und oben entstand immer mehr und mehr das, was zwar noch 
immer von Wasser durchsetzt war, was aber nach und nach ahnlich 
wurde unserer Luft. So bekam die Erde allmahlich einen festen Kern 
in der Mitte, und Wasser war darum herum. Zuerst war der Nebel 
noch undurchdringlich fur die Sonnenstrahlen, aber dadurch, daB der 
Nebel Substanzen abgab, wurde er immer diinner und diinner. Spater, 
erst viel spater ist Luft daraus geworden, und allmahlich konnten die 
Sonnenstrahlen, die friiher die Erde selbst nicht erreichen konnten, 
allmahlich konnten sie durchdringen. 

Jetzt kam eine Stufe unserer Erde, die wir uns recht vor die Seele 
stellen wollen. Friiher tauchte der Mensch ins Wasser, ragte nur in 
Nebel heraus ; jetzt durch die Verdichtung der Erde nimmt der Wasser- 
mensch allmahlich die Moglichkeit an, die Form zu verdichten, ein 
festes Knochensystem anzunehmen. Der Mensch verhartete sich in 
sich selber. Dadurch bildete sich der obere Teil des Menschen so um, 
dafi er fur das neu Eingetretene geeignet wurde. Das neu Eingetre- 
tene, was friiher unmoglich war, das war die Luftatmung. Jetzt fin- 
den wir eine erste Anlage der Lunge. In dem oberen Teil war friiher 
das, was das Licht aufnahm, das aber nicht weiterdringen konnte. 
Jetzt fuhlte der Mensch wieder das Licht in seinem dumpfen BewuBt- 
sein. Er konnte das, was da herunterstrahlte, fiihlen als gottliche 



Krafte, die ihm zustromten. Bei diesem Ubergang fuhlte er das, was 
ihm zustrahlte, in zwei Teile sich spalten : die Luft drang selbst in ihn 
ein, der Hauch der Luft drang in ihn ein, fruher drang das Licht nur 
an ihn, jetzt Luft in ihn. Der Mensch, der das fuhlte, muBte sich etwa 
sagen : Fruher fuhlte ich die Kraft, die iiber mir ist, als die Kraft, die 
mir gab das, was ich jetzt brauche zum Atmen. Licht war mir Atmen. 
- Was jetzt in ihn einstromte, war ihm wie zwei Bruder; Licht und 
Luft waren fur ihn zwei Briider. Jetzt war es fur ihn eine Zweiheit 
geworden : Licht und Luft. 

Der Erde Lufthauch, der in den Menschen einstromte, war auch zu 
gleicher Zeit die Ankundigung, daB der Mensch etwas ganz Neues 
fiihlen lernen muBte. Solange Licht allein war, solange kannte der 
Mensch nicht Geburt und Tod. Fruher verwandelte sich die licht- 
durchgluhte Wolke, und der Mensch fuhlte das etwa wie das Wech- 
seln eines Rockes, er fuhlte nicht, daB er geboren wurde, nicht, daB 
er starb, er fuhlte sich ewig, Geburt und Tod nur wie Ereignisse. Mit 
dem ersten Atemzuge trat das BewuBtsein von Geburt und Tod ein: 
Die Luft, der Lufthauch, der sich abgespaltet hat von seinem Bruder, 
dem Lichtstrahl - so empfand der damalige Mensch -, der abgespaltet 
hat dadurch auch die Wesen, die fruher mit dem Lichte eingeflossen 
sind, der hat mir den Tod gebracht. 

Wer war es denn, der da machte, daB das BewuBtsein : Zwar habe 
ich eine fmstere Gestalt, doch bin ich verbunden mit dem ewigen 
Wesen - wer war es denn, der dieses BewuBtsein vertrieb, totete? 
Der Lufthauch, der in den Menschen einstromte - Typhon. Typhon 
heiBt der Lufthauch. Und indem die agyptische Seele in sich das er- 
lebte, was sich so abgespielt hatte, daB sich der fruher gemeinsame 
Strahl spaltete in den Lichtstrahl und den Lufthauch, wurde fur diese 
Seele das kosmische Ereignis ein symbolisches Bild, das sich dar- 
stellte als Ermordung des Osiris durch Typhon oder Set, den Wind- 
hauch. 

Ein groBes kosmisches Ereignis ist verborgen im agyptischen 
Mythos, der den Osiris getotet sein laBt durch Typhon. Der Agypter 
fuhlte den Gott, der von der Sonne kam und der sich noch vertrug 
mit seinem Bruder, als Osiris. Typhon war die Atemluft, die dem 



Menschen die Sterblichkeit gebracht hat. Da sehen wir an einem der 
pragnantesten Beispiele, wie sich die Tatsachen der Weltentwickelung 
in der innerlichen Erkenntnis der Menschen wiederholen. 

So hat sich abgespielt das Werden der Dreiheit von Sonne, Mond 
und Erde. Alles das wurde dem agyptischen Scrriiler mitgeteilt, in tie- 
fen, tiefen, bewuBt geformten Bildern. 



SECHSTER VORTRAG 



Leipzig, 8. September 1908 



Mancher von Ihnen wird wohl beim Nachdenken iiber die in den 
letzten Tagen angestellten Betrachtungen iiber die Entwickelung unse- 
rer Erde und auch im weiteren Sinne des Sonnensystems im Zusam- 
menhang mit dem Menschen einem ihm sonderbar erscheinenden 
Widerspruch begegnet sein mit vielen iiebgewonnenen Vorstellungen 
des Lebens. Mancher wird sich gesagt haben: Nun haben wir da 
gestern gehort, die schlechtesten Krafte in der Evolution seien ge- 
bunden an den Mond, und erst in dem Momente, als der Mond skh 
trennte von der Erde, seien mit ihm die schlechtesten Krafte heraus- 
gegangen, und es sei erst dadurch ein solcher Zustand der Erde iibrig- 
geblieben, daB der Mensch seine Evolution finden konnte. - Das alles 
haben wir nun gehort, wo aber bleibt alle Romantik des Mondes? 
Alle jene Poesie, die doch aus wahren Empfindungen entsprang, die 
sich bezieht auf alle die wunderbaren Wirkungen des Mondes auf den 
Menschen ? 

Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer, und er lost sich, wenn 
wir die Tatsachen nicht einseitig betrachten, sondern wenn wir die 
ganze Summe der Tatsachen vor unsere Seele stellen. Wenn wir aller- 
dings heute den Mond auf seine physische Masse priiften, so wiirden 
wir finden, daB diese ungeeignet erscheinen wiirde, solches Leben, 
wie wir es jetzt auf der Erde haben, auf sich zu haben. Zugleich aber 
miissen wir auch sagen, daB auch alles das, was als Atherisches mit 
dem Monde und seinen physischen Substanzen verkniipft ist, zu einem 
groBen Teil auch solcherart ist, daB es sich als etwas sehr Minderwer- 
tiges, als dekadent ausnimmt gegeniiber dem, was als Atherisches in 
unserer eigenen Korperlichkeit ruht. Und wenn wir erst dasjenige, was 
bei den einzelnen Mondwesen - von denen wir durchaus sprechen 
konnen - als Astralisches in Betracht kommt, hellsehend betrachten 
wiirden, so wiirden wir uns iiberzeugen konnen, daB gegeniiber dem 
Schlimmsten, was auf unserer Erde an niederen Gefuhlen vorhanden 
ist, daB dem gegeniiber unzahlig Schlechteres und Minderwertigeres 



auf dem Monde ist. So durfen wir also sowohl in bezug auf das Astra- 
lische, als auch auf das Atherische, als auch auf das Physische des 
Mondes sprechen von Wesen, von Elementen, die ausgeschieden wer- 
den muBten, damit unsere Erde ihren Weg frei von schadlichen Ein- 
fiussen gehen konnte. 

Nun miissen wir uns aber einer anderen Tatsache bewuBt werden. 
Wir durfen nicht auBer acht lassen, daB wir iiberall bei dem Schlech- 
ten, Bosen nicht stehen bleiben durfen. Denn alles das, was in der 
Evolution niedrig, bose wird, alles das unterliegt immer einer bedeu- 
tungsvollen Tatsache. So lange es irgend geht, muB alles das, was tief 
heruntergestiegen ist in niedere Spharen, durch andere, vollkomme- 
nere Wesen gereinigt werden, in die Hohe gebracht und gelautert 
werden, so daB es im Haushalt des Universums wieder verwendet 
werde. Wenn wir irgendwo eine Stelle im Weltall finden, wo beson- 
ders niedrige Wesen sind, so konnen wir sicher sein, daB mit diesen 
niederen Wesen andere, hohere verbunden sind, welche eine so groBe 
Macht des Guten, Schonen, Herrlichen haben, daB sie geeignet sind, 
auch die niedersten Krafte noch zum Guten zu lenken. Deshalb ist es 
wahr, daB all das Niedere mit dem Mondendasein verkniipft ist, auf 
der anderen Seite aber sind mit ihm wiederum hohe, hochste Wesen 
verkniipft. Wir wissen ja schon, daB auf dem Monde zum Beispiel 
die hohe, sehr hohe geistige Wesenheit Jahve wohnt. Eine so hohe 
Wesenheit, mit einer solchen Macht und Herrlichkeit, hat aber unter 
sich in ihrer Tatigkeit groBe, groBe Scharen von dienenden Wesen 
guter Art. So daB wir uns vorzustellen haben, daB allerdings das Nie- 
derste aus der Erde mit dem Monde herausgegangen ist, daB aber 
zugleich diejenigen Wesen, die fahig sind, das Schlechte in Gutes, das 
HaBliche in Schones zu verwandeln, mit dem Monde verbunden ge- 
blieben sind. Das konnten sie nicht, wenn sie das HaBliche im Erden- 
korper lieBen; sie muBten es -herausnehmen. Warum denn aber iiber- 
haupt muB das entstehen, was da als HaBliches und Boses existiert? 
Es muBte entstehen, weil ohne die Einwirkung des HaBlichen und 
Bosen unmoglich etwas anderes hatte zustande kommen konnen: es 
hatte der Mensch niemals ein in sich gestaltetes, geschlossenes Wesen 
werden konnen. 



Erinnern wir uns an die vorige Betrachtung. Da haben wir gesehen, 
wie des Menschen niedere Natur im Wasser wurzelte, wie er zur Halfte 
in die dunkle Wassererde hineinragte. Da gab es keine Knochen, da 
gab es keine feste Menschengestalt. Eine sich metamorphosierende 
Form war da, pflanzlich, bliitenahnlich, die Form wechselte immer- 
fort. So ware der Mensch geblieben, wenn nicht die Krafte sich so 
herausgebildet hatten, wie sie im Monde herausbefordert worden sind. 
Ware die Erde nur einzig der Sonne ausgesetzt geblieben, es ware die 
Beweglichkeit des Menschenwesens zum hochsten Grade gestiegen, 
die Erde hatte ein fur den Menschen unmogliches Tempo eingeschla- 
gen ; der Mensch hatte in seiner heutigen Form nicht entstehen kon- 
nen. Wiirden dagegen nur die Mondeskrafte gewirkt haben, dann ware 
der Mensch sofort erstarrt; seine Gestalt wiirde sich im Augenblick 
der Geburt verfestigen, er wurde zur Mumie werden und so verewigt 
werden. Zwischen diesen zwei Extremen entwickelt sich der Mensch 
heute mitten darinnen : zwischen unbegrenzter Beweglichkeit und dem 
Erstarren in der Form. Weil in dem Monde die formenden Krafte sind, 
ist auch der physische Mond zur Schlacke geworden. In diese For- 
men hineinwirken konnen nur die hohen, starken Wesen, die mit dem 
Monde in Verbindung sind. So wirken auf die Erde zwei Krafte : die 
Sonnenkrafte und die Mondenkrafte, die einen treibend, die anderen 
mumifizierend. Denken Sie sich, ein riesiges Wesen schleppte die Sonne 
weg - in dem Augenblick wiirden wir auch alle schon zu Mumien 
erstarren, und zwar so sehr, daB wir diese Gestalt nie mehr wiirden 
verlieren konnen. Nehmen wir aber an, es schleppte ein Riese den 
Mond weg - dann wiirden alle die schonen, gemessenen, abgerundeten 
Bewegungen, die wir heute haben, zappelig werden. Wir wiirden in- 
nerlich ganz beweglich werden; wir wiirden unsere Hande sich ver- 
langetn sehen bis insRiesenmaBige und wieder zuruckschrumpfen.Die 
Metamorphosierungskraft wiirde sich bis ins RiesenmaBige steigern. 
Jetzt aber ist der Mensch eingeschaltet zwischen diese zwei Krafte. 

Nun ist aber auch in diesem Kosmos, nicht nur in den Gestalten 
und Substanzen, sondern auch in den Verhaltnissen der Dinge zu- 
einander mancherlei aufierordentlich weise eingerichtet. Und wir 
werden nunmehr, um uns heute einmal vor die Seele zu fiihren, 



welche unendliche Weisheit im Kosmos liegt, ein Verhaltnis be- 
trachten, ankniipfend an die Osirisgestalt. 

In der Gestalt des Osiris sah der Agypter die Wirkung des Sonnen- 
gestirns auf unsere Erde in der Zeit, als noch Nebeldunste urn die 
Erde wogten, als noch keine Luft da war, und er sah, daB, als im 
Menschen die Luftatmung anfing, dafi in dem Momente die einheit- 
liche Wesenheit, Osiris-Set sich trennte. Set oder Typhon bewirkt, 
dafi der Lufthauch in uns eingeht. Typhon, der Windhauch, loste 
sich von dem Licht der Sonne, und Osiris wirkt nur als Licht der 
Sonne. Es ist aber auch derselbe Moment, in dem Geburt und Tod 
in das Wesen des Menschen hereinzog. In das, was formend und 
entformend war, was bis dahin etwa so war, als ob wir einen Rock 
anziehen und ausziehen, war eine groBe Anderung getreten. Wenn 
der Mensch damals hatte empfinden konnen, in der Zeit, als noch 
nicht die von der Sonne ausgehenden Wirkungen die Erde selbst 
verlassen hatten, die Wirkungen, die von jenen hohen Wesenheiten 
ausgingen, die spater mit der Sonne hinausgegangen sind, so hatte 
er mit Dankbarkeit hinaufgesehen zu diesen Sonnenwesen. Als die 
Sonne aber sich nunmehr immer mehr von der Erde trennte, als dann 
immer mehr das, was Dunstsphare war - die allerdings damals fur 
den Menschen das Reich seiner hoheren Natur war -, sich verfei- 
nerte, da bekam der Mensch, der immer weniger die direkte Ein- 
wirkung der Sonne wahrnehmen konnte, das BewuBtsein davon, was 
die Krafte in seiner niederen Natur waren, und er kam dazu, daB er 
dort sein Ich erfaBte. Wenn er in seine niedere Natur untertauchte, 
da wurde er sich seiner selbst erst bewuBt. 

Warum nun ist die Wesenheit, welche wir als Osiriswesenheit 
kennen, verfinstert worden? Das Licht horte mit dem Weggang der 
Sonne zu wirken auf, aber Jahve blieb zunachst auf der Erde, bis der 
Mond sich trennte. Osiris war der Geist, welcher so die Kraft des 
Sonnenlichtes in sich enthielt, daB er spater, als der Mond sich 
trennte, mit dem Monde mitging, und die Aufgabe erhielt, vom 
Monde aus das Sonnenlicht auf die Erde zu lenken. Zuerst haben 
wir also die Sonne herausgehen sehen; Jahve bleibt mit seiner Schar, 
mit Osiris in der Erde zuriick. Der Mensch lernt atmen. Zugleich 



aber trat der Mond heraus ; Osiris zieht mit dem Monde heraus und 
erhalt die Aufgabe, das Sonnenlicht vom Monde zu reflektieren auf 
die Erde. Osiris wird in einen Kasten gelegt, das heiBt, er zieht 
sich mit dem Monde zuriick. Vorher hatte der Mensch die Osiris- 
wirkung von der Sonne her; jetzt erhielt er die Empfindung, daB 
das, was ihm fruher von der Sonne kam, ihm jetzt vom Monde zu- 
stromte. Der Mensch sagte sich damals, wenn der Mond herunter- 
strahlte : Osiris, du bist es, der mir vom Monde das Licht der Sonne 
strahlt, das zu deinem Wesen gehort. 

Aber dieses Licht der Sonne wird taglich in einer anderen Gestalt 
zuruckgestrahlt. Wenn der Mond in schwacher Sichel am Himmel 
steht, dann haben wir die erste Gestalt; wenn er am zweiten Tage 
gewachsen ist, die zweite, und so durch vierzehn Tage durch haben 
wir vierzehn Gestalten bis zum Vollmond. Osiris wendet sich durch 
vierzehn Tage in den vierzehn Gestalten der beleuchteten Mondes- 
scheibe der Erde zu. Es ist von tiefer Bedeutsamkeit, daB diese vier- 
zehn Gestalten, vierzehn Wachstumsphasen, der Mond, das heiBt, Osi- 
ris annimmt, um das Licht der Sonne uns zuzustrahlen. Dieses, was 
da der Mond tut, das ist im Kosmos gleichzeitig damit verkniipft, 
daB der Mensch atmen gelernt hat. Erst als diese Erscheinung in 
ihrer Art voll am Himmel war, erst da konnte der Mensch atmen, und 
damit war er verkniipft mit der physischen Welt, und es konnte 
der erste Keim des Ichs in der menschlichen Wesenheit entstehen. 

Die spatere agyptische Erkenntnis hat das alles, was hier geschil- 
dert worden ist, empfunden und so erzahlt: Osiris regierte fruher 
die Erde, dann aber trat Typhon auf, der Wind. - Das ist die Zeit, 
in der die Wasser soweit herabfallen, daB die Luft auftritt, wodurch 
der Mensch zum Luftatmer wird. Das OsirisbewuBtsein hat Typhon 
besiegt, er hat Osiris getotet, ihn in einen Kasten gelegt und dem 
Meere iibergeben. Wie konnte man denn das kosmische Ereignis 
bedeutungsvoller ausdrucken im Bilde? Erst regiert der Sonnengott 
Osiris, dann wird er hinausgetrieben im Monde. Der Mond ist der 
Kasten, der in das Meer des Weltenraumes hinausgedrangt wird; 
nunmehr ist Osiris im Weltenraum. Wir erinnern uns nun aber auch 
daran, daB in der Sage gesagt wird, daB, als Osiris wiedergefunden 



wurde, als er auftauchte im Weltenraum, er in vierzehn Gestalten 
erscblen. Die Sage erzahlt: Osiris wurde in vierzehn Glieder zer- 
stiickelt und in vierzehn Grabern begraben. Hier haben wir einen 
wunderbaren Hinweis in dieser tiefgnindigen Sage auf den kosmischen 
Vorgang. Die vierzehn Gestalten des Mondes, die Mondphasen, sind 
die vierzehn Stiicke des zerstiickelten Osiris. Der ganze Osiris ist 
die ganze Mondscheibe. 

Das erscheint ja nun zunachst so, als wenn das alles nur ein Sym- 
bolum ware. Wir sehen aber schon, daB das seine wirkliche Bedeutung 
gehabt hat. Und jetzt kommen wir auf etwas, ohne das uns niemals 
die Geheimnisse des Kosmos klarwerden. Wenn nicht eingetreten 
ware eine solche Konstellation von Sonne, Mond und Erde, wenn 
der Mond nicht in vierzehn Gestalten erschienen ware, dann ware 
etwas anderes nicht eingetreten, denn diese vierzehn Gestalten haben 
etwas ganz Besonderes bewirkt. Jede derselben hat einen groBen, 
gewaltigen EinfluB auf den Menschen in seiner Entwickelung auf 
der Erde gehabt. Nun werde ich Ihnen etwas Sonderbares sagen 
miissen, es ist aber wahr. Damals, als das alles noch nicht geschehen 
war, als Osiris noch nicht hinausgegangen war, da hatte der Mensch 
in seiner Lichtgestalt nicht einmal der Anlage nach etwas, was heute 
von groBter Wichtigkeit ist. Wir wissen, daB das Riickenmark sehr 
wichtig ist. Von ihm gehen Nerven aus. Diese waren nicht einmal 
der Anlage nach vorhanden in der Zeit, als der Mond noch nicht 
heraus war. Die vierzehn Gestalten des Mondes, in der Anordnung, 
wie sie aufeinander folgen, wurden die Veranlassung, daB sich vier- 
zehn Nervenstrange an das Riickenmark des Menschen angliederten. 
Die kosmischen Krafte wirkten so, daB den vierzehn Phasen oder 
Gestalten des Mondes diese vierzehn Nervenstrange entsprechen. Das 
ist die Folge der Osiriswirkung. 

Nun entspricht der Mondesentwickelung noch etwas anderes. Diese 
vierzehn Phasen sind ja nur die Halfte der Erscheinungen des Mondes. 
Der Mond hat vierzehn Phasen vom Neumond bis zum Vollmond und 
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond. Wahrend der 
vierzehn Tage, die zum Neumond gehen, ist keine Osiriswirkung da. 
Da wird der Mond von der Sonne so beschienen, daB er allmahlich 



seine unbeleuchtete Flache der Erde als Neumond 2uwendet. Diese 
vierzehn Phasen vom Vollmond bis zum Neumond haben auch ihre 
Wirkung, und diese Wirkung wird fiir das agyptische BewuBtsein 
erreicht durch die Isis. Diese vierzehn Phasen werden von der Isis 
regiert. Durch die Isiswirkung gehen vierzehn andere Nervenstrange 
vom Riiickenmark aus. Das gibt im ganzen achtundzwanzig Nerven- 
strange, die den verschiedenen Phasen des Mondes entsprechen. Da 
sehen wir den Ursprung ganz bestimmter Glieder des Menschenorga- 
nismus, aus den kosmischen Ereignissen heraus. Mancher wird nun 
sagen: Das sind ja nicht alle Nervenstrange, das sind ja nur achtund- 
zwanzig. - Es waren nur achtundzwanzig, wenn das Mondenjahr mit 
dem Sonnenjahr zusammenfiele. Das Sonnenjahr ist aber langer, und 
dieDifferenz des Sonnenjahrs gegeniiber demMondenjahrhatdie iiber- 
zahligen Nervenstrange bewirkt. So ist dem Menschen eingegliedert 
worden in seinen Organismus von dem Monde aus die Isiswirkung 
und die Osiriswirkung. Damit ist aber noch etwas anderes verkniipft. 

Bis zu dem Moment, als der Mond von auBen zu wirken begann, 
gab es noch keine Zweigeschlechtlichkeit. Es gab bis dahin nur einen 
Menschen, der sozusagen beides war, mannlich und weiblich. Jene 
Trennung geschah erst durch die abwechselnde Wirkung von Isis 
und Osiris vom Monde her, und je nachdem die Osirisnerven oder 
die Isisnerven eine besondere Wirkung auf den Organismus ausiiben, 
je nachdem wird der Mensch mannlich oder weiblich. Eiri Organismus, 
in dem vorzugsweise die Isiswirkung herrscht, wird mannlich, ein 
Leib, in dem die Osiriswirkung vorherrscht, wird weiblich. Naturlich 
wirken in jedem Mann und in jedem Weib beide Krafte, Isis und 
Osiris, aber so, daB beim Manne der Atherleib weiblich ist, und bei 
der Frau der Atherleib mannlich ist. Hier haben wir etwas von dem 
wunderbaren Zusammenhang, wie das Einzelwesen mit den Stel- 
lungen im Kosmos zusammenhangt. 

Wir haben nun gefunden, daB nicht nur durch die Krafte, sondem 
auch durch die Konstellationen der Weltenkorper Einwirkungen auf 
den Menschen stattfinden. Unter den Einfliissen dieser achtund- 
zwanzig Nervenstrange, die vom Riickenmark ausgehen, bildete sich 
alles, was zum mannlichen und weiblichen Organismus gehort. Nun 



soli noch etwas angefiihrt werden, womit wir weit hineinleuchten 
werden in den Kosmos und die Zusammenhange mit der Entwik- 
kelung des Menschen. Diese Krafte formen die Gestalt des Menschen, 
aber der Mensch verhartet nicht in ihr; es wird eine Gleichgewichts- 
lage geschafFen zwischen Sonnen- und Mondenwirkung. Bei folgen- 
dem durfen wir nicht denken, daB wir es zu tun haben mit irgend- 
einer Symbolik blofi, wir haben es mit realen Tatsachen zu tun. 

Was ist der urspriingliche Osiris, der unzerstiickelte Osiris? Was 
ist der zerteilte Osiris? Was vorher noch eine Einheit war im Men- 
schen, das ist jetzt zerstiickelt in die achtundzwanzig Nerven. Wir 
haben gesehen, wie er in uns selbst zerstiickelt Uegt. Ohne das hatte 
niemals bewirkt werden konnen, daB die menschliche Gestalt ent- 
standen ist. Was hat sich aber zunachst unter dem EinfluB von Sonne 
und Mond gebildet? Zunachst entstand durch das Zusammenwirken 
aller der Nervenstrange nicht nur aufierlich Mannliches und Weib- 
liches, sondern auch im Inneren des Menschen entstand etwas durch 
den EinfluB des mannlichen und weiblichen Prinzips. Es entstand die 
innerliche Isiswirkung, und diese innerUche Isiswirkung, das ist die 
Lunge. Die Lunge ist der Regulator der Einfliisse des Typhon oder 
Set. Und das, was auf den Menschen von Osiris aus wirkt, das wirkt, 
indem es die weibliche Wirkung anregt, in mannlicher Art so, daB 
produktiv gemacht wird die Lunge durch den Atem. Durch die Wir- 
kungen, die ausgehen von Sonne und Mond, wird geregelt das mann- 
liche und weibliche Prinzip: in jedem Weiblichen ein Mannliches - 
der Kehlkopf; in jedem Mannlichen ein Weibliches - die Lunge. 

Innerlich wirkt Isis und Osiris in jedem Menschen, in bezug auf 
seine hohere Natur. So ist jeder Mensch doppelgeschlechtlich, denn 
jeder Mensch hat Lunge und Kehlkopf. Jeder Mensch, ob Weib 
oder Mann, hat gleich viele Nerven. Und nunmehr, nachdem sich 
auf diese Weise Isis und Osiris der niederen Natur entrissen haben, 
da haben sie den Sohn geboren, den Schopfer des zukunftigen Erden- 
menschen. Beide haben hervorgebracht den Horus. Isis und Osiris 
haben gezeugt das Kind, gehutet und gepflegt von der Isis: das 
menschliche Herz, gehutet und gepflegt von den Lungenflugeln der 
Mutter Isis. Hier haben wir in der agyptdschen Vorstellung etwas, 



was uns zeigt, daB in diesen alten Mysterienschulen das, was hohere 
Natur des Menschen geworden war, als Mannlich-Weibliches ange- 
sehen wurde : das, was der Inder als Brahma erkannte. Dem indischen 
Schiiler, dem wurde schon im Urmenschen gezeigt, was spater einmal 
als jene hohere Gestalt erscheint. Horus, das Kind wurde ihm ge- 
zeigt, und es wurde ihm gesagt: das alles ist entstanden durch den 
Urlaut, durch die Vac, den Urlaut, der sich differenziert in viele 
Laute. - Und das, was der indische Schiiler erlebte, das ist uns er- 
halten geblieben in einem merkwiirdigen Spruch im Rigveda. Eine 
Stelle steht darinnen, die heiBt: Und es kommen iiber den Menschen 
die sieben von unten, die acht von oben, die neun von hinten, 
die zehn aus den Griinden des Felsengewolbes und die zehn aus dem 
Inneren, wahrend die Mutter sorgt fur das zu trankende Kind. - Das 
ist eine merkwiirdige Stelle. Stellen wir uns einmal diese Isis, die ich 
als Lunge schilderte, diesen Osiris, den ich geschildert habe als At- 
mungsapparat, vor, und denken wir das alles: wie da die Stimme 
hineinwirkt, sich differenziert als Kehllaute, Lungenlaute, wie sie in 
Buchstaben sich differenziert. Diese Buchstaben kommen von ver- 
schiedenen Seiten: sieben kommen von unten aus der Kehle und so 
weiter. Das eigentumliche Wirken von allem, was mit unserem Luft- 
apparat zusammenhangt, ist darin niedergelegt. Wo der Laut sich dif- 
ferenziert und gliedert, da ist die hohere Mutter, die das Kind hegt und 
pflegt - die Mutter: die Lunge; das Kind: das unter alien den Ein- 
fliissen gebildete menschliche Herz, aus dem die Impulse kommen, 
die Stimme zu beseelen. 

So zeigte sich fur den Einzuweihenden das geheimnisvolle Wirken 
und Weben im Inneren des Kosmos, so baute es sich auf im Laufe 
der Zeit. Und wir werden sehen, wie in dieses Gewebe sich die an- 
deren Glieder des Menschen hineingebaut haben. So haben wir in die- 
ser agyptischen Geheimlehre auch ein Kapitel der okkulten Anatomie, 
wie sie getrieben wurde in einer agyptischen Geheimschule, sofern 
man von kosmischen Kraften, von kosmischen Wesen und dem Zu- 
sammenhang mit dem physischen Leibe des Menschen gewuBt hat. 



SIEBENTER VORTRAG 



Leipzig, 9. September 1908 



Wir haben in den vorhergehenden Vortragen eine groBe Reihe von 
Tatsachen vor unsere Seele gestellt, die sich auf die Evolution der 
Erde und des ganzen Sonnensystems im Zusammenhange mit der 
Natur des Menschen beziehen. Wir haben insbesondere in den letzten 
beiden Betrachtungen darauf Rucksicht genommen, jene Tatsachen 
der Sonnen-, Erden- und Mondenentwickelung besonders hervorzu- 
heben, welche ihre Wiederauferstehung gefunden haben in den agyp- 
tischen Mysterien, welche sowohl der Schiiler der agyptischen My- 
sterien wie auch das ganze agyptische Volk kennenlernten. Der Schiiler 
lernte in seinem hellseherischen Schauen in der Tat alle die Dinge 
kennen, die wir angefuhrt haben und die wir durch unsere heutige 
Betrachtung erganzen werden. Der grofiere Teil des Volkes, der sich 
nicht bis zum Hellsehen erheben konnte, der lernte in einem bedeu- 
tungsvollen Bilde das kennen, um was es sich da handelte. Dieses 
Bild, das hingestellt wurde als das wichtigste Bild der agyptischen 
Weltanschauung, haben wir schon ofter beriihrt. Es 1st das Bild, das 
die Osiris- und Isissage einschlieBt. Wir kennen alle dieses Bild, von 
dem eigentlich kein Mensch, der etwas weiB, glaubt, daB es etwas Un- 
bedeutendes enthalte. Dieses Bild, das vor ihn hingestellt wurde, war 
ihm nicht nur ein Bild; und das, was die Isissage in sich einschlieBt, 
wird etwa so erzahlt: 

Es herrschte in friiherer Zeit lange noch auf Erden, zum Segen 
der Menschheit, Osiris, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher 
spater charakterisiert ist in dem, daB die Sonne stand im Zeichen 
des Skorpion. Da war es, daB der Bruder Typhon oder Set den 
Osiris totete. Er totete ihn in der Weise, daB er ihn veranlaBte, sich 
in einen Kasten zu legen, welchen er schloB und dem Meere liber- 
gab. Isis, die Schwester und Gemahlin des Osiris, suchte ihren Bru- 
der und Gemahl, und als sie ihn gefunden hatte, brachte sie ihn nach 
Agypten. Aber da strebte der bose Typhon wieder nach der Ver- 
nichtung des Osiris, er zerstiickelte ihn. Isis sammelte nun die ein- 



zelnen Teile und begrub sie an verschiedenen Orten. - Man zeigt 
audi heute noch in Agypten verschiedene Osirisgraber. - Dann ge- 
bar Isis den Horus, und Horus rachte seinen Vater Osiris an Ty- 
phon. Osiris wurde wiederum in die Welt der gottlich-geistigen We- 
sen aufgenommen, und ist zwar nicht mehr auf der Erde tatig, aber 
er ist dort fur den Menschen tatig, wenn dieser zwischen Tod und 
einer neuen Geburt in der geistigen Welt weilt. Daher stellte man 
sich auch den Weg des Toten in Agypten vor als den Weg zum 
Osiris. 

Das ist die Sage, die zu den alleraltesten Bestandteilen der agyp- 
tischen Lebensauffassung gehort. Wahrend manches darin sich anderte 
oder zugefugt wurde, hat diese Osirissage alle Kulte des Agypter- 
landes so lange durchzogen, solange uberhaupt die agyptischen Reli- 
gionsanschauungen gelebt haben. 

Nachdem wir uns diese Sage vor Augen gefuhrt haben, in welche 
gedrangt worden ist dasjenige, was als ein wirkliches Geschehnis in 
den heiligen Geheimnissen der Mysterienschulen der Schuler schaute, 
miissen wir wieder den Blick dahin zuriickwenden, wo wir gestern 
schon begonnen haben, uns eine genauere Vorstellung zu machen von 
dem, was durch den EinfluB der verschiedenen Mondesgestalten im 
Menschen verursacht worden ist. Es ist von den achtundzwanzig 
Nervenstrangen gesprochen worden, die wir vom Riickenmark aus- 
gehen sehen, die herruhren von den Konstellationen des Mondes 
wahrend der achtundzwanzig Tage, die der Mond braucht, um zu 
seiner gleichen Gestalt zuriickzukehren. Wir haben das Geheimnis 
erforscht, wie durch die kosmischen Krafte im Menschen diese acht- 
undzwanzig Nervenpaare gebildet worden sind von auBen. Und nun 
bitte ich, folgendes recht wohl zu beachten. 

Es soli nun - soweit das moglich ist in einer kurzen Andeutung - 
mit moglichster Genauigkeit geschildert werden, was der agyptische 
Schuler lernte in bezug auf die Entwickelung des Menschen in einem 
noch weiteren Umfange. Von dieser Schilderung werden einige sagen, 
welche zu stark angekrankelt sind von der modernen Anatomie: Das 
ist ja der reine Unsinn vom heutigen Standpunkte aus. - Diese mdgen 
das sagen. Sie sollen sich nur bewuBt sein, daB es die Lehre ist, die 



der einzuweihende agyptische Schiiler nicht nur gelernt, sondern auch 
hellseherisch geschaut hat. Jetzt spflche ich fur diejenigen, die in 
ihren Empfindungen mitgehen konnen. Diese Lehre ist nicht nur 
ein Ergebnis friiheren Schauens fiir den Agypter in den Mysterien 
gewesen, sondern auch fiir den heutigen, modernen Okkultisten gilt 
das als Wahrheit und nimmt sich genau so aus. 

Wir wollen das wiederholen, wovon in den letzten Vortrilgen schon 
gesprochen worden ist, daB, als die Erde im Beginne ihrer Ent- 
wickelung war, sie sozusagen ganz aus lauter Menschenkeimen be- 
stand, die den Erdenurnebel bildeten. Sowohl der indische als auch 
der agyptische Hellseher konnte geistig heraus sprieBen sehen aus 
diesem geistigen Menschenkeim die ganze spatere Menschengestalt. 
Alles das, was spater aus diesem Menschenkeim geworden ist, konnte 
man dazumal hellseherisch schauen. Aber man konnte auch zuruck- 
schauen auf das, was zunachst vom Menschen, aus dem Menschen- 
keim heraus entstanden ist. Das erste, was aus diesem Menschen- 
keim heraus entstand, als die Sonne noch lange mit der Erde ver- 
bunden war, das war in der Tat wie eine Art Pflanze, die den Kelch 
wie nach oben offhete. Diese Formen erfiillten sozusagen die ganze 
Erde, indem sie sich aus jenem Urnebel heraus bildeten. Aber in der 
allerersten Zeit, in der das entstand, wie eine BKitenkrone sich in 
den Weltenraum eroffnend, in der allerersten Zeit war diese Krone 
kaum sichtbar; man hatte sie nur so wahrnehmen konnen, da6 man 
ihre Nahe gespiirt haben wiirde wie einen kelchartigen Warmekorper. 
Es war also zunachst ein Warmekorper da. Noch als die Erde mit 
der Sonne verbunden war, fing das Innere dieses Menschengebildes 
an aufzuleuchten, und es strahlte Lichtstrahlen in den Weltenraum. 

Wenn man dazumal als ein mit heutigen Augen sehendes Wesen 
wahrgenommen hatte, und sich einer solchen Leuchtform genahert 
hatte, so wiirde man etwas wie eine funkelnde, leuchtende Kugel, 
wie eine glitzernde Sonne, welche in glimmernden Strahlen in den 
Weltenraum funkelte, in regelmaBiger Gestalt gesehen haben. Kaum 
wird jemand heute noch ein klares Bild sich machen konnen von dem, 
was dazumal war. Er wiirde das nur konnen, wenn er dachte, daB 
unsere Erde bei ganz reiner Luft von lauter Leuchtkaferchen er- 



fiillt ware und diese ihr Licht hinaussendeten in den Weltenraum. 
So etwa wiirde der erste Ansalfe vom Menschen in den Weltenraum 
geleuchtet haben, als die Erde noch mit der Sonne verbunden war. 
Und nicht nur das war vorhanden, sondern in derselben Zeit unge- 
fahr gliederte sich auBen urn dieses Kelchgebilde eine Art Gaskorper. 
Es waren darin viele Substanzen aufgelost, so wie heute auch im Tier- 
und Menschenleibe sich fliissige und feste Substanzen finden, die 
damals aber luftformig waren. Bald aber, nachdem dies entstanden 
war, kamen aus der gemeinschaftlichen Erdenmasse auch noch andere 
Keime heraus, Keime, welche die erste Anlage wurden zu unserem 
heutigen Tierreiche. Das Menschenreich war also das erste, dann ka- 
men die Keime, die die Anlage zum Tierreich wurden. Naturlich be- 
stand noch die ganze Erde aus einer Luftmasse, aus leuchtenden und 
Licht aussendenden Korpern, die in den Weltenraum hineinleuchteten. 
Innerhalb dieser Luftmasse kam auch die erste Anlage geschlechts- 
loser Tiere heraus, welche auf der untersten Stufe des heutigen Tier- 
reiches dazumal standen, und wir werden sehen, daB diese Tiere, die 
jetzt in ihrer ersten Anlage entstehen, auch eine gewisse Bedeutung 
fur den Menschen erhalten haben. 

Es entstanden also die ersten Keimanlagen der Tiere, und es ist uns 
vor allem wichtig, daB diese Tiere, die da entstanden, die aller- 
dichtesten Gasmassen waren, wie dichte Gaseinschlxisse waren. Diese 
Tiere entwickelten sich bis zu einer ge wis sen Hohe herauf durch die 
verschiedensten Formen; und als die Sonne eben herausgegangen war 
aus der Erde, da war die hochste Tierform die Fischform, aber nicht 
die heutige Fischform. Die Form der damaligen Tiere war eine ganz 
andere als die der heutigen Fische, aber sie stand auf der betreffenden 
Stufe der Fische. Diese haben in der Erdenentwickelung das zuriick- 
zubehalten in sich, was man werden konnte, als die Sonne noch in der 
Erde war. Die Erde verdichtete sich nun zu der Wassererde, und die 
dichtesten Gebilde, die Tiere, schwammen in dieser Wassererde. Nun 
trat etwas sehr Eigentumliches ein. Einige dieser Urfischformen blie- 
ben Tiere und kummerten sich sozusagen nicht um den Fortschritt 
der Evolution. Einige andere waren da, die erhielten ein gewisses Ver- 
haltnis zu den Menschengestalten, und zwar folgendes Verhaltnis. 



In demselben Augenblicke, als die Sonne herausgegangen war aus 
der Erde, da fing auch die Erde an, sich um ihre Achse zu drehen, 
so daB sie einmal auf der einen Seite von der Sonne beschienen war, 
einmal auf dieser Seite unbeschienen war, so daB Tag und Nacht ent- 
stand. Dazumal aber waren die Tage und Nachte wesentlich langer 
als heute. In der Zeit, als der Mond noch nicht abgespalten war, da 
gliederte sich jedesmal, wenn ein solches Menschengebilde, das damals 
wesentlich verdichtet worden war, auf der Sonnenseite war, an diese 
Gasmasse etwas von einer solchen Tierform unten in der Wassererde 
an. Es verband sich Mensch- und Tierform so, daB wir oben die Men- 
schenform haben und nach unten die Tierform; so also, daB hinaus- 
ragte der Sonne zu der obere Teil, der nach unten immer schwacher 
wurde und an den sich der Tierleib angliederte. Wir haben also dieses 
Hinausragen des oberen Teiles iiber die Wassererde; und dadurch, 
daB die Sonnenwirkung durch den Bliitenmenschen geht, wirkt sie auf 
die inneren Erden- und Mondenkrafte. Weil hier eine Tierform ange- 
gliedert wurde an den Menschenleib, die auf der Hohe der Fischstufe 
stand, sagte man, die Sonne, die den Menschenleib beschien, stehe im 
Zeichen der Fische. Nun Bel ja in der Tat die erste Andeutung dieser 
Bildung zusammen damit, daB die Sonne auch am Himmelsgewolbe 
im Zeichen der Fische stand, aber sie ging noch oft hindurch durch 
dieses Sternbild, bis sich das nachste bildete. Jedoch der Ausgangs- 
punkt zu dieser Bildung war der Zeitpunkt, in dem die Sonne auch 
am Himmel im Tierkreisbilde der Fische stand. Und von da aus, daB 
die Wesen auf der Fischstufe sich damals angliederten an den Men- 
schen, bekam das Sternbild den Namen. 

Nun geht ja, wie wir wissen, die Entwickelung so vor sich, daB 
Mond und Erde einen Korper bilden. Jahve blieb bei der Trennung 
von der Sonne bei der Erde mit den Mondkraften, und zu seinen Die- 
nern gehorte die Gottergestalt, welche die Agypter als Osiris angespro- 
chen haben. 

Bis der Mond aus der Erde herausging, gestaltete sich die Ent- 
wickelung in hochst eigentumlicher Weise. Wir wissen, die Erde war 
eine Wassererde, und die Gestaltung im Wasser erreichte einen immer 
niedrigeren Grad in der Zeit, bevor der Mond herausging. Als der 



Mond herausging, da stand der Mensch in bezug auf seine niedere 
Natur auf der Hohe etwa eines groBen Molches. Das ist das, was die 
Bibel die Schlange nennt, was genannt ist Lindwurm oder Drache. 
Wahrend der Zeit, als der Mond herausging, hatte sich immer mehr 
vom Tierreich in die untere Menschenfbrm hineingebildet. Als der 
Mond herausging, da hatte der Mensch unten eine tierartige, hafiliche 
Gestalt, oben aber waren die letzten Uberreste einer Lichtgestalt, in 
welche die Krafte der Sonne von auBen flossen. Das war den Menschen 
geblieben, dafi die Lichtwesen in sie hineinwirkten. Es bewegte sich 
schwebend, schwimmend in dem Urmeere der Mensch, der diese 
eigentumliche Lichtgestalt herausragen laBt aus der Wassererde. Was 
war diese Lichtgestalt? Sie hatte sich mittlerweile umgebildet zu einem 
umfassenden, machtigen Sinnesorgan. Als der Mond herausging, hatte 
sich die Umwandlung vollendet. Es war so, daB, wenn der Mensch 
im Urmeere schwamm, er mit diesem Organ wahrnehmen konnte, 
wenn irgendein gefahrliches Wesen in der Nahe war. Namentlich 
Warme und Kalte nahm er damit wahr. Dieses Organ ist spater ein- 
geschrumpft; es ist heute die sogenannte Zirbeldriise. In der dama- 
ligen Zeit bewegte sich der Mensch schwebend, schwimmend in der 
Erdenmasse und bediente sich dieses Organs wie einer Art Laterne. 
Wir konnen heute noch bei ganz jungen Kindern eine weiche Stelle 
am Kopfe finden; das ist die Stelle, wo man etwa zu suchen hatte, 
von wo das Organ sich herauserstreckte in den Weltenraum. 

Es waren immer hohere Tierformen, die der Mensch in sich auf- 
nahm. Und in einem bestimmten Zeitpunkt der Menschengestaltung 
nannte man das, was aus den Fischen mittlerweile geworden war, weil 
es im Wasser lebte und weil es den Keim des spateren Menschen in 
sich hatte, den Wassermann. Eine noch weitere Gestaltung, die sich 
herausbildete, war das, was man nennen konnte den Steinbock. Nun 
ist das Eigentumliche, daB in der Tat das, was dem Menschen in sei- 
nen unteren Gliedern entspricht, wirklich dem jeweiligen Sternbild 
den Namen gab. Die FiiBe sind tatsachlich die urspriinglichen Fische ; 
die Unterschenkel der Wassermann, das, was eine lange Zeit den Men- 
schen befahigte, sich eine Richtung zu geben beim Schwimmen; die 
Knie des Menschen finden wir im Zusammenhang mit dem Zeichen 



des Steinbocks. Immer mehr entwickelte sich die Tierheit, und das- 
jenige, was Oberschenkel geworden war, bezeichnet man als Schiitze. 
Es wiirde zu weit fiihren, wenn ich Ihnen den Ausdruck erklaren 
wollte. 

Wir wollen ein Bild davon geben, wie der Mensch aussah, als die 
Tierheit dem Schutzen entsprach. Da war der Mensch ein Tier, das 
sich zum ersten Male bewegen konnte auf den Inseln, die sich aus 
dem Wasser bildeten. Nach oben wurde der Mensch immer feiner, zu- 
oberst blieb tatsachlich die Blutengestalt. Die Gestalt blieb oben er- 
leuchtet von einem Organ, das er wie eine Art Laterne auf dem Kopfe 
trug. Man wiirde sich die damalige Gestalt des Menschen richtig vor- 
stellen, wenn man sie sich oben als atherisch, unten als tierahnlich vor- 
stellte. In alteren Abbildungen des Tierkreises sieht man noch das Zei- 
chen des Schutzen unten als Tierform, oben als Menschenform. Diese 
Zeichen sind etwas, was wiedergibt die Entwickelungshohe, auf der 
der Mensch stand, ebenso wie der Kentaur wiedergibt eine wirkliche 
Entwickelungsstufe des Menschen: nach unten Pferd, nach oben 
Mensch. Das Pferd miissen wir nur nicht wortlich nehmen, sondern 
als Reprasentant der Tierheit. Das war das Kunstprinzip in friiheren 
Zeiten ; da hat man sich das, was man kunstmaJBig bilden wollte, von 
Hellsehern beschreiben lassen oder selbst gesehen. Auch waren Kiinst- 
ler selbst Eingeweihte. Man sagt, Homer war ein blinder Seher, das 
heiGt, daB er ein Hellseher war. Er konnte zuriickschauen in die 
Akasha-Chronik. Der blinde Seher Homer war viel sehender, im gei- 
stigen Sinne, als die iibrigen Griechen. 

Der Kentaur ist also eine wirkliche Menschenform. Als der Mensch 
so aussah, war der Mond noch nicht aus der Erde heraus, da war die 
Mondenkraft selbst noch in der Erde. Da war im Menschen noch vor- 
handen, was fruher sich gebildet hatte wahrend der Sonnenzeit: die 
leuchtende Zirbeldriise, die er damals wie eine Art Laterne auf dem 
Kopfe trug. Als dann der Mond aus der Erde herausging, da trat die 
Geschlechtlichkeit ein. Der Kentaurmensch war noch ungeschlecht- 
lich. Die Geschlechtlichkeit, die eintrat, die trat ein, als die Sonne 
stand im Zeichen des Skorpions, und man bringt daher die Sexualitat 
im Menschen in Beziehung zu dem Zeichen des Skorpions. Der Skor- 



pion ist das, was bei der Tierheit der Entwickelungshohe entsprach, 
als der Mensch bis zur Sexualitat entwickelt war. Der Mensch war in 
seiner oberen Halfte den kosmischen Kraften zugewendet, in der unte- 
ren Halfte aber war er als zweigeschlechtliches Wesen vorhanden. Der 
Mensch war Geschlechtsmensch geworden. Wenn nun der hellsehende 
Schuler der agyptischen Mysterien sein Auge auf diese Zeit der Erden- 
entwickelung richtete, dann sah er die Erde bevolkert von Menschen, 
die nach unten eine dichter werdende Leibesform herausbildeten, ihrer 
niedrigen Natur entsprechend, und die nach oben aber eine lichte Men- 
schengestalt hatten. 

Dann begann die Zeit, in der sich eingliederten durch die Krafte 
des Mondes langs derjenigen Gegend, die das Riickgrat ausmacht, die 
Nervenstrange. Die Bildung iiber dem Ruckgrat, die heutige Kopf- 
gegend, war auch verdichtet worden und hatte sich umgebildet zum 
menschlichen Gehirn: das war das ganz umgebildete Leuchtorgan. 
Daran gliederte sich das Ruckgrat, von dem die Nervenstrange aus- 
gingen, und an dieses gliederte sich der niedere Mensch, wie er be- 
schrieben worden ist. Das zeigte sich dem agyptischen Schuler, und es 
wurde ihm klar, daB, welche Wesenheit auch immer sich verkorpern 
wollte auf der Erde, sie die entsprechende Menschengestalt annehmen 
mufite. Osiris hat als Geist oft die Erde besucht und sich als Mensch 
verkorpert. Die Menschen empfanden dann: Ein Gott ist herabgekom- 
men - aber er hatte dann Menschengestalt. Jede hohe Wesenheit, die 
die Erde besuchte, war in der Gestalt, die der Mensch jeweilig hatte. 
Damals war die Menschengestalt so beschaffen, daB man noch jenen 
Leuchtkorper sah, jenen merkwurdigen Kopfschmuck, die Laterne 
des Osiris, die bildlich als das merkwiirdige Polyphemauge bezeich- 
net worden ist. Das ist jenes Organ, jene Laterne, die erst auBerhalb 
des Menschenleibes war, die dann zu einem inneren Organ im Gehirn 
sich umbildete. Alles in der ursprunglichen Kunst ist Symbol fur tat- 
sachliche Gestalten. 

Als die griechischen Eingeweihten bekannt wurden mit diesen Ge- 
heimnissen der Agypter, hatten sie auch schon manches erfahren : im 
Grunde dasselbe wie der agyptische Eingeweihte. Sie benannten es 
nur in ihrer Sprache anders. Die Eingeweihten der Agypter hatten die 



hellseherischen Gaben in einem hohen MaBe ausgebildet, so daB viele 
ihrer Schuler in jene uralten fernen Zeiten hellseherisch zuriickblicken 
konnten. Der agyptische Eingeweihte hatte einen urspriinglichen Zu- 
sammenhang mit jenen Geheimnissen; daher kam es auch, daB dem 
agyptischen Eingeweihten griechische Priester wie kindliche Stamm- 
ler vorkamen. Bezeichnend ist daher das Wort, das einst ein agyp- 
tischer Priester, der mit Solon zusammentraf, aussprach, indem er 
sagte : O Solon, Solon, ihr Hellenen bleibt doch immer Kinder, einen 
alten Hellenen gibt es nicht! Jung seid ihr alle im Geiste, denn ihr 
habet in demselben keine auf vieljahrige Oberlieferung gegriindete alte 
Ansicht, noch irgendeine durch die Zeit ergraute Kunde. 

So wies der Agypter darauf hin, daB die agyptische Weisheit hoch 
erhaben dariiberstand iiber dem, was materiell erfahren werden kann. 
Nur in den eleusinischen Mysterien war man ebensoweit, aber es hatten 
nur wenige Teil daran. Aber was fur jene Strecken der Erdenent- 
wickelung der agyptische Eingeweihte sah : daB sich der Gott Osiris 
von der Sonne getrennt hatte und auf den Mond gegangen war und 
von dorther das Sonnenlicht zuruckstrahlte - das, was dieser Gott tut, 
das war auch den Griechen heilig. Auch sie wuBten, daB dieser Gott 
Osiris es ist, der die achtundzwanzig Mondesgestalten bildet und da- 
durch die achtundzwanzig Nervenstrange im Menschen veranlagt. 
Durch Osiris wird das Nervensystem gebildet am Riickenmark her- 
unter und dadurch der ganze menschliche Oberkorper geformt. Denn 
das, was als Muskel entsteht, kann seine Form nur erhalten dadurch, 
daB die Nerven die Bildner sind. Alles nun, was da ist an Muskeln, 
Knorpeln, an anderen Organen, wie Herz und Lunge, alle diese erhal- 
ten ihre Form nur durch die Nerven. So ist durch die fruhere Sonnen- 
tatigkeit entstanden, was sich gebildet hat als Gehirn und Riicken- 
mark, und an diesem Riickenmark arbeiten von auBen die achtund- 
zwanzig Gestalten des Osiris und der Isis. Also sind Osiris und Isis 
ihre Bildner, und indem das Gehirn seine Fuhlfaden heruntersendet 
in das Riickenmark, da bearbeitet Osiris das Riickenmark. Das emp- 
fanden auch die Griechen, und die Griechen erkannten, als sie bekannt 
wurden mit den agyptischen Mysterien, daB Osiris derselbe Gott war 
wie der, den sie Apollo nannten. Sie sagten, der agyptische Osiris ist 



Apollo, und wie er an den Nerven tatig war, damit im Inneren des 
Menschen das Seelenleben bewirkt wurde, so tut es unser Apollo. 

Und nun nehmen wir uns skizzenhaft diese Gestaltung heraus. Den- 
ken wir uns das Gehirn schematisch gezeichnet: das setzt sich fort ins 
Riickenmark, da greifen ein die achtundzwanzig Hande des Osiris, da 
spielt der Osiris mit seinen achtundzwanzig Armen in dem, was als 
Riickenmark vom Gehirn sich herunterzieht, wie auf einer Leier. Die 
Griechen gaben davon ein bedeutungsvolles Bild: das ist die Leier des 
Apollo. Man braucht sich das bloB umgekehrt zu denken. Die Leier 
ist das Gehirn, die Nerven sind die Saiten, in welche die Hande des 
Apollo eingriffen. Apollo spielt auf der Weltenleier, auf dem groBen 
Kunstwerke, das der Kosmos gebildet hat, und laBt im Menschen er- 
klingen die Tone, die sein Seelenleben ausmachen. Das war fur die 
eleusinischen Eingeweihten das, was die Agypter in ihren Bildern ge- 
geben haben. 

Aus einem solchen Bilde konnen wir ersehen, daB diese nicht sche- 
matisch gedeutet werden diirfen, sonst wiirde man nur etwas hinein- 
phantasieren. Denn man wird in der Regel erleben, daB die Bilder in 
der Tat viel defer sind als das, was man irgendwie durch den Ver- 
stand hineintraumen kann. Wenn der griechische Hellseher von 
Apollo sprach, dann hatte er das Geheimnis des Osiris-Apollo und 
des Menschheitsinstrumentes vor sich. Und Osiris stand vor dem 
agyptischen Schiiler, wenn er eingeweiht wurde in die Geheimnisse 
des Erdendaseins. So miissen wir uns sagen, daB diese Symbole, daB 
diese Bilder, die uns erhalten sind, welche das charakterisieren, was 
aus den Urgeheimnissen entnommen ist, daB all die Ausdriicke der 
Urgeheimnisse viel mehr bedeuten als etwas, was man mit dem Ver- 
stande deuten kann. Gesehen wurde diese Leier, gesehen wurden die 
Hande des Apollo. Und daB wir jedes Symbolum auf irgendein wirk- 
liches Gesicht, auf eine reale Schauung zuruckfuhren, darauf kommt 
es an, das ist das Wesentliche. Denn es gibt kein Symbol, keine 
Legende, die nicht geschaut worden ware. 

Der agyptische einzuweihende Schiiler konnte erst nach langer, 
langer Zeit zu solchen Geheimnissen dringen. Der Schiiler wurde erst 
durch eine ganz bestimmte Lehre vorbereitet, die eine ahnliche war 



wie unsere elementare Theosophie. Dann wurde er erst zu den eigent- 
lichen Ubungen zugelassen. Da erlebte er Zustande einer Art Ekstase, 
die noch kein eigentliches Hellsehen war, aber die mehr war als ein 
Traum. In ihr sah er das, was er spater im Bilde sehen sollte. Wahr- 
haftig, dieses Hinausgehen des Mondes und mit ihm des Osiris, dieses 
Arbeiten desselben vom Monde aus auf die Erde herunter, das sah 
der Schiiler als gewaltigen lebendigen Traum. Er traumte in der Tat 
die Osiris-Isislegende. Jeder Schiiler traumte diesen Osiris-Isistraum. 
Er mufite ihn traumen. Hatte er ihn nicht getraumt, er hatte nicht zur 
Anschauung der wahren Tatsachen kommen konnen. Durch das Bild, 
durch die Imagination, mufite der Schiiler hindurchgehen. Die Osiris- 
und Isislegende wird innerlich durchlebt. Diese ekstatische Seelenver- 
fassung war eine Art Vorstufe zum wahren Schauen, das Vorspiel 
zum Schauen dessen, was sich in der geistigen Welt abspielt. In der 
Akasha-Chronik konnte der Schiiler das, was heute beschrieben wurde, 
nur lesen, wenn er in einen so hohen Grad eingeweiht war, wie wir 
es heute nur angedeutet haben, und von dem wir morgen weiter reden 
wollen. Dann wollen wir auch von den anderen Bildern des Tierkrei- 
ses und ihrer Bedeutung sprechen. 



ACHTER VORTRAG 
Leipzig, 10. September 1908 



Wir haben nunmehr bedeutungsvolle Entwickelungsvorgange des 
menschlichen Organismus kennengelernt. Wir haben diesen Organis- 
mus verfolgt von seiner Entstehung an bis zu dem Zeitpunkt, in dem 
sich der Mond von der Erde entfernt hat. Wenn man « Zeitpunkt » 
sagt, so ist das natiirlich in ungenauem Sinne gesprochen, denn diese 
Vorgange nehmen recht lange Zeitraume in Anspruch. Von dem 
ersten Moment, wo der Mond anfing Miene zu machen, herauszu- 
gehen, bis zum letzten, wo er sich vollstandig herausgelost hatte, ver- 
flossen lange Zeitraume, und mancherlei ging in der Entwickelung 
wahrenddem noch vor sich. Ungefahr aber haben wir den Menschen 
bis zum Herausgehen des Mondes betrachtet. Diese Gestalt des Men- 
schen haben wir verstanden, die Gestalt, die nach unten hin, ungefahr 
von der Mitte des menschlichen Leibes ab, von der Hufthohe etwa, 
schon eine Gestaltung zeigte, die der heutigen nicht ganz unahnlich 
ist. Man wiirde mit heutigen Augen immerhin schon, wenn auch als 
weiche Teile, diesen Leib haben sehen konnen, wahrend die oberen 
Teile nur fur ein hellseherisches BewuBtsein zu schauen gewesen 
waren. Wir haben schon darauf hingewiesen, wie Sage, Religion und 
Kunst in dem Kentaur etwas von der damaligen Menschennatur er- 
halten haben. Und in den einzelnen Teilen des Leibes haben wir Glie- 
der des Menschen kennengelernt, weiche sich allmahlich entwickelt 
haben zu den FiiBen, Unterschenkeln, Knien, Oberschenkeln, die uns 
damals reprasentieren die Tierformen unserer Erde, solche Tierfor- 
men, die aber auf einer bestimmten Entwickelungsstufe stehengeblie- 
ben sind, iiber weiche der Mensch aber hinausgeschritten ist. Nun wol- 
len wir uns dariiber einmal ganz genau verstandigen. 

In den uralten Zeiten, als die Sonne erst herausging, da waren noch 
keine Tierformen entstanden. Als die Sonne herausgegangen war, war 
die hochste Form der damaligen Tiere eine Art von Tieren, weiche 
auf der Stufe der heutigen Fische standen. Wenn nun gesagt wird, daB 
die menschlichen FiiBe dieser Fischform entsprechend waren, und 



wenn wir die FiiBe mit den Fischen im Zusammenhange gesehen 
haben, was bedeutet das eigentlich? Das bedeutet, daB damals solche 
Gestalten zuruckgeblieben sind, die wie die Fische herumgeschwom- 
men sind in der Wassererde, da6 in der Zeit vom Menschen physisch 
wahrnehmbar nut die FiiBe ausgebildet waren. Das andere war in fei- 
ner atherischer Form nur vorhanden. Das, was geschildert worden 
ist als die Kelchform oder Bliitenform, das Leuchtorgan, war ganz 
atherisch, eine durchleuchtete Luftform, und nur der unterste Teil des 
Menschen war so, daB er wirklich die Wassererde durchsetzte wie die 
Fische, die zuruckgeblieben sind. Danach gab es hohere Tiere, die fest- 
gehalten werden dadurch, daB man im Bilde spricht vom Wassermann, 
dem Menschen, der den Korper bis zum Unterschenkel herauf sicht- 
bar erhielt. Es hat sich der Mensch also so gebildet, daB er auf jeder 
Stufe seines Daseins gewisse Tierformen zuriicklieB, iiber die er nach 
und nach hinausschritt. 

Und als der Mond sich zu entfernen anfing, war der Mensch so weit, 
daB er zwar die untere Halfte, die niedere Natur schon physisch aus- 
gebildet hatte, die obere Natur aber in sich ganz bildungsfahig war. 
Dann haben wir gesehen, wie vom Monde aus eingreift das, was wir 
in der Wirkung des Mondlichts in der Gestalt kennengelernt haben, 
welche die Agypter Osiris genannt haben, was durch die verschiedene 
Gestaltung des Mondes einwirken kann auf den Menschen, und wie 
da eingegliedert wird vom Monde aus das, was das wichtigste Gebilde 
des Oberleibes ist, die Nerven, die die Veranlasser des heutigen Ober- 
leibes sind. Die Nerven, die vom Ruckenmark ausgehen, die bildeten 
den Oberleib aus. Da kommt durch jene Tone, die Osiris-Apollo auf 
der Menschenleier spielt, zunachst des Menschen Mitte, die Hiiften- 
mitte zur Ausbildung. Alles das, was hat stehenbleiben miissen auf 
diesem Punkte, iiber den da der Mensch hinausschritt, das ist stehen- 
geblieben in der Weiterentwickelung bei der Amphibienform. 

Solange der Mond mit der Erde verbunden war, hat er die Ent- 
wickelung des Menschen mehr oder weniger herabgetrieben. Die 
Form der Fische stand mit der Sonne noch in einem Zusammenhang, 
daher kommen die heutigen Empflndungen des gesunden Menschen 
den Fischen gegenviber. Bedenken wir, welche Freude es dem Men- 



schen machen kann, wenn er einen schonen, glanzenden Fischleib, 
wenn er schone, leuchtende Wassertiere sieht, wie ihn diese Formen 
erfreuen konnen, und denken wir daran, wie der Mensch ein Gefiihl 
von Antipathie empfindet, wenn er das sieht, was zwar hoher stent 
als die Fische, was als Amphibium, als Frosch, Krote, Schlange kriecht 
und sich herumwindet. Zwar sind die heutigen Amphibien ganz in 
die Dekadenz gekommene Formen der damaligen Zek, aber solche 
Formen hatte der Mensch einmal in seiner unteren Leiblichkeit. So- 
lange der Mensch nur seine untere Leiblichkeit hatte, bis zur Hufte, 
war er nur eine Art Lindwurm, erst spater bildete er vom Oberleib 
aus, als dieser sich fest herausformte, das menschliche Untere um. 
Wir konnen sagen: die Fischgestalt gibt wieder die Form, auf deren 
Hohe der Mensch stand durch jene Krafte, die er noch bekam, als 
die Sonne noch mit der Erde vereint war; bis dahin, als die Sonne 
herausging, stand der Mensch auf der Hohe der Fische. 

Nun gingen die groBen Wesen, die Fiihrer der Evolution, indem 
sie ihre Sonne gestalteten, hinaus, um sich erst in einer viel spateren 
Zeit wieder mit der Erde zu vereinigen. Und einer der Geister, der 
mit ihr hinausging, der hochste der lenkenden Sonnengeister, ist Chri- 
stus. Da stehen wir vor einem Ereignis, demgegenuber wir ein tiefes 
Gefiihl von Ehrfurcht empfinden, wenn wir erfahren, daB bis dahin 
der Mensch vereint war mit der Wesenheit, die da einst als edelster 
Geist mit der Sonne aus der Erde fortging. Man hat empfunden, daB 
man durch die Fischgestalt einmal charakterisieren konnte die Zeit 
des: Herausgehens der Sonne aus der Erde und dann die Gestaltung 
durch den Christus selbst. Friiher war der Mensch in der Erde mit der 
Sonne verbunden, und als sie fortging, sah er die Gestalt, die er den 
Sonnengeistern verdankte, bewahrt in der Fischgestalt. Als er weiter- 
schritt, waren die Sonnengeister nicht mehr bei ihm. Der Christus ist 
herausgegangen aus der Erde damals, als der Mensch Fischgestalt 
hatte. Diese Gestalt ist nun festgehalten von den Eingeweihten der 
ersten christlichen Entwickelung. In den romischen Katakomben war 
dieses Fischsymbolum als das Symbolum des Christus vorhanden, und 
es sollte erinnern an das groBe kosmische Ereignis der Entwickelung 
in der Zeit, als noch mit ihnen vereinigt war in der Erde der Christus. 



Bis zur Fischform war der Mensch vorgeschritten, als die Sonne sich 
trennte : die ersten Christen empfanden den Hinweis auf die Menschen- 
Christus-Gestalt im Fischsymbol als etwas ungeheuer Tiefes. Wie weit 
ist solch ein bedeutendes Zeichen, das wir erblicken als ein Symbo- 
lum einer kosmischen Entwickelungsepoche, wie weit ist es entfernt 
von jenen auBerlichen Auslegungen, die oft gegeben werden. Es waren 
die wahren Symbole solche, die sich auf geistige, hohere Realitaten 
beziehen. Den ersten Christen «bedeuteten» sie nicht nur etwas. Ein 
solches Symbol ist ein Bild von diesem oder jenem, was man wirklich 
schauen kann in der geistigen Welt, und kein Symbolum ist richtig 
gedeutet, bevor man nicht hinweisen kann auf das, was dafiir in der 
geistigen Welt zu erschauen ist. Alle Spekulation hat hochstens einen 
vorbereitenden Zweck; der Ausdruck «es bedeutet» ist noch nicht 
zutreffend, sondern das Symbolum erkennt man erst wirklich, wenn 
man zeigt, daB darin ein geistiger Tatbestand abgezeichnet ist. 

Nun wollen wir in der Menschheitsentwickelung weitergehen. Die 
verschiedensten Formen hat der Mensch angenommen, und als er bis zur 
Hufthohe sich entwickelt hatte, da war er am haBlichsten in seiner phy- 
sischen Form. Diese Form, die der Mensch damals hatte, ist dekadent 
erhalten in der Schlange. Die Zeit, in welcher der Mensch es bis zur 
Amphibiumform gebracht hatte, als der Mond noch in der Erde war, 
das ist die Zeit der Schande, des Verderbens in der Entwickelung der 
Menschheit.Ware der Mond damals nicht hinausgegangen aus der Erde, 
dann ware das Menschengeschlecht einem grauenhaften Schicksale ver- 
fallen, dann ware es immer mehr in die Form des Greulichen, Bosen ge- 
fallen. Daher ist die Seelenempfindung, die das naive, unverdorbene 
Gemiit hat gegeniiber der Schlange, die jene Gestalt festhalt, wo der 
Mensch am tiefsten stand, diese Empfindung der Antipathie etwas, was 
seine voile Berechtigung hat. Gerade das unverdorbene Gemiit, das 
nicht sagt, es sei in dem Natiirlichen nichts HaBliches, das empfindet 
Abscheu vor der Schlange deshalb, weil sie das Dokument der Men- 
schenschande ist. Das ist nicht im moralischen Sinne gemeint, sondern 
deutet hin auf den tiefsten Punkt der Entwickelung der Menschhek. 

Nunmehr muBte der Mensch iiber diesen Tiefstand hinausgelangen. 
Er konnte das nur, indem er die Tierform verlieB und indem er auch 



seinen geistigen, ober en Teil anting zu verdichten. Wir haben gesehen, 
daB alle edleren Teile sich entwickeln konnten nur durch die Einwir- 
kung der Isis- und Osiriskrafte. Damit die Osiriskrafte in ihm wirkten, 
damit der edlere Teil sich entwickelte, handelte es sich zunachst um 
etwas sehr Wichtiges : darum, daB der obere Teil des Menschen die 
Moglichkeit fand, das Ruckenmark aus der horizontalen Lage in die 
vertikale Lage zu bringen. Das alles geschah durch den EinfluB der 
Isis und des Osiris. Von Stufe zu Stufe wurde der Mensch gefuhrt von 
Sonne und Mond, die sich die Waage hielten. Als der Mensch bis zur 
Halfte physisch geworden war, da hielten sich Sonne und Mond die 
Waage ; daher wird die Huftrnitte als die Waage bezeichnet. Die Sonne 
war damals zugleich im Zeichen der Waage. 

Nun darf man sich nicht vorstellen - das muB ausdrucklich beachtet 
werden -, daB nachdem die Sonne im Zeichen des Skorpion gestan- 
den hatte und darauf im Zeichen der Waage, daB auch gleich darauf 
die Hufte sich entwickelt hatte. Dann wiirde man den Gang der Ent- 
wickelung sich viel zu schnell vorstellen. Die Sonne durchlauft in einer 
Zeit von 25 920 Jahren den ganzen Tierkreis. Die Sonne ging einmal 
im Friihling auf im Widder, vorher im Zeichen des Stieres. Der Friih- 
lingspunkt riickte immer weiter ; die Sonne durchmaB mit ihrem Friih- 
lingspunkt das Sternbild des Stieres und so weiter. Ungefahr 747 vor 
Christi Geburt trat die Sonne wieder in den Widder; in unserer Zeit 
geht sie im Friihling im Sternbild der Fische auf. Nun bedeutet die 
Zeit, in der die Sonne durch ein Sternbild geht, schon etwas, aber 
es wiirde ein solcher Zeitraum nicht ausreichen fur jene Verande- 
rung, die vorgehen muBte, damit der Mensch von der Sexualitat unter 
dem Zeichen des Skorpion bis zur Hohe der Hiiftentwickelung unter 
dem Zeichen der Waage fortschritt. 

Man wiirde eine falsche Vorstellung haben, wenn man dachte, daB 
das durch einen Durchgang der Sonne geschieht. Die Sonne geht ein- 
mal ganz herum durch den Tierkreis, und erst nach diesem ganzen 
Umlauf geschieht der Fortschritt. In fruheren Zeiten muBte sie noch 
ofter umlaufen, bis ein Fortschritt geschah. Deshalb darf man nicht 
jene bekannten Zeitrechnungen der nachatlantischen Epoche fur altere 
Epochen anwenden. Die Sonne muBte erst ganz herumgehen, in alte- 



ren Zeiten sogar mehrmals, bevor die Entwickelung ein Stiick nach 
aufwarts riickte. Fur diejenigen Glieder, die eine starkere Ausbildung 
notig hatten, dauerte eben die Zeit langer. - Immer hoher steigt der 
Mensch nun durch diese Entwickelung. Die nachste Stufe, wo das, 
was man als untere Glieder des menschlichen Rumpfes bezeichnet, ge- 
bildet wurde, bezeichnet man mit dem Zeichen der Jungfrau. 

Wir werden die Entwickelung am besten verstehen, wenn wir uns 
dariiber klar sind, da6, wahrend der Mensch immer menschenahn- 
licher wird, daB da wieder auf gewissen Stufen tierische Wesenheiten 
stehenblieben. So ist schon einmal gesagt worden, daB der Mensch 
auch Lunge und Herz und Kehlkopf durch die Einwirkung der Mon- 
deskrafte entwickelt hat. Ich habe auch gezeigt, inwiefem Osiris und 
Isis daran beteiligt sind. Nun miissen wir uns klar sein, dafi die hdhe- 
ren Organe des Menschen, wie Herz, Lunge, Kehlkopf und so weiter, 
da6 alle diese Glieder sich nur ausbilden konnten dadurch, daB die 
hoheren Glieder des Menschen: Atherleib, Astralleib und auch das 
Ich, als die eigentlichen geistigen Glieder des Menschen schon in be- 
stimmter Weise mitwirkten. Viel mehr als in den vorhergehenden 
Epochen wirkten seit dem Standpunkt, der erreicht war in der Waage, 
diese hoheren Glieder mit. Daher konnten die mannigfaltigsten For- 
men entstehen. Es konnte zum Beispiel der Atherleib besonders stark 
wirken, oder der Astralleib, oder sogar das Ich. Ja, es konnte auch 
vorkommen, daB der physische Leib ein Ubergewicht hatte iiber die 
drei anderen Glieder. Es bildeten sich dadurch vier Menschentypen 
aus. Es bildeten sich eine Anzahl solcher Menschen, die den physi- 
schen Leib besonders ausgebildet hatten. Dann gab es Menschen, die 
vom Atherleib aus ihr Geprage erhalten hatten, auch Menschen, deren 
astrale Natur vorherrschte. Auch Ich-Menschen gab es, ausgepragte 
Ich-Menschen. In jedem Menschen stellte sich also das dar, was in ihm 
vorwiegend war. 

In den alten Zeiten, als diese vier Formen entstanden, da wiirde 
man grotesken Gestalten begegnet sein, und der Hellseher entdeckt 
dann das, was in den verschiedenen Typen vorhanden war. Es gibt 
Darstellungen, die allerdings weniger offentlich sind, in denen die Er- 
innerung daran erhalten geblieben ist. 



Bei den Menschen zum Beispiel, bei denen die physische Natur 
besonders stark wurde und auf die oberen Teile gewirkt hatte, bei 
denen druckte sich das in ihrem oberen Teil als Geprage aus. Es hatte 
dann etwas sich gebildet, was der niederen Bildung ganz angepaBt 
war, und durch das, was da tatig war, kam die Gestalt heraus, die wir 
festgehalten sehen in dem apokalyptischen Bilde des Stieres; nicht 
eines heutigen Stieres, der ist eine dekadente Form. Das was in einer 
gewissen Zeit vorwiegend vom physischen Leibe bestimmt war, ist auf 
der Stufe der Stierheit stehengeblieben. Das hat also im Stier seinen 
Reprasentanten und in all dem, was zu dieser Tiergattung gehort: 
Kiihe, Rinder und so weiter. 

Die Menschengruppe, bei welcher der physische Leib nicht so stark 
ausgepragt war, sondern der Atherleib, bei denen insbesondere alles 
das stark wurde, was man dem Herzen mehr zugeneigte Teile des 
Rumpfes nennen mochte, diese Menschenstufe ist auch in der Tierheit 
erhalten. Diese Stufe, uber die der Mensch hinausschritt, ist im Lowen 
erhalten. Der Lowe erhalt in sich den Typus, der sich herausgebildet 
hat aus der Gruppe der Menschen, bei denen der Atherleib intensiv 
wirksam war. 

Jene Menschenstufe, bei der der Astralleib den Atherleib und den 
physischen Leib uberwaltigt hat, diese Gruppe ist uns - freilich ent- 
artet - in dem beweglichen Vogelgeschlecht erhalten und ist in der 
Apokalypse im Bilde des Adlers dargestellt. Die vorwiegende Astrali- 
tat ist hier abgestoSen; sie erhob sich vom Boden als das Vogelsein. 

Und da, wo das Ich stark wurde, da entwickelte sich ein Wesen, 
das in der Tat genannt werden darf eine Vereinigung der drei ande- 
ren Naturen, weil das Ich alle drei GHeder harmonisierte. Bei dieser 
Gruppe hat der Hellseher in der Tat das vor sich, was in der Sphinx 
festgehalten ist, wo die Sphinx insbesondere den ausgepragten Lowen- 
leib hat, dann die Adlerflugel, aber auch etwas Stierartiges - bei den 
altesten Darstellungen der Sphinx war sogar der Reptilienschwanz 
vorhanden, der auf die alte Reptiliengestalt hinweist -, und nach vorne 
haben wir die Menschengestalt, die die anderen Teile harmonisiert. 

Das sind die vier Typen, in denen in der atlantischen Zeit aber das 
Menschliche iiberwiegt, indem sich erst nach und nach, zu immer gro- 



Berer Einheit, aus der Adlerhaftigkeit, der Lowenhaftigkeit und der 
Rinderhaftigkeit die Menschengestalt bildete, die diese Naturen in sich 
harmonisierte. Sie bildeten sich in eins urn in die voile Menschenge- 
stalt, und diese bildete sich nach und nach zu der Gestalt um, wie sie 
in der Mitte der Atlantis vorhanden war. 

Da geschah nun noch etwas durch alle diese Vorgange. Wir den- 
ken uns, daB sozusagen harmonisch ineinander aufgingen vier ver- 
schiedene Elemente, vier Gestalten im Menschen. Das eine ist da im 
physischen Leib, in der Stiernatur : es sind die iiberwiegenden Krafte, 
die bis zur Evolutionsepoche der Waage sich bildeten; dann haben 
wir im Atherleib die Lowennatur; dann im Astralleib, in den iiber- 
wiegenden Kraften des Astralen, die Adler- oder Geiernatur, und end- 
lich die iiberwiegenden Krafte des Ich, die eigentliche Menschennatur. 
Irgendeins von diesen vier Gliedern hatte bei den einzelnen Wesen 
die Oberhand bekommen. Dadurch entstanden die vier Typen. Aber 
noch andere Kombinationen konnte man antrefFen. So zum Beispiel 
konnte der physische Leib, der Astralleib und das Ich gleichmaBig 
herrschen und die Oberhand iiber den Atherleib haben. Das ist ein be- 
sonderer Typus der Menschheit. Dann gab es Wesen, bei denen die 
Oberhand hatten der Atherleib, der Astralleib und das Ich, wahrend 
der physische Leib weniger ausgebildet war, so daB wir solche Men- 
schen haben, bei denen die Oberhand iiber den physischen Leib die 
hoheren Glieder haben. Diejenigen Menschen, bei denen physischer 
Leib, Astralleib und Ich die Oberhand hatten, das sind die physischen 
Vorfahren der heutigen Manner, und diejenigen Menschen, bei denen 
der Atherleib, der Astralleib und das Ich die Oberhand hatten, das 
sind die physischen Vorfahren der heutigen Frauen. Die anderen 
Typen verschwanden immer mehr und mehr, nur diese beiden blieben 
und bildeten sich aus zu den mannlichen und weiblichen Formen. 

Wodurch war denn das moglich, daB allmahlich sich gerade diese 
beiden Formen herausbildeten? Das geschah wiederum durch die ver- 
schiedene Art der Einwirkung von den Isis- und Osiriskraften. 

Wir haben gesehen, daB sich uns in den Neumondphasen, dann, 
wenn der Mond finster ist, das Isisprinzip charakterisiert, aber daB 
Osiris in den leuchtenden Vollmondphasen charakterisiert ist. Isis und 



Osiris sind geistige Wesen auf dem Monde, aber ihre Taten finden wir 
auf der Erde. Wir finden sie auf der Erde, weil durch diese Taten 
sich die Menschenrasse in zwei Geschlechter teilte. Die weiblichen 
Vorfahren der Menschen wurden gebildet durch die Wirkung des 
Osiris, die Vorfahren der Manner wurden gebildet durch die Wirkun- 
gen der Isis. Die Wirkung von Isis und Osiris auf die Menschheit 
geschieht durch die Nervenstrange, durch deren Einwirkung die 
Menschheit gebildet wird in einen mannlichen und einen weiblichen 
Teil. Das wird in der Sage dadurch dargestellt, daB Isis den Osiris 
sucht; das Mannliche und das Weibliche suchen sich auf der Erde. 
Wir sehen immer wieder, daB in diese Sagen hineingeheimniBt sind 
wunderbare Vorgange der kosmischen Entwickelung. 

Erst als die Waage iiberschritten war, bildeten sich allmahlich in 
den oberen Gliedern des Menschen die DifFerenzierungen heraus, die 
wir mit mannlich und weiblich bezeichnen. Der Mensch ist viel langer 
eingeschlechtlich geblieben als die Tiere. Was bei den iibrigen Tieren 
schon langst geschehen war, das trat hier beim Menschen jetzt erst ein. 
Es gab eine Zeit, in der sozusagen eine einheitliche Menschengestalt 
da war, in der nichts da war von jener Fortpflanzungsart, wie sie sich 
spater ausbildete, in der die Natur des Menschen noch beide Ge- 
schlechter in einer Wesenheit darstellte. «Und Gott schuf den Men- 
schen mannlich- weiblich » steht in der Bibel, nicht «ein Mannlein und 
ein Fraulein». Er schuf beide in einem. Die denkbar schlechteste 
Ubersetzung ist es, wenn gesagt wird: er schuf «ein Mannlein und 
ein Fraulein». Denn das ist ohne Sinn den wirklichen Tatsachen 
gegeniiber. 

So blicken wir in eine Zeit, in der die menschliche Natur noch 
eine Einheit war, wo jeder Mensch jungfraulich gebarend war. Diese 
Stufe der Menschheitsentwickelung stellt uns die agyptische Tradition 
aus dem Schauen der Eingeweihten heraus dar. Ich habe schon dar- 
auf hinweisen konnen, daB die alteren Darstellungen der Isis folgende 
sind : Isis nahrt den Horus, hinter ihr aber steht noch eine zweite Isis 
mit Geierflugeln, eine Isis, die dem Horus das Henkelkreuz reicht, zur 
Hindeutung darauf, daB der Mensch aus einer Zeit stammt, als diese 
Typen noch getrennt waren, so daB spater in den Menschen auch die 



andere astralische Wesenheit eingetaucht ist. Diese zweite Isis deutet 
darauf hin, wie einstmals das astralische Element vorherrschte. Das, 
was spater mit der Menschenform vereinigt ist, wird uns hier dar- 
gestellt hinter der Mutter als die Astralgestalt, die Geierfliigel gehabt 
haben wiirde, wenn sie nur der Astralitat gefolgt ware. Die Zeit aber, 
in der der Atherleib iiberwog, wird dahinter, in einer dritten, lowen- 
kopfigen Isis dargestellt. Diese dreifache Isis wird uns so aus tiefem 
Schauen heraus dargeboten. 

Von diesem Gesichtspunkt aus werden wir aber auch noch etwas 
anderes verstehen : daB namlich eine Ubergangszeit gewesen sein muB 
von der Geschlechtseinheit zu der Geschlechtstrennung, daB in der 
Tat ein gewisser Zwischenzustand hat da sein konnen zwischen jener 
jungfraulichen Fortpflanzung, bei welcher die Befruchtung eintrat in- 
folge von den in der Erde lebenden Kraften, die zugleich die Be- 
fruchtungsstoffe waren, und der anderen Art der zweigeschlechtlichen 
Fortpflanzung. Diese zweigeschlechtliche Fortpflanzung riickte erst 
vollstandig in der Mitte der atlantischen Epoche heran. Friiher war 
eine Zwischenstufe da. In dieser Zwischenstufe, da fand in einer ge- 
wissen Epoche eine Anderung des BewuBtseins statt. Da ging der 
Mensch in viel langeren Zeitraumen als heute durch einen Wechsel 
des BewuBtseins. Das war eine Zeit, in der das BewuBtsein besonders 
stark war, in dem der Mensch sich wahrend der Nacht als geistiges 
Wesen bei seinen geistigen Genossen erlebte. Das TagesbewuBtsein 
war dagegen schwach. Diese BewuBtseinslage wechselte mit einer 
anderen Periode, da das BewuBtsein stark wurde, welches der Mensch 
hat, wenn er im physischen Leibe ist, und wo das seelische Leben, 
wenn der Mensch dann nachts den physischen Plan verlieB, schwacher 
wurde. Nun gab es Zeiten der Menschheitsentwickelung, in denen 
wir eine Ubergangsstufe sehen miissen. Da war das BewuBtsein fur 
die physische Welt noch herabgedampft. Und es war in diesem herab- 
gedampften BewuBtseinszustande, wo die Befruchtung eintrat. In den 
Zeiten des herabgedammerten BewuBtseins, wenn der Mensch heraus- 
stieg aus der physischen Welt in die geistige Welt, da fand die Be- 
fruchtung statt, und der Mensch merkte sie nur durch einen symbo- 
lischen Traumesakt. In einer zarten, edlen Weise empfand er, daB Be- 



fruchtung eingetreten war im Schlafe, und nur ein zarter, wunder- 
samer Traum, wie der Mensch zum Beispiel einen Stein warf und der 
Stein in die Erde fiel und dann aus der Erde eine Blume entstand, 
war im BewuBtsein des Menschen. 

In dieser Zeit muB uns besonders interessieren, daB auch in Betracht 
kamen diejenigen, die schon fruher eine spatere Stufe erreicht hatten. 
Wenn wir sagen, daB gewisse Wesen auf der Stierstufe stehen blieben, 
andere auf der Lowenstufe, andere auf der Adlerstufe und so welter, 
was heiBt denn das ? Das heiBt, wenn die Wesen hatten warten konnen 
und ihre ganze voile Liebe zur physischen Welt erst viel spater hatten 
ausbilden wollen, dann wiirden sie Menschen geworden sein. Wenn 
der Lowe nicht zu friih hatte hineingewollt in die irdische Sphare - er 
ware Mensch geworden, ebenso die anderen bis dahin abgespaltenen 
Tiere. Sagen wir das noch einmal so : Alles das, was Mensch war zu 
der Zeit, als der Lowe sich bildete, sagte sich entweder: Nein, ich will 
die niederen Substanzen noch nicht aufnehmen, ich will nicht hmunter 
in die physische Menschheit - oder: Herunter will ich; ich will, daB 
das wird, was entwickelt ist. 

Wir denken uns also zwei Wesenheiten; die eine bleibt noch oben im 
Luftatherreich und reicht nur in den irdischen Teilen herunter auf die 
Erde, die andere strebt danach, ganz auf die Erde hinunterzusteigen. 
Diese letztere wurde vielleicht Lowe, die erstere wurde Mensch. 

So wie die Tiere stehenblieben, so blieben nun auch Menschen ste- 
hen. Das waren nicht die besten Menschen, die zu friih Mensch wur- 
den; die besseren haben warten konnen. Sie sind lange dabeigeblieben, 
nicht hinunterzusteigen auf die Erde, um da in BewuBtheit den Be- 
fruchtungsakt zu vollziehen; sie blieben in dem Erkennen, wo der 
Befruchtungsakt ein Traum war. Diese Menschen lebten, wie man 
sagt, im Paradiese. Und die Menschen, die am fruhesten auf die Erde 
stiegen, wiirden wir finden mit besonders stark ausgebildeter Korper- 
lichkeit, mit rohem, brutalem Gesichtsausdruck, wahrend wir die 
Menschen, die erst die edleren Teile gestalten wollten, auch in einer 
viel menschlicheren Gestalt finden wiirden. 

Das, was jetzt beschrieben worden ist, das hat sich in einer wun- 
dersamen Sage und einem Ritus erhalten. Bekannt ist der Ritus, der 



erwahnt wird bei Tacitus; die Sage von der Gottin Nerthus oder 
Hertha, die jedes Jahr hinuntertaucht in die Meeresfluten in einem 
Wagen. Diejenigen aber, die sie ziehen, miissen getotet werden. 
Nerthus wurde aufgefaBt, wie man das eben auffaBt, als irgendein 
aus der Phantasie heraus gestaltetes Phantom, als irgendeine Gottin, 
der man einen Kultus auf irgendeiner Insel errichtet haben soli. Die 
Nerthus-Statte hat man zu erkennen geglaubt in dem Hertha-See auf 
Riigen. Dort glaubte man die Stelle, wo der Wagen eingetaucht sei, 
gefunden zu haben. Eine merkwiirdige Phantasie. Der Name Hertha- 
See ist namlich eine ganz neue Erfindung. Er hieB friiher der schwarze 
See wegen seiner Farbung, und keinem Menschen fiel es ein, ihn 
Hertha-See zu nennen und ihn auf die Gottin zu beziehen. In Wahr- 
heit liegt viel Tieferes in dieser Sage. Nerthus ist die Ubergangsstufe 
der jungfraulichen Befruchtung zu der spateren Menschenfortpflan- 
zung. Nerthus, die untertaucht in ein dammerhaftes Bewufitsein, 
nimmt, wenn sie in das Meer der Leidenschaft versenkt wird, das nur 
in einem zarten, symbolischen Akt wahr; sie nimmt nur einen Ab- 
glanz davon wahr. Diejenigen aber, die in der Zeit, als die hohere 
Menschheit noch so empfand, heruntergestiegen waren, die waren 
schon der ursprunglichen Naivitat verlustig gegangen; die sahen 
schon diesen Akt und waren fur das hohere MenschheitsbewuBtsein 
verloren, die waren todeswurdig. 

Die Erinnerung an dieses Ereignis der Urzeit wurde im Ritus be- 
wahrt in zahlreichen Gegenden Europas. Man vollzog zu gewissen 
Zeiten bei Erinnerungsfesten eine Zeremonie. Das war der Wagen 
des Nerthus-Bildes, das untertauchte in das Meer der Leidenschaft. 
Und man hatte sogar den grausamen Gebrauch: diejenigen, die die- 
nen durften, die ziehen muBten, die da sehen konnten, die muBten 
Sklaven sein und wurden bei dem Ritus getotet, zum Zeichen, daB 
das die sterbliche Menschheit war, die diesen Akt sah. Nur die Prie- 
ster, die eingeweiht waren, durften der Zeremonie unbeschadet bei- 
wohnen. So sehen wir an diesem Beispiel, daB in jener Zeit, als man 
das, was hier erzahlt wurde, in gewissen Gegenden kannte, in diesen 
Gegenden der Nerthus-Kult war. In diesen Gegenden war ein BewuBt- 
sein vorhanden, das diese Sage und den Ritus gestaltete. 



So entwickelte sich die Menschheit durch die mannigfaltigsten For- 
men hindurch, und so wird in den Bildern dargestellt dasjenige, was 
reale Tatsachen sind. Es ist schon gesagt worden, daB solche Bilder 
nicht Allegorien sein sollen, sondern daB sie inhaltlich in einem Ver- 
haltnis stehen zu den realen Tatsachen. Solche Bilder erschienen wie 
Traumbilder. So wurde audi die Osirissage zuerst getraumt, bevor 
der Schiiler die Tatsache der Menschheitsevolution wahrhaft schaute. 
Und nur dasjenige, was vorbereitet auf reales Schauen, das istim okkul- 
ten Sinne ein Symbolum. Ein Symbolum ist ein Schildern realer Vor- 
gange in Bildern. Und welches die Wirkung dieser Schilderungen war, 
davon im nachsten Vortrage. 



NEUNTER VORTRAG 



Leipzig, 11. September 1908 

In unseren letzten Betrachtungen haben wir an unserer Seele voriiber- 
ziehen lassen eine Anzahl von Tatsachen der Evolution der Mensch- 
heit im einzelnen. Ich habe zu zeigen versucht, wie der Mensch sich 
entwickelt in jenem Zeitraum der Erdenentwickelung, der sich unge- 
fahr erstreckt von dem Augenblicke an, als die Sonne aus der Erde 
austrat, bis zu der Zeit, als auch der Mond die Erde verlieB. Es wird 
noch einiges zu diesen Tatsachen, die wir Tatsachen der okkulten 
Anatomie und Physiologie nennen konnen, hinzuzufugen sein. Aber 
damit wir alles in der richtigen Weise erfassen, miissen wir heute auf 
einige andere Tatsachen des geistigen Lebens einiges Licht werfen, 
denn wir diirfen nicht vergessen, daB eigentlich gezeigt werden soil, 
welches Verhaltnis besteht zwischen den agyptischen Mythen und 
Mysterien, uberhaupt der ganzen agyptischen Kulturperiode und unse- 
rer eigenen Zeit. Deshalb ist es notwendig, daB wir uns vollig klar 
dariiber werden, wie uberhaupt die Fortentwickelung durch die ver- 
schiedenen Epochen weitergeht. 

Fassen wir noch einmal ins Auge das, was dargestellt worden ist 
als die Wirkung der Sonnen- und Mondengeister, namentlich der 
Osiris- und der Isiskrafte, durch deren Wirkungen der menschliche 
Leib erst entstanden und aufgebaut worden ist. Fassen wir ins Auge, 
daB das in einer urfernen Vergangenheit geschah, daB unsere Erde 
kaum im einzelnen sich herauskristallisiert hatte aus der Wassererde, 
und daB ein groBer Teil des Beschriebenen eigentlich in dieser Was- 
sererde sich abgespielt hat. Damals war ein Zustand des Menschen 
vorhanden, der uns einmal recht deutlich vor die Seele treten sollte, 
damit wir einen klaren BegrirT bekommen von dem, wie es auch fur 
das menschliche Schauen selber aussah beim Fortgang des Menschen 
in der Erdenentwickelung. 

Ich habe dargestellt, wie die unteren Glieder der menschlichen 
Wesenheit, die FiiBe, Unterschenkel, Knie und so weiter sozusagen 
als physische Gestalt schon von dem Zeitpunkt an entstanden sind, 



als die Sonne Miene machte, hinauszuziehen aus der Erde. Wir miis- 
sen uns aber wohl erinnern, daB immer gesagt worden ist, das alles 
ware so zu sehen gewesen, wenn ein menschliches Auge dagewesen 
ware, welches das hatte sehen konnen. Ein solches Auge gab es aber 
nicht. Das ist erst viel spater entstanden. Wahrend der Mensch sich 
noch in der Wassererde befand, nahm er ausschlieBlich wahr mit dem 
Organ, das beschrieben worden ist als die Zirbeldriise. Die Wahrneh- 
mung mit dem physischen Auge kam erst dann zustande, als die 
menschliche Huftenmitte sich ausgebildet hatte. Man kann also sagen, 
der untere Teil der menschlichen Gestalt war am Menschen schon 
vorhanden, aber nichts war an dem Menschen vorhanden, was den 
menschlichen Leib hatte sehen konnen. Der Mensch konnte sich da- 
mals selbst nicht sehen. Der Mensch bekam erst in dem Moment 
die Fahigkeit, sein Wesen anzuschauen, als sein Leib, von unten her- 
auf sich bildend, die Huftenmitte iiberschritten hatte. Als er gebildet 
war bis zum Zeichen der Waage, da wurde das Menschenauge erst 
aufgetan; da fing er an, sich nebelhaft zu sehen. Da erst entwickelte 
sich das Sehen der Gegenstande. So daB also bis zu dieser Entwicke- 
lung der Huftenmitte alles menschliche Wahrnehmen, alles Schauen 
ein hellseherisches, astralisch-atherisches Schauen war. Physisches 
konnte der Mensch damals noch nicht wahrnehmen, denn es war das 
MenschenbewuStsein noch ein dumpfes, damrnerhaftes, aber ein hell- 
sichtiges, traumhaft-hellsichtiges. 

Und dann ging der Mensch iiber zu dem BewuBtseinszustand, wo 
abwechselte Schlafen und Wachen. Im Wachen sah der Mensch dann 
dumpf dasjenige, was physisch war, aber wie in Nebel gehullt und wie 
mit einer Lichtaura umgeben. Im Schlaf aber erhob sich der Mensch 
zu den geistigen Welten und zu den gbttlich-geistigen Wesenheiten. 
Sein BewuBtseinszustand wechselte ab zwischen einem Hellseherbe- 
wuBtsein, das immer schwacher und schwacher wurde, und dem 
TagesbewuBtsein, dem immer heller und heller werdenden Gegen- 
standsbewuBtsein, welches das HauptbewuBtsein heute ist. Damals 
verlor skh nach und nach die Fahigkeit der hellseherischen Wahr- 
nehmung, immer mehr auch die Fahigkeit, die Gotter im Schlafe zu 
sehen. Und in demselben MaBe trat die Klarheit des TagesbewuBt- 



seins ein, und immer starker wurde damit das SelbstbewuBtsein, das 
Ich-Gefiihl, das Ich-Wahrnehmen. 

Wenn wir zuriickblicken in die lemurische Zeit, in die Zeit vor, 
wahrend und nach dem Hinausgehen des Mondes aus der Erde, so 
blicken wir zunachst auf ein hellseherisches BewuBtsein des Menschen, 
wo der Mensch noch nichts ahnte von dem, was wir heute den Tod 
nennen. Denn wenn der Mensch damals heraustrat aus seinem physi- 
schen Leibe, gleichgiiltig ob durch Schlaf oder Tod, wenn er heraus- 
wanderte, dann versank damit nicht sein BewuBtsein, sondern er er- 
hielt sogar ein hoheres, ein geistigeres BewuBtsein in einer gewissen 
Beziehung, als wenn er in seinem physischen Leibe war. Der Mensch 
sagte sich damals niemals : Ich sterbe jetzt - oder: Ich trete in BewuBt- 
losigkeit - das gab es nicht in der damaligen Zeit. Der Mensch baute 
noch nicht auf sein eigenes Selbstgefuhl, aber er fiihlte sich im SchoBe 
der Gottheit unsterblich, und er wuBte alles das als selbstverstandliche 
Tatsachen, was wir heute beschreiben. 

Denken wir uns einmal folgendes. Denken wir uns, wir legten uns 
zum Schlaf nieder, der Astralleib bewegte sich aus dem physischen 
Leibe heraus, und das alles geschahe beim vollen Mond. Den physi- 
schen Leib mit dem Atherleib haben wir also im Bette liegen, den 
Astralleib dariiber schwebend, und das bei Vollmondschein. Nun ist 
die Situation nicht so, daB einfach da eine astralische Wolke fur den 
Hellseher sichtbar wird, sondern er sieht in der Tat Stromungen vom 
Astralleib aus in den physischen Leib hineingehen, und diese Stro- 
mungen sind die Krafte, welche in der Nacht die Ermiidung fort- 
schaffen, und sie bringen dem physischen Leibe Ersatz fur die Ab- 
nutzung am Tage, so daB er sich erquickt und erfrischt fiihlt. Man 
wiirde aber zugleich geistige Strome vom Monde ausgehen sehen, 
und diese Stromungen durchsetzen astrale Machte. Man wiirde sehen, 
wie in der Tat vom Monde geistige Wirkungen ausgehen, die den 
Astralleib durchsetzen und verstarken und seine Tatigkeit an dem 
physischen Leibe beeinflussen. 

Nehmen wir an, wir waren nun Menschen der alten lemurischen 
Zeit, dann wurde der Astralleib dieses Einstromen der geistigen 
Krafte wahrgenommen haben, wiirde hinaufgeschaut haben und ge- 



sagt haben : Das ist Osiris, der mich da starkt, der an mir arbeitet, ich 
sehe, wie seine Wirkung durch mich geht. - Und wir wiirden uns ge- 
borgen gefiihlt haben wahrend der Nacht in Osiris, wir hatten sozu- 
sagen mit unserem Ich in Osiris gelebt. Ich und Osiris sind eins, 
wiirden wir empfunden haben. Hatten wir damals in Worte kleiden 
konnen, was wir empfunden haben, wiirden wir es etwa so charak- 
terisiert haben, wenn wir zuriickkehrten in den physischen Leib : Nun 
muB ich wieder hinunter in den physischen Leib, der da unten auf 
mich wartet; das ist eine Zeit, wo ich in meine niedere Natur unter- 
tauche - und wir hatten uns auf die Zeit gefreut, wo wir wieder ver- 
lassen konnten den physischen Leib und hinaufsteigen konnten und 
ruhen konnten im SchoBe des Osiris oder im SchoBe der Isis, wo wir 
unser Ich wieder vereinigten mit Osiris. 

Je mehr sich nun der physische Leib entwickelte, je mehr sich von 
unten da ansetzte, und je mehr, nach der Entwickelung der oberen 
Glieder, der Mensch audi physisch schauen konnte, je mehr der 
Mensch wahrnehmen konnte die Gegenstande in der physischen Welt 
um ihn her, desto langere Zeit muBte der Mensch verweilen, wenn 
er untertauchte in seinen physischen Leib, desto mehr Interesse ge- 
wann er an der physischen Welt, desto dunkler wurde sein BewuBt- 
sein fur die geistige Welt, desto klarer das BewuBtsein im physischen 
Leibe, desto mehr entwohnte er sich der geistigen Welt. So entwik- 
kelte sich immer mehr das Leben des Menschen in der physischen 
Welt, und in den Zustanden, die zwischen Tod und einer neuen Ge- 
burt verlaufen, wurde das BewuBtsein immer dunkler und dunkler. 
Jenes Heimatgefiihl bei den Gottern verlor der Mensch in der atlan- 
tischen Zeit immer mehr, und als die groBe Katastrophe voriiber war, 
da hatte schon ein groBer Teil der Menschen vollig verloren die natiir- 
liche Fahigkeit, wahrend der Nacht hineinzuschauen in die geistige 
Welt, dafur aber gewonnen die Fahigkeit, bei Tage immer scharfer 
auBerlich zu sehen, so daB die Gegenstande um sie her nach und nach 
in klareren Umrissen auftauchten. Es ist schon darauf aufmerksam 
gemacht worden, daB bei den Menschen, die zuriickgeblieben waren, 
die Gabe des Hellsehens sich noch erhalten hatte, wahrend die nach- 
atlantischen Kulturen sich entwickelten. Bis hinein in die Zeit, als das 



Christentum begriindet wurde, gab es noch Nachzugler dieses Hell- 
sehens, und noch heute gibt es, wenn auch sehr vereinzelt, Menschen, 
die sich als natiirliche Gabe dieses Hellsehen bewahrt haben, das aber 
ein ganz anderes Hellsehen ist als das durch die esoterische Schu- 
lung gewonnene. 

In der Atlantis wurde also die Nacht allmahlich dunkel fur den 
Menschen, wahrend das TagesbewuBtsein anfing, sich aufzuhellen. 
BewuBtlos wurde die Nacht fur die Menschen der ersten nachatlan- 
tischen Kultur, die wir zu charakterisieren versuchten iii all ihrer 
GroBe, in der Spiritualitat, die hereingekommen ist durch die heiligen 
Rishis, die wir uns vor die Seele gefuhrt haben in den vorhergehen- 
den Vortragen, und die wir jetzt noch von einer anderen Seite charak- 
terisieren miissen. 

Versetzen wir uns in die Seelen der ScMler der heiligen Rishis, in 
die Seelen der Leute der indischen Kultur iiberhaupt, sagen wir, in 
die Zeit unmittelbar nachdem die letzten Spuren der grofien atlanti- 
schen Wasserkatastrophen verschwunden waren. Wie eine Art Erinne- 
rung lebte es da noch in der Seele, eine Erinnerung an die alte Welt, 
an jene Welt, wo der Mensch die Gotter, die an seinem Leibe arbei- 
teten, erlebte, und gesehen hatte, wie Osiris und Isis an ihm tatig 
waren. Jetzt war er heraus aus dieser Welt, aus dem SchoBe der Got- 
ter. Friiher war fur ihn das alles da, wie fur ihn heute das Physische 
da ist, Wie eine Erinnerung ging es durch das Gemiit des indischen 
Menschen, der der ersten nachatlantischen Kultur angehorte, durch 
das Gemiit des indischen Menschen, dem die Rishis noch sagen konn- 
ten, wie es wirklich war, denn er wuBte, daB die Rishis und ihre Schii- 
ler schauen konnten in die geistige Welt. Er wuBte aber auch, daB fur 
den normalen Menschen, fur den Angehorigen der indischen Kultur, 
die Zeiten, wo er hineinschauen konnte in die geistige Welt, vorbei 
waren. 

"Wie eine Erinnerung, wie eine schmerzliche Erinnerung an die alte, 
wahre Heimatwelt zog es da durch die Seele des alten Inders, indem 
er sich in die physische Welt versetzt sah, die doch nur die auBere 
Schale der geistigen Welt ist, und er sehnte sich hinaus aus dieser 
auBeren Welt. Und er empfand: Unwahr sind die Berge, die Taler, 



unwahr die Wolkenmassen der Luft, selbst unwahr der Sternenhim- 
mel, alles ist nur wie eine Hiille, wie eine Physiognomie des Wesens. 
Und das Wahre, das dahinter ist, die Gotter und die wahre Gestalt 
des Menschen, wir konnen sie nicht sehen. Das was wir sehen, ist 
Maja, ist unwahr; das Wahre ist verhiillt. - Und diese Stimmung wurde 
immer lebendiger, da6 der Mensch, der Wahrheit entsprossen, in dem 
Geistigen seine Heimat hat; daB das Sinnliche unwahr, Maja ist, daB 
die physische Welt der Sinne ihn umnachtete. 

Wer so stark den Gegensatz des Geistigen und des unwahren Phy- 
sischen fuhlt, fur den wird die religiose Stimmung dahin gehen, wenig 
Interesse zu empfinden in bezug auf die physische Welt und immer 
mehr den Geist zu lenken zu dem, was die Eingeweihten schauen, 
und von dem Kunde geben konnen die heiligen Eishis. Heraus sehnte 
sich der Inder aus dieser Wirklichkeit, aus der harten Wirklichkeit, 
die doch far ihn nichts war als Illusion. Denn das Wahre ist nicht das, 
was die Sinne wahrnehmen, das Wahre fuhlte er erst dahinter. Und 
wenig Interesse wandte die erste nachatlantische Kulturperiode dem 
zu, was auBerlich auf dem physischen Plane geschah. 

Anders war es schon in der zweiten Kulturperiode, bei den Per- 
sern, aus der dann Zarathustra hervorgegangen ist, der groBe Schil- 
ler des Manu. Wenn wir durch ein paar Striche charakterisieren wol- 
len, worin der Ubergang der indischen zu der Perserkultur bestand, 
so konnen wir sagen : Der Angehorige der persischen Kultur fuhlte 
das Physische nicht bloB wie eine Fiigung, er fuhlte es wie eine Auf- 
gabe. Zwar sah auch er noch hinauf in die Regionen des Lichtes, er 
sah hinauf in die geistigen Welten, aber er wandte den Blick wieder 
zuriick in die physische Welt, und vor seiner Seele stand, wie alles in 
die Lichtgewalten und in die dunkeln Gewalten zerfiel. Die physische 
Welt wurde ihm ein Arbeitsfeld. Der Perser sagte sich: Es gibt die 
gute Lichtfiille, die Gottheit Ahura Mazdao oder Ormuzd, und es 
gibt die dunkeln Machte, unter der Fiihrung des Angramainyush oder 
Ahriman. Von Ahura Mazdao kommt das Heil der Menschen, von 
Ahriman die physische Welt. Wir miissen das, was kommt von Ahri- 
man, umwandeln, wir miissen uns mit den guten Gottern verbinden 
und Ahriman, den bosen Gott in der Materie besiegen, indem wir die 



Erde umarbeiten, indem wir solche Wesen werden, daB wir die Erde 
bearbeiten konnen. Indem wir so den Ahriman besiegen, machen wir 
die Erde zu einem Mittel fur das Gute, - Den ersten Schritt, die Erde 
zu erlosen, taten die Angehorigen der persischen Kultur, und sie hat- 
ten die Hoffnung, daB die Erde auch einstmals ein guter Planet sein 
werde, daB sie erlost sein wiirde, und daB eine Verherrlichung ein- 
treten werde Ahura Mazdaos, des hochsten Wesens. 

So hatte der gefiihlt, der nicht in die erhabenen Hohen sah wie der 
Inder, der aber festen FuB faBte auf dieser physischen Welt. So aber 
dachte nicht der Angehdrige der indischen Kultur, der den festen 
Boden unter den FiiBen verlor. 

Und weiter ging die Eroberung des physischen Plans in der dritten 
Kulturstufe, in der agyptisch-babylonisch-assyrisch-chaldaischen Kul- 
tur. Da war kaum mehr etwas vorhanden von dem uralten Widerwil- 
len, mit dem die physische Welt als Maja gefiihlt wurde. Die Chaldaer 
blickten zu dem Sternenhimmel hinauf, und der Lichtesglanz der 
Sterne war fur sie nicht bloB Maja, sondern das waren fur sie die 
Schriftzeichen, die die Gotter dem physischen Plan eingepragt hatten. 
Und auf den Wegen der Sterne verfolgte der chaldaische Priesterweise 
den Weg zuriick in die geistigen Welten, und als er eingeweiht wurde, 
als er kennenlernte alle die Wesen, welche die Planeten, die Gestirne 
bewohnten, da erhob er seine Augen hinauf und sagte sich : Was ich 
sehe mit meinen Augen, wenn ich zum Sternenhimmel den Blick 
erhebe, das ist der aufiere Ausdruck dessen, was mir das okkulte 
Schauen, die Einweihung gibt. Wenn der einweihende Priester mir die 
Gnade des Schauens des Gottes verleiht, dann sehe ich den Gott. Aber 
alles AuBere, was ich sehe, ist nicht bloB Illusion ; in ihm sehe ich die 
Schrift der Gotter. 

So kam sich ein solcher Eingeweihter vor, wie wir uns vorkommen, 
wenn wir einem Freunde gegemiberstehen, dann lange voneinander 
getrennt sind und dann einen Brief von ihm bekommen und die 
Schriftzeichen des entfernten Freundes vor uns sehen. Wir sehen, 
das war seine Hand, die diese Schriftzeichen geformt hat, wir neh- 
men wahr die Gefuhle des Herzens, die darinnen ausgedriickt sind. 
So fuhlte ungefahr der chaldaische und auch der agyptische Einge- 



weihte, der in die heiligen Mysterien eingeweiht war, der, wahrend 
er im Mysterientempel war, mit seinem geistigen Auge sah die gei- 
stigen Wesenheiten, die mit unserer Erde verbunden sind. Und wenn 
er das alles sah und er dann hinausging, und wenn er dann die Welt 
der Sterne sah, so kam ihm das vor wie ein Brief der geistigen Wesen. 
Er vernahm eine Schrift der Gotter, wenn die Blitze leuchteten, wenn 
der Donner rollte; im Sturmwind vernahm er eine Offenbarung der 
Gotter. Die Gotter hatten sich manifestiert fur ihn in allem, was er 
auBerlich sah. So wie wir dem Briefe des Freundes gegeniiber fiihlen, 
so fiihlte er die auBerliche Welt, so fiihlte er, wenn er die Welt der 
Elemente, die Welt der Pflanzen, der Tiere, der Berge, die Welt der 
Wolken, die Welt der Sterne sah. Alles das wurde entziflfert als eine 
Gotterschrift. 

Und indem die Agypter vertrauten auf die Gesetze, die der Mensch 
finden konnte in der physischen Welt, wodurch der Mensch die Mate- 
rie beherrschen kann, da entstand die Geometrie, die Mathematik. 
Mit ihrer Hilfe konnte der Mensch die Elemente beherrschen, weil 
er vertraute auf das, was sein Geist finden konnte, weil er glaubte, 
daB man einpragen konnte den Geist der Materie. Da konnte er die 
Pyramiden schaffen, die Tempel und die Sphingen. Das war ein gewal- 
tiger Schritt fur die Eroberung des physischen Planes, der in dieser 
dritten Kulturperiode getan wurde. Und damit war der Mensch so 
weit gekommen, iiberhaupt erst richtig den physischen Plan zu respek- 
tieren; die physische Welt war ihm jetzt erst etwas geworden. Aber 
was fur Lehrer hatte er vorher gebraucht ? 

Vorher hatte der Mensch Lehrer gebraucht; auch die Eingeweih- 
ten haben Lehrer gebraucht, sagen wir in der alten indischen Zeit. 
Was fur Lehrer haben die Eingeweihten gebraucht? Es war notwen- 
dig, daB der Eingeweihte kunstlich dazu gefuhrt wurde, in den Ein- 
weihungszustanden das wieder zu sehen, was fruher der Mensch in 
seinem dumpfen Hellseherbewufitsein hat sehen konnen. Zuriickge- 
fiihrt werden mufite der Einzuweihende. Er muBte in die geistige 
Welt, in die friihere geistige Heimat wieder hinaufgefuhrt werden, 
damit er das, was er durch seine Erlebnisse erfahren konnte, den ande- 
ren vermitteln konnte. Dazu brauchte er Lehrer. So brauchten die 



Schiiler der Rishis Lehrer, die ihnen vorwiesen, was geschah im alten 
Lemurien, was geschah in der alten Atlantis, als der Mensch noch 
hellsehen konnte. Und ebenso war es noch bei den Persern. 

Anders wurde das bei den Chaldaern, anders besonders bei den 
Agyptern. Oh, auch da gab es solche Lehrer, die den Schuler dahin 
brachten, daB er seine Krafte so entwickelte, daB er durch hellsich- 
tiges Schauen hineinsah in die geistige Welt, hinter die physische 
Welt. Das waren die Initiatoren, die zeigten das, was hinter dem 
Physischen Uegt. Aber eine neue Lehre, eine ganz neue Methode 
wurde notwendig in Agypten. Im alten Indien hatte man sich wenig 
gekiimmert um das', wie dasjenige, was in der geistigen Welt vorgeht, 
eingeschrieben ist in den physischen Plan, um die Korrespondenz 
zwischen Gottem und Menschen; darum hatte man sich wenig ge- 
kiimmert. In Agypten aber war etwas anderes notig: nicht nur daB 
der Schuler durch die Einweihung die Gotter sah, sondern auch, wie 
diese die Hande bewegten, um die Sternenschrift zu vollziehen, wie 
sich alle physischen Formen herausgebildet hatten. Die alten Agypter 
hatten Schulen, ganz nach dem Muster der Inder, aber sie lernten 
noch hinzu, wie die geistigen Krafte mit der physischen Welt kor- 
respondieren. Jetzt hatten sie einen neuen Lehrstoff. In Indien wurde 
man den Schuler gewiesen haben auf die geistigen Krafte durch das 
Hellsehen ; in Agypten kam hinzu, daB man zeigte, was physisch kor~ 
respondiert mit den geistigen Taten. Man zeigte es an jedem Gliede 
des physischen Leibes, welcher geistigen Arbeit es entsprach; zum 
Beispiel wie das Herz einer geistigen Arbeit entspricht, das wurde 
gelehrt. Und der Stifter der Schule, durch welche nicht nur das 
Geistige gezeigt wurde, sondern auch seine Arbeit am Physischen, der 
Stifter dieser Schule war der groBe Initiator Hermes Trismegistos. 
So haben wir in ihm, dem dreimal groBen Thoth, den ersten zu se- 
hen, welcher den Menschen zeigte die ganze physische Welt als eine 
Schrift der Gotter. So sehen wir Stuck fur Stuck unsere nachatlan- 
tischen Kulturen ihre Impulse der Menschheitsevolution einverleiben. 
Wie ein gottlicher Gesandter erschien den Agyptern Hermes. Er gab 
ihnen das, was man zu entziffern hatte als die Tat der Gotter in der 
physischen Welt. 



Damit haben wir ein wenig charakterisiert die drei Kulturepochen 
der nachatlantischen Zeit. Die Menschen hatten den physischen Plan 
schatzen gelernt. 

Die vierte Kulturperiode, die griechisch-lateinische, ist die Epoche, 
in welcher der Mensch noch mehr mit dem physischen Plan in Be- 
ruhrung kommt. In dieser Zeit kommt der Mensch so weit, nicht nur 
die Schrift der Gotter in der physischen Welt zu sehen, sondern auch 
sein Selbst, seine geistige Individualist in die objektive Welt zu setzen. 
Solche Schopfungen der Kunst wie in Griechenland gab es vorher 
nicht. DaB der Mensch sich selbst hinaussetzte aus sich in der Skulptur, 
in den Bildwerken, daB er darin etwas wie sein physisches Selbst ge- 
schaffen hat, das war in der vierten Kulturperiode erreicht. 

In dieser Zeit sehen wir das Innere, das Geistige des Menschen, 
hinaussteigen aus dem Menschen auf den physischen Plan und ein- 
flieBen in die Materie. Am reinsten sehen wir dieses Eingehen einer 
Ehe zwischen dem Geistigen und der Materie in dem griechischen 
Tempel. Dieser Tempel ist fur jeden, der ihn riickblickend schauen 
kann, ein wunderbares Werk. Die griechische Architektonik ist Ur- 
architektonik. Jede Kunst hat ihren Hohepunkt irgendwo. Hier hatte 
die Architektur ihren Hohepunkt. Die Plastik, die Malerei, auch sie 
haben irgendwo einmal ihren Hohepunkt erreicht. Trotz der gigan- 
tischen Pyramide ist in dem griechischen Tempel das Wunderbarste 
an Architektur geschaffen worden. Denn was ist in ihm erreicht? 

Einen schwachen Nachklang mag der empfinden, der ein kxinst- 
lerisches Raumgefuhl hat, das heiBt, der empfindet, wie eine Linie, 
die horizontal ist, sich verhalt zu einer Linie, die vertikal geht. Und 
eine ganze Summe von kosmischen Wahrheiten lebt in der Seele auf, 
die bloB fiihlen kann, wie die Saule tragt dasjenige, was iiber der 
Saule liegt. Man muB es fiihlen konnen, daB alle diese Linien schon 
vorher unsichtbar im Raum sich befinden. Der griechische Kiinstler 
sah gleichsam hellseherisch die Saule und fiigte nur Materie hinein 
in das, was er sah. Er sah den Raum als lauter Lebendes, er sah 
ihn von lebendigen Kraften durchzogen. Wie konnte der heutige 
Mensch einigermaBen nur nachfuhlen, welche Lebendigkeit dieses 
Raumgefuhl hatte? 



Einen schwachen Nachklang konnen wir bei den alten Malern sehen. 
Man kann noch Darstellungen sehen, wo man zum Beispiel Engel 
im Raume schwebend sieht, und wir haben das Gefiihl, die Engel 
halten sich gegenseitig. Wenig ist heute von diesem Gefiihl des Rau- 
mes noch vorhanden. Ich will nichts einwenden gegen die Farben- 
kunst des Bocklin, aber jedes okkulte Raumgefuhl geht ihm ab. Solch 
ein Wesen, wie es sich iiber seiner Pieta, befindet - man weiB nicht, 
ob es ein Engel sein soli oder sonst ein Wesen -, das muB unbe- 
dingt im Beschauer das Gefiihl erwecken, daB es jeden Augenblick 
herunterfallen muB auf die Gruppe unter ihm. Das muB betont 
werden, wenn man hinweisen will auf etwas, wovon heute kaum eine 
Vorstellung hervorgerufen werden kann: auf das Raumgefuhl der 
Griechen, von dem ausdriicklich betont werden muB, daB es okkulter 
Natur ist. Ein griechischer Tempel war etwas, als ob der Raum aus 
seinen Linien sich selber geboren hatte. Die Folge davon war, daB 
gottliche Wesenheiten, die der Grieche als Hellseher kannte, fur die 
der Tempel errichtet war, wirklich in den Tempel sich hinunter- 
neigten, wirklich sich darin wohl fiihlten. Und es ist wahr: Pallas 
Athene, Zeus und so weiter waren wirklich in den Tempeln darinnen; 
sie hatten ihre Korper, ihre materiellen Korper in diesen Tempeln. 
Denn, da solche Wesenheiten sich nur bis in einen Atherleib inkar- 
nieren konnten, fanden sie in diesen Tempeln eine wirkliche Wohn- 
statte in der physischen Welt. Ihr physischer Leib konnte ein solcher 
Tempel werden, in dem sich ihr Atherleib wohlbefand. 

Wer den griechischen Tempel versteht, der weiB, daB er sich ganz 
bedeutsam unterscheidet von einem gotischen Dom. Darin soil keine 
Kritik gegen die gotische Baukunst Hegen, denn der gotische Dom ist 
auch ein erhabenes Kunstwerk. Von einem griechischen Tempel aber 
kann derjenige, der in die Dinge hineinschaut, sich wohl vorstellen, 
daB, auch wenn er in seiner Einsamkeit dasteht, wenn weit und breit 
kein Mensch da ist, wenn er ganz allein ist, nur der Tempel da ist, 
er als ein Ganzes dasteht. Ein griechischer Tempel ist doch vollstan- 
dig, auch wenn kein Mensch darinnen betet. Er ist nicht seelenlos, 
er ist nicht leer, denn der Gott ist in ihm, er wird bewohnt von dem 
Gott. 



Aber ein gotischer Dom ist nur halb, ist nicht vollstandig, wenn 
keine Glaubigen, keine Beter darinnen sind. Den gotischen Dom kann 
sich derjenige, der das versteht, nicht so denken, daB er einsam, allein, 
ohne die glaubige Menge dastehe, die mit ihren Gedanken sich hinein- 
bewegt in ihn. Und all die gotischen Formen und Zierate gehoren 
zu dem, was von ihm ausgeht. Kein Gott, kein geistiges Wesen ist 
beim gotischen Dom, wenn nicht die Gebete der Glaubigen darinnen 
sind. Erst wenn die betende Gemeinde versammelt ist, dann ist er 
erfullt von dem Gottlichen. Das dnickt sich selbst in dem Worte 
«Dom» aus, denn es ist verwandt mit dem «tum» in Deutschtum, 
Volkstum und so weiter, das immer etwas Sammelndes hat, und das 
Wort «Duma» ist sogar damit verwandt. Der griechische Tempel ist 
kein Haus der Glaubigen. Er ist geformt als ein Haus, das der Gott 
selbst bewohnt; er kann allein stehen. Im gotischen Dom aber fuhlte 
man sich nur heimisch, wenn die glaubige Menge ihn fullte, wenn 
die andachtige Gemeinde versammelt war, wenn durch die farbigen 
Fensterscheiben das Licht der Sonne schien und die Farben sich spal- 
teten an den feinen Staubchen, und dann, wie es oft und oft geschah, 
der Prediger auf der Kanzel im Dom sagte: Ebenso wie sich das 
Licht spaltet in die vielen Farben, so teilt sich auch das eine geistige 
Licht, die gottliche Kraft, unter die Menge der Seelen und in die vielen 
Krafte des physischen Plans. - Oft sagte der Prediger so etwas. Wenn 
Anschauung und geistiges Erleben so zusammenflossen, dann war der 
Dom etwas Vollstandiges. 

So wie es mit den groBen Tempelbauten war, so war es in allem 
Kiinstlerischen bei den Griechen. Der Marmor ihrer Skulpturen nahm 
den Schein des Lebendigen an, der Grieche driickte das im Physischen 
aus, was in seinem Geistigen lebte; eine Ehe des Geistigen mit dem 
Physischen war bei den Griechen vorhanden. 

Der Romer aber war noch einen Schritt weiter gegangen in der 
Besiegung des physischen Planes. Der Grieche hatte die Fahigkeit, das 
Seelisch-Geistige in seine Kunstwerke hineinzuschaffen, er fuhlte sich 
aber noch als Glied eines Ganzen, der Polis, des Stadtstaates ; er 
fuhlte sich noch nicht als Persbnlichkeit. So war es auch bei den 
friiheren Kulturen : Der Agypter fuhlte sich nicht als einzelner Mensch, 



er fiihlte sich als Agypter, als Glied eines Volkes. So finden wir auch 
in Griechenland, wie der Mensch nicht Wert darauf legte, sich als 
Mensch zu fiihlen, sondern wie es sein hochster Stolz war, ein Spar- 
taner, ein Athener zu sein. Eine Personlichkeit zu sein, selbst etwas 
zu sein in der Welt, das wurde zum ersten Male durch das Romertum 
empfunden. 

DaB eine Personlichkeit etwas fur sich ist, das wurde erst fur den 
Romer wahr. Der Romer erfand den Begriff « Burger », daher entstand 
bei ihm dafur die Grundlage, die Jurisprudenz, das Recht, das man 
mit Recht eine romische Erfindung genannt hat. Nur heutige Juristen, 
die keine Ahnung von diesen Tatsachen haben, haben die Geschmack- 
losigkeit gehabt, davon zu sprechen, da6 es schon vorher ein Recht in 
diesem Sinne gegeben habe. Die Leute reden Unsinn, die von orien- 
talischen Rechtsschopfern sprechen, wie zum Beispiel von Hammurabi. 
Es gab vorher keine Rechtsgebote, es gab nur gottliche Gebote. 
Man miiBte harte Worte sprechen, wenn man objektiv sprechen wollte 
uber diese Wissenschaft; man muBte, wollte man gerecht sein, furcht- 
bar harte Worte sprechen, und jede Kritik ist nur eine mitleidige 
Kritik. Der BegrifF des Burgers wurde im alten Rom erst wirklich 
gefuhlt. Da hatte der Mensch bis zu seiner eigenen Individualitat das 
Geistige in die physische Welt gebracht. Im alten Rom wurde zuerst 
das Testament erfunden; da wurde der Wille der einzelnen Personlich- 
keit so stark, daB sie sogar uber den Tod hinaus bestimmen konnte, 
was mit ihrem Besitz, ihrem Eigentum geschehen sollte. Jetzt sollte 
der einzelne, personliche Mensch maBgebend sein. Damit hatte der 
Mensch in seiner eigenen Individualitat das Geistige bis auf den phy- 
sischen Plan heruntergebracht. Das war der tiefste Punkt der Ent- 
wickelung. 

Am hochsten stand der Mensch in der indischen Kultur. Der Inder 
schwebte noch in spiritueller Hohe, auf dem hochsten Punkt. In der 
zweiten Kultur, der urpersischen, stieg der Mensch schon hinunter. 
In der dritten Kultur, der agyptischen, noch mehr. In der vierten 
Kultur stieg der Mensch ganz hinunter auf den physischen Plan, in 
die Materie. Da gab es einen Punkt, wo der Mensch am Scheide- 
wege stand; entweder konnte er tiefer und tiefer steigen, oder er 



muBte auf dem tiefsten Punkt die Moglichkeit gewinnen, sich wieder 
heraufzuarbeiten, wieder zuriickzukehren in die geistige Welt. Dazu 
muBte aber ein geistiger Impuls auf den physischen Plan selbst kom- 
men, ein machtiger Ruck, der den Menschen zuruckfuhren konnte 
in die geistige Welt. Dieser machtige Ruck aber wurde gegeben durch 
die Erscheinung des Christus Jesus auf Erden. Der gottlich-geistige 
Qiristus muBte zu den Menschen in einem physischen Menschenleibe 
kommen, muBte die physische Erscheinung in der physischen Welt 
durchmachen. Jetzt, wo der Mensch ganz in der physischen Welt war, 
muBte der Gott zu ihm heruntersteigen, damit er den Weg zuriick- 
finde in die geistige Welt. Das ware vorher nicht moglich gewesen. 

Wir haben heute die Entwickelung der Kulturen der nachatlan- 
tischen Zeit bis zu ihrem tiefsten Punkte verfolgt; wir haben ange- 
deutet gesehen, wie der geistige Impuls durch den Christus im tief- 
sten Punkte geschah. Jetzt soli der Mensch wieder heraufsteigen, 
durchgeistigt und durchsetzt von dem Christus-Prinzip. Wir werden 
so sehen, wie zum Beispiel die agyptische Kultur in unserem Zeit- 
raum wieder auftaucht, aber durchsetzt von dem Christus-Prinzip. 



ZEHNTER VORTRAG 



Leipzig, 12. September 1908 

Es gibt viele Mythen und Sagen der alten Agypter, welche in der 
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung wohlbekannt waren und 
auch wieder bekannt werden, welche aber eigentlich nicht vermittelt 
sind in der auBerlichen, geschichtlichen Tradition, die von den Agyp- 
tern meldet. Einige dieser Mythen sind uns dann in jener Form ge- 
schichtlich erhalten, in der sie in Griechenland heimisch wurden, 
denn der groBere Teil der nicht auf den Zeus und seine Familie be- 
2iiglichen Sagen Griechenlands ist aus den agyptischen Mysterien 
herubergekommen. Und wir werden uns heute zu beschaftigen ha- 
ben mit allerlei Sagenhaftem, das wir brauchen, wenn auch eine heu- 
tige Kulturgeschichte behauptet, daB eigentlich wenig fur die Men- 
schen in der griechischen Mythologie enthalten sei. 

Wozu muBten wir uns denn anschauen sozusagen die andere Seite 
der menschlichen Entwickelung, das heifit die geistige Seite? Alles, 
was wir auf dem physischen Plan sehen, bleibt immer Ereignis, Tat- 
sache des physischen Plans. Aber in der Geisteswissenschaft inter- 
essiert uns nicht nur dasjenige, was auf dem physischen Plan lebt, 
sondern auch alles das, was in den geistigen Welten vorgeht. 

Wir wissen ja aus dem, was wir in geisteswissenschaftlichen Vor- 
tragen gehort haben, was mit dem Menschen sich abspielt zwischen 
dem Tode und einer neuen Geburt. Wir brauchen uns nur zu erin- 
nern, daB der Mensch im Tode ubergeht in den BewuBtseinszustand, 
den wir Kamaloka nennen, in dem der Mensch, wenn er auch ein 
geistiges Wesen geworden ist, festgehalten wird durch den astra- 
lischen Leib. Es ist das die Zeit, wo der Mensch noch etwas verlangt 
von der physischen Welt, wo er leidet darunter, wo er etwas ent- 
behrt dadurch, daB er nicht mehr in der physischen Welt ist. Dann 
kommt die Zeit, in welcher der Mensch sich vorzubereiten hat auf 
ein neues Leben: der BewuBtseinszustand des Devachan, wo der 
Mensch nicht mehr unmittelbar mit der physischen Welt, mit dem, 
was physische Eindnicke sind, zusammenhangt. Wollen wir uns vor- 



stellen, wie sich das Kamalokaleben von dem Devachanleben unter- 
scheidet, so konnen wir zwei Beispiele betrachten. 

Wir wissen, daB der Mensch, wenn er gestorben ist, nicht gleich 
mit seinem Sterben seine Begierden und Wiinsche verliert. Nehmen 
wir an, der Mensch ist im Leben ein Feinschmecker gewesen, der 
einen groBen GenuB empfunden hat an leckeren Speisen. Wenn er 
gestorben ist, verliert sich nicht sogleich diese GenuBsucht, dieser 
Wunsch nach leckeren Speisen, Der Mensch hat ja diese Wiinsche 
nicht in dem physischen Leibe, sondern im Astralleib. Daher, weil 
der Mensch nach dem Tode den Astralleib behalt, behalt er auch 
den Wunsch, aber ihm fehlt das Organ, um diese Wiinsche zu be- 
friedigen: der physische Leib. Der Wunsch nach der Speise hangt 
nicht ab vom physischen Leib, sondern vom Astralleib, und da tritt 
nach dem Tode eine wahre Gier auf im Menschen nach demjenigen, 
was ihn im Leben am meisten befriedigte. Daher leidet der Mensch 
nach dem Tode so lange, bis er sich den Wunsch nach dem GenuB 
abgewohnt hat, bis er abgeworfen hat alles, was er durch die phy- 
sischen Organe an Begierden groBgezogen hat. So lange befindet 
sich der Mensch im Kamaloka. Dann beginnt die Zeit, wo der Mensch 
nicht mehr Anspriiche dieser Art erhebt, die nur durch physische 
Organe befriedigt werden konnen. Dann geht er ein ins Devachan. 

In demselben MaBe, in dem der Mensch aufhort an die physische 
Welt gefesselt zu sein, in demselben MaBe beginnt er ein BewuBt- 
sein fur die devachanische Welt zu erlangen. Sie leuchtet immer mehr 
und mehr auf. Nur hat er dort heute noch kein Ich-BewuBtsein wie 
in diesem Leben. Er ist dort noch nicht selbstandig. Im Devachan- 
leben fiihlt sich der Mensch wie ein Glied, wie ein Organ der ganzen 
geistigen Welt. So wie die Hand sich als Glied am physischen Orga- 
nismus nur fuhlen wiirde, wenn sie fiihlte, so fiihlt der Mensch in 
seinem Devachanbewufitsein : Ich bin ein Glied der geistigen Welt, 
ein Glied auch der hoheren Wesen. Er wird erst seiner Selbstandig- 
keit entgegenwachsen. Aber er arbeitet auch jetzt schon dort mit am 
Kosmos, er arbeitet mit am Pflanzenreich aus der geistigen Welt 
heraus. Der Mensch arbeitet an allem mit, nicht aus eigener Berech- 
nung, sondern als dienendes Glied der geistigen Welt. 



Wenn wir nun so schildern dasjenige, was der Mensch zwischen 
Tod und einer neuen Geburt erlebt, so diirfen wir uns nicht vorstel- 
Ien, da8 die Ereignisse der devachanischen Welt nicht auch einer Ver- 
anderung unterlagen. Die Menschen haben so im geheimen das Be- 
wuBtsein, daB hier unsere Erde zwar veranderlich sei, daft driiben aber, 
jenseits des Todes, alles gleich bleibe. Das ist gar nicht der Fall. 
Wenn heute so geschildert wird der Aufenthalt im Devachan, so be- 
deutet das, daB dieses ungefahr der heutige Zustand des Devachan ist. 
Aber erinnern wir uns, wie es war, als unsere Seelen in der Zeit 
der agyptischen Kultur verkorpert waren. Damals sahen wir auf die 
gigantischen Pyramiden und auf die anderen groBen Bauwerke hin. 
In fruheren Zeiten sah es auf dieser Seite, der physischen Seite, ganz, 
ganz anders aus. Denken wir daran, wie sich das AntHtz der Erde seit 
damals sehr, sehr verandert hat. Wir brauchen nur die materia- 
listische Wissenschaft zu verfolgen, und wir werden flnden, wie zum 
Beispiel vor wenigen Jahrtausenden ganz andere Tiere in Europa 
waren, wie Europa ganz anders aussah. Das Antlitz der Erde andert 
sich fortwahrend, und daher kommt es, daB der Mensch immer wie- 
der in neue Daseinsverhaltnisse tritt. Das erscheint jedem ganz ein- 
leuchtend. Aber, wenn man die Verhaltnisse der geistigen Welt schil- 
dert, dann glauben die Menschen so leicht, daB dasjenige, was in der 
geistigen Welt geschehen ist, wenn sie etwa tausend Jahre vor Christus 
gestorben sind, daB das, was sich driiben zugetragen hat, ganz genau 
dasselbe gewesen ware wie dasjenige, was sich heute zutragt, wenn 
sie heute wiedergeboren werden und heute wieder sterben. 

Genau wie der physische Plan sich andert, so andern sich tatsach- 
lich die Verhaltnisse in der anderen Welt. Der Aufenthalt im Deva- 
chan war etwas ganz anderes als heute, wenn man eintrat ins De- 
vachan aus dem agyptischen Leben oder aus dem griechischen Leben. 
Auch da geht eine Evolution vor sich. Es ist ja nur naturlich, daB wir 
jetzt die gegenwartigen Verhaltnisse des Devachan schildern; die Ver- 
haltnisse haben sich aber geandert. Wir konnen das schon annehmen, 
wenn wir auf dasjenige hinblicken, was uns die letzten Vortrage und 
ihre Schilderungen gebracht haben. 

Wir haben gesehen, wie der Mensch, wenn wir weiter zuruckgehen, 



bis zur atlantischen Zeit mehr in der geistigen Welt lebte, wie er 
wahrend des Schlafens in der geistigen Welt verkehrte. Wir fanden, 
daB das dann immer mehr abnimmt. Wenn wir jedoch weit genug zu- 
riickgehen, dann finden wir, daB der Mensch da iiberhaupt in der 
geistigen Welt lebt. In alten Zeiten ist auch der Unterschied zwischen 
Schlaf und Tod kein so groBer. In urferner Vergangenheit haben die 
Menschen lange Schlafperioden gehabt. Das fiel ungefahr mit dem 
Zeitraum zusammen, der heute durch eine Inkarnation und durch das 
Leben nach dem Tode durchlaufen wird. Dadurch, daB der Mensch 
herunterstieg auf den physischen Plan, wurde er auch immer mehr ver- 
strickt in diesen physischen Plan. Es ist gezeigt worden, wie der 
Inder in eine hohe Welt blickte, wie der Mensch in Persien schon 
versuchte, den physischen Plan zu erobern. Immer weiter stieg der 
Mensch herunter, und eine Ehe zwischen Geist und Materie, zwischen 
den geistigen Welten und dem physischen Plan war eingetreten in der 
griechisch-lateinischen Zeit. Je mehr sich der Mensch hereinlebte in 
die Mitte dieser letzten Epoche, um so mehr lernte er lieben die 
physische Welt und an ihr Interesse gewinnen. Damit anderte sich 
aber auch alles, was wir Erlebnisse nennen zwischen Tod und neuer 
Geburt. 

Wenn wir bis in die erste Zeit der nachatlantischen Epoche zuruck- 
gehen, da finden wir, daB die Menschen wenig Interesse haben an dem 
physischen Plan. Die Eingeweihten der damaligen Zeit konnten ent- 
riickt werden in hohe Welten, in die devachanischen Welten, und 
sie teilten dann ihre Erlebnisse den anderen Menschen mit. In dem 
Menschen, der mit alien Gedanken, mit alien Sinnen sich hinauf ent- 
riickt fiihlte in die wahre Welt, in die eigentliche Heimat, bewirkte 
dies, daB er wenig Interesse hatte an den Verhaltnissen des physischen 
Planes. Wenn er aber aufruckte in das Devachan, nachdem er sich 
kaum mit der physischen Welt verbunden hatte, dann besaB er im 
Devachan ein verhaltnismaBig helles BewuBtsein. Wenn dann ein 
solcher Mensch in der persischen Kultur sich wiederum inkarnierte, 
dann fiihlte er sich schon mehr verwachsen mit der physischen Ma- 
terie, da war es so, daB er einbiiBte an Klarheit des BewuBtseins 
im Devachan. In der agyptisch-chaldaischen Zeit, wo der Mensch an- 



fing die auBere physische Welt lieb zu gewinnen, da war es so, daB 
er im Devachan schon ein sehr getriibtes, schattenhaftes BewuBtsein 
hatte. Dieses BewuBtsein war zwar der Art nach immer noch hoher 
als das BewuBtsein in der physischen Welt, aber dem Grade nach 
sinkt es immer mehr herunter und wird immer dunkler bis zur grie- 
chisch-lateinischen Zeit. In dieser Zeit wurde das devachanische Be- 
wuBtsein immer dunkler und schattenhafter. Es war nicht ein Traum- 
bewuBtsein; das war es niemals. Es war ein BewuBtsein, auf das man 
aufmerken konnte; es war noch ein BewuBtsein, dessen sich der 
Mensch bewuBt war. Eine Verdunkelung dieses BewuBtseins fand 
also mit dem Fortgang der Entwickelung statt. 

Die Mysterien waren im wesentlichen dafur da, es dem Menschen 
mbglich zu machen, daB er nicht nur ein schattenhaftes BewuBtsein 
in der geistigen Welt hatte, sondern das BewuBtsein wieder aufzu- 
hellen. Denken wir uns, es hatte keine Mysterien gegeben, es waren 
keine Eingeweihten dagewesen. Dann wiirde der Mensch ein immer 
dammerhaf teres, immer schattenhafteres BewuBtsein gehabt haben in 
den geistigen Welten. Einzig dadurch, daB parallel mit der Verdun- 
kelung des BewuBtseins im Devachan die Einweihung in die Myste- 
rien ging, und damit die Aneignung gewisser Fahigkeiten, mit denen 
auserlesene Menschen schon hineinsahen in die geistigen Welten in 
heller Klarheit, einzig dadurch, daB die Eingeweihten in Mythen und 
Sagen dariiber berichten konnten, ist sozusagen eine Schattierung 
von Hellerem, von Lichterem hineingekommen in das devachanische 
BewuBtsein zwischen Tod und einer neuen Geburt. Bei alien den- 
jenigen aber, die sich schon so recht hineingefunden hatten in die 
physische Welt, war es so, daB sie schon empfunden haben dieses 
Abdammern des BewuBtseins in der geistigen Welt, und es ist kein 
Marchen, es ist Wahrheit, daB der Eingeweihte in den eleusinischen 
Mysterien eine ganz besondere Erfahrung hat machen konnen. Das 
Einweihungsprinzip ist, dafi der Mensch schon wahrend des Lebens 
in die Welten des Geistes steigen und erfahren kann, was da vor 
sich geht. Der damalige Eingeweihte hat in der Tat unmittelbar von 
den Schatten in der geistigen Welt erfahren konnen. Es ist wirklich 
ein Ausspruch eines Eingeweihten, wenn es heiBt: Oh, besser ein 



Bettler in der physischen Welt als ein Konig im Reiche der Schatten. - 
Dieser Ausspruch ist aus den Erfahrungen der Eingeweihten heraus 
gesprochen. Solche Dinge konnen wir nicht tief genug nehmen, und 
wir verstehen sie erst dann, wenn wir die Tatsachen der geistigen 
Welt kennen. 

Jetzt wollen wir das, was gestern in abstrakter Form angedeutet 
worden ist, in eine konkretere Form bringen. 

Ware nichts anderes eingetreten als das Heruntersteigen der Men- 
schen in die physische Welt, immer dunkler ware das BewuBtsein 
geworden zwischen Tod und einer neuen Geburt. Die Menschen 
hatten zuletzt den ZusammenschluB mit der geistigen Welt voll- 
standig verloren. Nun mag es noch so sonderbar erscheinen dem- 
jenigen, der auch nur noch ein klein wenig angekrankelt ist im Inne- 
ren von irgendeiner Form des Materialismus, wahr ist es doch, was 
ich jetzt sagen werde. Ware jetzt nichts eingetreten in der Ent- 
wickelung der Menschheit, dann ware die Menschheit geistig dem 
Tode verfallen. Aber es ist eine Moglichkeit der Auf hellung des Be- 
wuBtseins zwischen Tod und einer neuen Geburt vorhanden, und 
diese Auf hellung kann entweder durch die Einweihung selbst errun- 
gen werden, oder heute schon in einem niedrigeren Grade dadurch, 
daft der Mensch schon in diesem Leben teilnimmt an der geistigen 
Welt, dafi er schon Erlebnisse hat, die nicht mit seinen Leibern ab- 
sterben, die mit ihm verbunden bleiben in seinem ewigen Wesens- 
kern, auch in der geistigen Welt. Dafur sorgten nun die Mysterien, 
die ganze geistige Entwickelung, es sorgten dafur die groBen Einge- 
weihten vor Christus und vor allem die Wesenheit selbst, die wir als 
Christus kennen. Alle anderen Eingeweihten waren in gewisser Weise 
Vorlaufer des Christus, es waren Vorausgesandte, die auf das Er- 
scheinen des Christus hinwiesen. 

Es soil die Erscheinung der Christus-Gestalt jetzt einmal geschil- 
dert werden. Denken wir uns einen Menschen, der nie etwas gehort 
hatte von dem Christus, welcher niemals die Geheimnisse des Jo- 
hannes-Evangeliums in sich hatte aufnehmen konnen, der niemals 
sich hatte sagen konnen: Ich will dem Christus, der da lebt und 
wirkt, nachleben, seine Grundsatze will ich aufnehmen in meine We- 



senheit. - Denken wir uns also, der Christus ware einem solchen 
niemals nahegetreten, er wiirde jenen Schatz nicht mit in die geistige 
Welt nehmen konnen, den der Mensch heute mitnehmen muB, wenn 
er die Verdunkelung seines BewuBtseins vermeiden will. Dasjenige, 
was der Mensch mitnimmt als Christus-Vorstellungen, das ist eine 
Kraft, die das BewuBtsein nach dem Tode hell macht, die den Men- 
schen errettet vor dem Schicksal, das die Menschen gehabt hatten, 
wenn nicht Christus erschienen ware. Wenn Christus nicht erschienen 
ware, so wiirde das Menschenwesen zwar erhalten bleiben, aber das 
BewuBtsein wiirde sich nach dem Tode nicht erhellen konnen. Das 
ist dasjenige, was dem Auftreten des Christus die eigentliche Bedeu- 
tung gibt, daB dem Wesenskern des Menschen etwas einverleibt wird, 
was eine weite Bedeutung hat. Das Ereignis von Golgatha bewahrt 
den Menschen vor dem geistigen Tode, wenn er es mit seinem eigenen 
Wesen identifiziert, 

Wir diirfen nun nicht glauben, daB die anderen groBen Menschheits- 
fiihrer nicht eine ahnliche Bedeutung hatten. Es handelt sich nicht 
darum, daB ein ausschliefiliches Dogma fiir das Christentum in An- 
spruch genommen werden soil. Das ware ein VerstoB gegen das wahre 
Christentum, denn derjenige, der die Tatsachen kennt, der weiB, 
daB auch in den alten Mysterien das Christentum gelehrt worden ist. 
Und ein solches Wort, wie Augustinus es sprach, ist tief wahr: 
«Was man gegenwartig die christliche ReUgion nennt, bestand schon 
bei den Alten und fehlte nicht in den Anfangen des Menschenge- 
schlechtes, bis Christus im Fleische erschien, von wo an die wahre 
Religion, die schon vorher vorhanden war, den Namen der christ- 
lichen erhielt.» Es kommt nicht darauf an, daB man es so nennt, son- 
dern daB man recht versteht die Bedeutung des Christus-Impulses. 
Und wie der Christus die Gestalt war, die auftrat beim tiefsten Punkt 
der Entwickelung, so war es auch bei Buddha, Hermes und den 
anderen groBen Wesenheiten so, daB sie durchaus das prophetische 
BewuBtsein hatten, daB der Christus kommen werde, daB er in ihnen 
selber lebte. 

Insbesondere konnen wir das sehen, wenn wir es an der Gestalt 
des Buddha studieren, und wir miissen uns klarmachen, was er war. 



Was war denn Buddha eigentlich? Wir miissen da etwas beriihren, 
was nur unter Schulern der Geisteswissenschaft gesagt werden kann. 
Die Menschen, auch die Theosophen, stellen sich die Geheimnisse 
der Reinkarnation gewdhnlich viel zu einfach vor. Man darf sich 
nicht vorstellen, daB irgendeine Seele, die heute in ihren drei Leibern 
verkorpert ist, einfach in einer vorhergehenden Inkarnation sich ver- 
korperte und dann wieder in einer vorhergehenden Inkarnation, der 
dann wieder eine solche voranging, immer nach demselben Schema. 
Die Geheimnisse liegen viel komplizierter. Trotzdem sich H. P. 
Blavatskj viel Miihe gab, ihren intimen Schiilern zu zeigen, wie kom- 
pliziert diese Geheimnisse liegen, wird das heute doch noch nicht 
richtig verstanden. Man stellt sich einfach vor, daB eine Seele immer 
wieder in einen Korper geht. So einfach liegt das nicht. Wir konnen 
oftmals eine historische Gestalt nicht in ein solches Schema bringen, 
wenn wir sie richtig verstehen wollen. Wir miissen da vielfach viel 
komplizierter zu Werke gehen. 

Wir treffen schon in der Atlantis Wesen, die um den Menschen 
herum sind wie die heutigen Mitmenschen, die der Mensch dann aber 
sah und kennenlernte, wenn er leibentriickt war oben in der gei- 
stigen Welt. Es ist schon gesagt worden, wie er da den Thor, den 
Zeus, den Wotan, den Baldur als wirkliche Genossen kennengelernt 
hat. Bei Tage lebte er in der physischen Welt, aber im anderen Be- 
wuBtseinszustand lernte er geistige Wesenheiten kennen, die nicht 
denselben Entwickelungsgang durchmachten wie er. Der Mensch 
hatte in der Urzeit der Erde auch noch nicht einen so dichten Leib 
wie heute; von einem Knochengeriist war in einer bestimmten Zeit 
noch keine Rede. Den adantischen Leib hat man nur bis zu einem 
gewissen Grade mit physischen Augen sehen konnen. Aber es gab 
Wesen, die nur soweit herunter kamen, daB sie sich durchaus nur in 
einem Atherleibe inkarnierten. Dann gab es Wesen, die damals, als 
die Luft noch durchsetzt war von Wasserdiinsten, sich noch verkor- 
perten. Damals, als der Mensch noch in der Wasser-Nebel-Atmo- 
sphare lebte, waren ihnen diese Verkorperungen noch moglich. Eine 
solche Gestalt war zum Beispiel der spatere Wotan. Er sagte sich: 
Wenn der Mensch sich so verkorpert in dieser lichtflussigen Materie, 



dann kann ich das auch tun. - Es nahm ein solches Wesen Menschen- 
gestalt an und ging in der physischen Welt herum. Aber als dann die 
Erde immer dichter wurde und auch der Mensch immer dichtere 
Formen annahm, da sagte sich Wotan : Nein, in diese dichte JMaterie 
gehe ich nicht hinein. - Er blieb dann in unsichtbaren Welten, in 
erdenentriickteren Welten. Das war uberhaupt so mit den gottlich- 
geistigen Wesen. 

Von da an konnten sie aber etwas anderes tun. Dafvir konnten sie 
mit Menschen, die ihnen entgegenkamen, die sich von unten herauf 
entwickelten, mit denen konnten sie eine Art Verbindung eingehen. 
Denken wir uns das so : Der Entwickelungsgang des Menschen war 
so, dafi er auf dem tiefsten Punkt der Entwickelung ankam. Bis zu 
diesem Punkte gingen die Gotter in Gemeinschaft mit den Menschen 
mit. Dann aber schlugen Sie einen anderen Weg ein, der fur die Men- 
schen auf dem physischen Plan unsichtbar war. Aber wenn es Men- 
schen gab, die ein Leben nach der Anordnung von Eingeweihten 
fuhrten und die dadurch ihre feineren Leiber lauterten, dann kamen 
sie den Gottern gewissermaBen entgegen; so daB der Mensch, der 
im Fleisch verkorpert war, wenn er sich lauterte, das so tun konnte, 
daB er imstande war, iiberschattet zu werden von einem solchen We- 
sen, das nicht bis zum physischen Leibe heruntersteigen konnte. Der 
physische Leib ware zu grob gewesen fur ein solches Wesen. Fur einen 
solchen Menschen trat das ein, daB der Astralleib und der Ather- 
leib durchsetzt wurden von einem solch hoheren Wesen, das sonst 
keine Menschengestalt fur sich selber gehabt hat, das aber in ein 
anderes Wesen hineinfuhr und durch ein anderes Wesen sich ver- 
kiindete. 

Wenn wir diese Erscheinung kennen, dann werden wir uns die 
Inkarnation doch nicht so einfach vorstellen. Es kann durchaus einen 
Menschen geben, der die Wiederverkorperung eines fruheren Men- 
schen ist, der sich hoch entwickelt hat, der seine drei Leiber soweit 
gelautert hat, daB er nun einGefaB ist einer hoheren Wesenheit. Und so 
wurde Buddha ein GefaB fur Wotan. Dieselbe Wesenheit, die Wotan 
genannt wurde in den germanischen Mythen, die trat als Buddha 
wieder auf. Buddha und Wotan sind sogar sprachlich verwandt. 



Wir konnen sagen, daB vieles von demjenigen, was die Geheim- 
nisse der atlantischen Zeit waren, damit iiberging auf das, was der 
Buddha verkiindigen konnte. Und damit stent es im Einklange> daB 
dasjenige, was der Buddha erlebte, etwas 1st, was die Gotter erlebt 
hatten in jenen geistigen Spharen, was auch die Menschen erlebt 
hatten, als sie noch selbst in jenen Spharen waren. Als so die Lehre 
des Wotan wieder auftrat, da war sie eine Lehre, die wenig Riicksicht 
nahm auf den physischen Plan, die nur betonen muBte, daB der phy- 
sische Plan eine Statte des Schmerzes ist und daB die Erlosung davon 
viel bedeute - denn es sprach viel von der Wotanwesenheit im Buddha. 
Deshalb haben das tiefste Verstandnis fur die Buddhalehren diejenigen 
gezeigt, die Nachziigler waren aus der Atlantis. Es sind unter der 
asiatischen Bevolkerung solche zuriickgeblieben, die als Rassen durch- 
aus stehengeblieben sind auf der atlantischen Stufe. Natiirlich muBten 
sie auBerlich mit der Erdenentwickelung fortschreiten. In den mongo- 
lischen Volkern ist viel von der Atlantis zuriickgeblieben; sie sind 
Nachzugler der alten Bevolkerung der Atlantis. Der stationare Zug in 
der mongolischen Bevolkerung ist eine solche Erbschaft aus der At- 
lantis. Daher dienen die Lehren des Buddha vorzugsweise solchen 
Volkerschaften, und der Buddhismus hat groBe Fortschritte bei diesen 
Volkern gemacht. 

Die Welt schreitet fort, sie geht ihren Gang. Derjenige, der hin- 
einschauen kann in die Weltenentwickelung, der wahlt nicht, der sagt 
nicht y ich habe mehr Geschmack an diesem oder jenem, der sagt: Das 
sind geistige Notwendigkeiten, welche Religion ein Volk hat. Und da- 
durch, daB die europaische Bevolkerung sich in die physische Welt 
verstrickte, dadurch ist es ihr unmoglich, sich hineinzufuhlen in den 
Buddhismus, sich zu identiflzieren mit dem Innersten der Lehre des 
Buddha. Der Buddhismus konnte niemals eine Menschheitsreligion 
werden. Fur denjenigen, der sehen will, gibt es da keine Sympathie 
oder Antipathie, sondern nur ein Urteilen nach den Tatsachen. Ebenso 
falsch, wie es ware, aus einem Zentrum Asiens heraus, wo noch andere 
Volker sitzen, das Christentum ausbreiten zu wollen, ebenso falsch 
ist der Buddhismus fur die europaische Bevolkerung. Keine Religions- 
anschauung ist richtig, die nicht fur die innersten Bedurfnisse der 



Zeit geschaffen ist; eine solche kann niemals einen Kulturimpuls 
geben. Das sind Dinge, die man begreifen muB, wenn man die Zu- 
sammenhange wirklich verstehen will. 

Aber man darf nicht glauben, daB die historische Erscheinung des 
Buddha sich alles dessen bewufit gewesen ware, was in seiner Er- 
scheinung vorlag. Wenn ich das alles auseinandersetzen wollte, brauchte 
ich mehrere Stunden dazu. Wir haben die Kompliziertheit des histo- 
rischen Buddha noch lange nicht erschopft. In dem Buddha lebte 
noch etwas. Es ist nicht nur eine Wesenheit, die heriiberkam aus der 
atlantischen Zeit, und die sich in dem verkorperte, der nebenbei audi 
noch ein menschlicher Buddha war; auBer diesem war in ihm noch 
etwas anderes enthalten, etwas, von dem er sagen konnte : Das kann 
ich noch nicht umfassen, das ist etwas, was mich beseelt, aber ich 
nehme nur daran teil. - Das ist die Christus-Wesenheit. Sie beseelte 
schon die groBen Propheten. Sie war eine wohlbekannte Wesenheit in 
den alteren Mysterien, und immer wies man uberall auf den hin, der 
da kommen werde. 

Und er kam ! Aber er kam wiederum, indem er sich fugte den histo- 
rischen Notwendigkeiten, welche der Evolution zugrundeliegen. In 
einem physischen Leibe hatte er sich ohne weiteres nicht verkorpern 
konnen. Es war noch moglich, daB er sich wie in einer Art Unter- 
bewuBtsein verkorpern konnte in dem Buddha. Aber wandelnd auf der 
Erde konnte er sich nur verkorpern, wenn ein physischer Leib und 
ein Atherleib und ein Astralleib besonders zubereitet waren. Der 
Christus hatte die groBte Kraft der Wirkung, aber verkorpern konnte 
er sich nur, wenn ein physischer Leib, Atherleib und Astralleib durch 
eine andere Wesenheit vollstandig gelautert und gereinigt worden wa- 
ren. Und so konnte die Verkorperung des Christus nur so geschehen, 
daB eine Wesenheit auftrat, die sich so hoch entwickelt hatte. Das 
war Jesus von Nazareth. Er war so hoch gekommen in seiner Ent- 
wkkelung, daB er in der Lage war, wahrend seines Lebens seinen 
physischen Leib, Atherleib und Astralleib so zu lautern, daB es ihm 
moglich war, im dreiBigsten Jahre seines Lebens diese Leiber zu ver- 
lassen, aber so, daB sie noch lebensfahig, noch brauchbar waren fur 
eine hohere Wesenheit. 



Oft, wenn ich dies ausgesprochen habe, daB eine hohe Stufe der 
Entwickelung notwendig war, damit Jesus seine Leiber opfern konnte, 
machten die Menschen einen sehr merkwiirdigen Einwand: Aber 
das sei doch gar kein Opfer, was konne man sich Schoneres denken ? 
Man konne doch nicht von einem groBen Opfer sprechen, wenn es 
sich darum handelte, einer so hohen Wesenheit seine Leiber zu iiber- 
lassen. - Ja, schon ist es auch, und es ware das Opfer nicht groB, 
wenn man es so abstrahierte. Aber man mochte antworten: Man mache 
es einmal so ; das Opfer wolle wohl jeder bringen, aber man wolle es 
einmal probieren. - Es ist notig, ungeheure Krafte zu haben, um seine 
Leiber so zu lautern, daB man sie lebensfahig verlassen kann. Um 
diese Krafte zu erlangen, dazu sind die Opfer notwendig. Jesus von 
Nazareth muBte schon eine auBerordentlich hohe Individualitat sein, 
damit er das konnte. Das Johannes-Evangelium deutet an, wann Jesus 
seinen physischen Leib, Atherleib und Astralleib verlieB und einging 
in die geistige Welt und das Christus-Wesen hineinfuhr in die drei- 
fache Leiblichkeit. Das geschah bei der Taufe des Jesus im Jordan. 
Da geschah etwas sehr Bedeutungsvolles in der Leiblichkeit des Jesus 
von Nazareth. Wiederum muB das, was ich jetzt sage, ein Greuel sein 
fur ein materialistisches Gemiit. Es ging etwas Besonderes vor, selbst 
in dem physischen Leibe des Jesus von Nazareth. Wenn wir das ver- 
stehen wollen, was da vorging in dem Moment der Taufe, als der 
Christus in den Jesus hineinfuhr, da miissen wir uns eines einmal 
vor die Seele fuhren, was recht sonderbar erscheinen wird, aber doch 
wahr ist. 

Im Laufe der Menschheitsevolution haben sich einzelne Organe 
nach und nach entwickelt, mehr und mehr herausgebildet. Wir ha- 
ben gesehen, wie, als die Organe bis zur Huftmitte gekommen wa- 
ren, bestimmte Strukturen und Funktionen im Menschen eintraten. 
Es ist in diesem immer mehr Selbstandigwerden der menschlichen 
Individualitat auch eine Verhartung des Knochensystems eingetreten. 
Je selbstandiger der Mensch wurde, desto mehr verhartete sich auch 
sein Knochensystem, desto mehr wuchs aber auch die Gewalt des 
Todes. Darauf miissen wir jetzt achten, wenn wir das Folgende in 
der richtigen Weise verstehen wollen. Woran liegt es denn iiber- 



haupt, daB der Mensch sterben muB, daB der Leib ganz und gar ver- 
west? Das liegt daran, daB im menschlichen Leibe etwas verbrannt 
werden kann : die Knochen. Es hat das Feuer eine Gewalt auch iiber 
die menschliche Knochensubstanz. Der Mensch hat keine Gewalt, 
wenigstens keine bewuBte Gewalt iiber seine Knochen. Diese Ge- 
walt liegt noch auBerhalb der Macht des Menschen. In dem Augen- 
blick, in dem in der Jordantaufe der Christus in den Leib des Jesus 
von Nazareth einzog, in dem Augenblick wurde das Knochensystem 
dieser Wesenheit etwas ganz anderes als bei anderen Menschen. Das 
war ein Fall, der sich vorher niemals und auch nachher niemals bis 
auf heute ereignet hat. Es fuhr mit der Christus-Wesenheit in die 
Jesus- Wesenheit etwas herein, das Macht hatte iiber die Krafte, die 
Knochen verbrennen. Heute ist es noch nicht in die Willkiir des 
Menschen gestellt, die Knochen aufzubauen. Diese Gewalt aber griff 
bis in die Knochen hinein. Bis in die Knochen hinein griff die be- 
wuBte Gewalt der Christus-Wesenheit; das gehort zum Sinn der Jo- 
hannestaufe. Damit war in die Erde etwas verpflanzt, was man nennen 
kann die Oberherrschaft iiber den Tod, denn mit den Knochen ist der 
Tod erst in die Welt gekommen. Dadurch, daB die Gewalt iiber die 
Knochen einzog in den menschlichen Leib, damit ist die Uberwindung 
des Todes in die Welt gekommen. Damit wird ein tiefstes Mysterium 
ausgesprochen, damit war ein Heiligstes, ein im hochsten MaBe 
Heiligstes, in das Knochensystem des Jesus von Nazareth durch den 
Christus eingezogen. Daher durfte es nicht angetastet werden. Daher 
muBte sich das Schriftwort erfiillen: Ihr diirft ihm kein Bein zerbre- 
chen. - Da hatte in die Gotteskrafte Menschengewalt eingegriffen. 
Wir sehen hier in ein ganz tiefes Mysterium der Menschheitsentwik- 
kelung. 

Und damit kommen wir zu gleicher Zeit auf einen sehr bedeutungs- 
vollen Begriff des esoterischen Christentums, der uns zeigen kann, 
wie dieses Christentum mit den hochsten Wahrheiten durchtrankt ist. 
Wir kommen zu dem, was uns auBerdem noch in der Taufe entgegen- 
tritt. Dadurch, daB die Christus-Wesenheit von den drei Leibern Besitz 
ergriff, von dem, worin fruher die Ich- Wesenheit des Jesus war, da- 
durch war nun eine Wesenheit mit der Erde verkniipft, die friiher einen 



Wohnplatz gehabt hat auf der Sonne. Bis zu dem Momente war sie 
friiher mit der Erde verbunden gewesen, als die Sonne hinausging 
aus der Erde. Der Christus ist damals mit hinausgegangen und konnte 
seine Gewalt von da an nur entwickeln von auBen auf die Erde herein. 
Im Momente der Taufe vereinigte sich der hohe Christus-Geist im vol- 
len Sinne wieder mit der Erde. Vorher wirkte er von auBen, iiber- 
schattete die Propheten und wirkte in den Mysterien. Jetzt war er in 
einem physischen Menschenleibe auf der Erde selbst verkorpert. Und 
wenn ein Wesen von einem fernen Punkte des Weltenalls durch Jahr- 
tausende hatte heruntersehen konnen, dann wiirde ein solches Wesen, 
das nicht nur die physische Erde gesehen hatte, sondern auch ihre 
geistigen Stromungen, ihren Astralleib und Atherleib, bedeutungs- 
volle Vorgange gesehen haben in dem Moment der Johannestaufe und 
in dem Momente, wo das Blut aus den Wunden Christi floB auf Gol- 
gatha. Der Astralleib der Erde wurde dadurch grundlich verandert. 
Er nahm in diesem Momente etwas anderes auf, nahm andere Farben 
an. Es wurde der Erde eine neue Kraft einverleibt. Das, was friiher 
von auBen wirkte, wurde mit der Erde wieder verbunden, und da- 
durch wird die Anziehungskraft zwischen Sonne und Erde so stark 
werden, dafi sich Sonne und Erde wieder vereinigen werden, und der 
Mensch mit den Sonnengeistern. Der Christus war es, der die Moglich- 
keit gab, daB die Erde sich wieder vereinigen kann mit der Sonne 
und dann im SchoBe der Gottheit ist. 

Das ist der Vorgang, der sich vollzog, und seine Bedeutung. Dies 
muBten wir vorausschicken, um verstandlich zu machen, welch Bedeu- 
tungsvolles in die Erde eintrat mit dem Christus. Und wir konnen 
dadurch begreifen, wie in der Tat durch die Vereinigung mit dem 
Christus der Mensch etwas aufnehmen kann, wodurch das BewuBt- 
sein des Menschen nach dem Tode wieder aufgehellt werden kann. 
Wenn wir uns das vor Augen halten, dann werden wir auch begreifen 
konnen, wie eine Evolution da ist fur die Zeit zwischen Tod und 
neuer Geburt. Fragen wir nun, um wessentwillen das alles geschehen 
ist eigentlich? 

Erst lebte der Mensch im SchoBe der Gottheit. Dann stieg er her- 
unter auf den physischen Plan. Ware er oben geblieben, er hatte nie- 



mals sein heutiges SelbstbewuBtsein erlangt. Er hatte nie ein Ich 
erhalten. Nur im physischen Leibe konnte er das SelbstbewuBtsein 
in seiner hellen Klarheit entfachen. Es muBten auBere Gegenstande 
ihm entgegentreten, er mufite sich unterscheiden konnen von den 
Gegenstanden, er muBte hinuntersteigen in die physische Welt. Nur 
urn des Ichs des Menschen willen ist es geschehen, daB der Mensch 
heruntergestiegen ist. Der Mensch ist seinem Ich nach von den Got- 
tern abstammend. Es ist heruntergestiegen aus der geistigen Welt; es 
ist geschmiedet worden an den physischen Leib, damit es hell und klar 
werden kann. Gerade das, was als die verhartete Materie des Menschen- 
leibes aufgetreten ist, das hat dem Menschen sein selbstbewuBtes Ich 
gegeben, das hat ihm moglich gemacht, sich Erkenntnis zu erwerben. 
Es hat ihn aber auch geschmiedet an die Erdenmasse, an die Felsen- 
masse. 

Der Mensch hatte, bevor er sein Ich erlangte, physischen Leib, 
Atherleib und Astralleib erlangt. Als sich in diesen drei Leibern nach 
und nach das Ich entwickelte, gestaltete es diese drei Leiber um. Man 
muB sich dabei klarmachen, daB an dem physischen Leibe alle hohe- 
ren Glieder des Menschen arbeiten. DaB der physische Leib so ist, das 
hangt davon ab, daB Atherleib, Astralleib und Ich an ihm arbeiten. 
Alle Organe des physischen Leibes hangen in einer gewissen Weise 
davon ab, daB auch die hoheren Glieder verandert worden sind. Die 
zunickgebliebenen Wesenheiten sind zu den verschiedenen Tierfor- 
men geworden, zum Beispiel zu den Vogeln, durch Dominieren des 
Astralleibes. Dadurch, daB das Ich immer selbstbewuBter wurde, hat 
es auch den Astralleib verandert. Es ist schon gesagt worden, daB 
sich Menschen absonderten. Dasjenige, was man als apokalyptische 
Tiere bezeichnet, sind Typen, bei denen dieses oder jenes hohere Glied 
die Oberhand hat. Das Ich hat die Oberhand erhalten bei den Mensch- 
Menschen. Nun sind alle Organe angepafit den hoheren Gliedern des 
Menschen. Indem das Ich einzog in den Astralleib, diesen ganz durch- 
trankte, haben sich in dem Menschen und in den Tieren, die sich 
spater abzweigten, gewisse Organe gebildet. So zum Beispiel riihrt ein 
bestimmtes Organ davon her, daB uberhaupt ein Ich eingezogen ist 
auf der Erde. Auf dem Monde war kein Ich verkniipft mit den Wesen 



der Menschheitsevolution. Gewisse Organe hangen zusammen mit 
dieser Entwickelung : die Galle und die Leber. Die Galle ist der phy- 
sische Ausdruck des Astralleibes. Sie ist nicht mit dem Ich verkniipft, 
aber das Ich wirkt auf den Astralleib, und aus dem Astralleibe wirken 
die Krafte auf die Galle. 

Jetzt fassen wir das ganze Bild zusammen, welches der Eingeweihte 
dem Agypter so klarmachte: Der Ich-bewuBte Mensch ist gefesselt 
worden an den Erdenkorper. Stelle dir vor den Menschen, gefesselt 
von den Erdenfelsen, das heiBt, gefesselt an den physischen Leib - 
und in der Evolution ist etwas entstanden, was nagt an seiner Un- 
sterblichkeit ! Stelle dir die Funktionen vor, welche die Leber bewirkt 
haben: sie sind dadurch entstanden, daB der Leib geschmiedet wurde 
an den Felsen der Erde. Da nagt der Astralleib daran. 

Das ist das Bild, das in Agypten dem Schiiler gegeben wurde, und 
das heriibergewandert ist nach Griechenland als die Prometheussage. 
Nicht mit groben Handen muB man einen solchen Mythus anfassen. 
Man darf ein solches Bild nur nicht wie einen Schmetterling des 
Staubes berauben. Wir mussen den Staub an den Fliigeln lassen, wir 
mussen den Tau auf der Blute lassen. Diese Bilder lassen sich nicht 
zerren und qualen. Wir diirfen nicht sagen : Prometheus bedeutet dies 
oder jenes ; wir mussen versuchen, die wirklichen okkulten Tatsachen 
hinzustellen, und dann versuchen die Bilder zu verstehen, die ent- 
standen sind aus den okkulten Tatsachen heraus und die iibergegan- 
gen sind in das BewuBtsein des Menschen. 

Der agyptische Eingeweihte fiihrte seinen Schiiler bis zu der Stufe, 
wo er begreifen konnte die Ich-Entwickelung des Menschen. Ein sol- 
ches Bild sollte seinen Geist formen. Die Tatsachen aber sollte der 
Schiiler nicht mit groben Fausten anfassen, sondem das Bild sollte 
licht und lebendig vor ihm stehen, und der agyptische Eingeweihte 
wollte nicht banale, trockene Begriffe hineinpressen in Wahrheiten, 
sondern etwas in Bildern darstellen, was er geben konnte. Vieles hat 
bei der Prometheussage die Dichtung getan, hat verschonert und hat 
verziert, und wir diirfen nicht mehr hineinlegen, als die okkulten Tat- 
sachen sind, und dem nur kiinstlerischen Tun seine feinen Gestaltungs- 
krafte lassen. 



Nun wollen wir noch auf etwas anderes hindeuten. Der Mensch, 
als er auf der Erde ankam, war noch nicht Ich-begabt. Bevor das Ich 
in den Astralleib hineingeheimniBt worden ist, hatten andere Krafte 
von dem Astralleib Besitz. Dann ist der lichtfliissige Astralleib durch- 
zogen worden von dem Ich. Bevor das Ich darinnen war, waren die 
astralen Krafte von den gottlich-geistigen Wesen von auBen hinein- 
gesendet worden in den Menschen. Der Astralleib war auch da, aber 
durchgluht von gottlich-geistigen Wesen. Rein und hell war der 
Astralleib und urnnoB dasjenige, was als physischer und Atherleib als 
Anlage da war. Er umfloB und durchfloB es; rein war der FluB des 
Astralleibes. Mit dem Eintritt des Ich aber war der Egoismus hinein- 
getreten, und verdunkelt war der Astralleib worden, verloren war der 
reine GoldfluB des Astralleibes, immer mehr war er verloren, bis der 
Mensch heruntergestiegen war auf den tiefsten Punkt des physischen 
Planes in der griechisch-lateinischen Zeit. 

Da muBten die Menschen daran denken, wieder zu gewinnen den 
reinen FluB des Astralleibes, und es entstand in den Eleusinischen 
Mysterien dasjenige, was man nannte : das Suchen nach der urspriing- 
lichen Reinheit des Astralleibes. Den Astralleib wieder in seinem ur- 
spriinglich reinen GoldfluB herzustellen, das wollten die Eleusinischen 
Mysterien, das wollten auch die Agypter. Das Suchen nach dem golde- 
nen FluB war eine der Proben der agyptischen Einweihungen : und 
das ist uns erhalten in der wunderbaren Sage des Aufsuchens des 
Goldenen Vlieses durch Jason und die Argonauten. 

Wir haben die Entwickelung gesehen: Als die unteren Organe noch 
in ihrer Form den Kahnen glichen, von denen wir gesprochen haben, 
da hatte der astralische Leib in der Wassererde noch den goldenen 
Glanz. In der Wassererde hatte der Mensch seinen golddurchleuchte- 
ten Astralleib. Das Suchen nach diesem Astralleib ist dargestellt in 
dem Argonautenzug. Das Suchen nach dem Goldenen Vlies miissen 
wir in einer feinen, subtilen Weise zusammenbringen mit der agyp- 
tischen Mythe. 

AuBere historische Tatsachen sind verknupft mit geistigen Tatsa- 
chen. Man darf nicht glauben, daB das bloB Symbol ist. Der Argo- 
nautenzug hat wirklich stattgefunden, geradeso wie der Trojanische 



Krieg stattgefunden hat. AuBere Vorgange sind Physiognomien fur 
innere Vorgange; alles das sind historische Vorgange. Immer wieder 
bci den griechischen Einzuweihenden hat innerlich die historische 
Tatsache stattgefunden: der Zug nach dem Goldenen Vlies, die Er- 
ringung des reinen Astralleibes. 

Das ist dasjenige, was wir uns vor die Seele fiihren wollten, und 
von wo ausgehend wir noch einiges aus den Mysterien kennenlernen 
und dann finden werden, wie die agyptischen Mysterien mit dem heu- 
tigen Leben zusammenhangen. 



ELFTER VORTRAG 
Leipzig, 13. September 1908 

Wir haben an verschiedenen Punkten unseres Vortragszyklus die Tat- 
sachen der nachatlantischen Entwickelung hinzustellen versucht und 
angedeutet, daB in unserer Zeit eine Art Wiederholung, Wiederauf- 
erstehung stattfindet der Erlebnisse, die von der Menschheit durch- 
gemacht wurden wahrend der agyptisch-chaldaischen Kultur. Jetzt 
wollen wir nur schematisch andeuten fur diese beiden Zeitraume, was 
wir fur die anderen schon angedeutet haben. Es ist gesagt worden, 
daB der indische Zeitraum sich wiederholen wird im siebenten Zeit- 
raum, der persische im sechsten Zeitraum, der agyptische in unserem 
Zeitraum, und daB der vierte, der griechisch-lateinische Zeitraum so- 
zusagen fiir sich dasteht. Wir wollen nun schematisch andeuten, in- 
dem wir durch eine Linie die agyptische und unsere Zeit verbinden, 
wieso eine gewisse Auferstehung von auBeren und inneren Erlebnis- 
sen zu sehen ist, indem wir unsere Zeit zur agyptischen Zeit in Be- 
ziehung setzen. 

Wir haben gesehen, daB geheimnisvolle Krafte bestehen in den gei- 
stigen Welten, denen gewisse andere in der physischen Welt entspre- 
chen, die bewirken, daB diese Wiederholungen eintreffen. So entstehen 
Auferstehungen von auBeren und inneren Erlebnissen. Zwischendrin, 
in der Mitte, steht fur sich der griechisch-lateinische Zeitraum, in dem 
der Christus erschien auf der Erde und wo sich das Mysterium von 
Golgatha vollzog. Es ist auch darauf aufmerksam gemacht worden, 
daB sich nicht nur die auBeren Entwickelungsverhaltnisse auf dem 
physischen Plan verandert haben, sondern daB auch die Verhaltnisse 
in der geistigen Welt andere geworden sind. Ich habe darauf hinge- 
wiesen, wie anders die Seele des Menschen war in der agyptischen 
Zeit, als sie auf die gigantischen Pyramiden schaute, und wie anders 
die Seele war, als sie wiederverkorpert war in der griechisch-lateini- 
schen Zeit, und wie anders die Seele in unserer Zeit empfindet. Wir 
haben gesehen, dafi nicht nur dieses stattfindet, sondern daB auch fiir 
den Zeitraum zwischen dem Tod und einer neuen Geburt in dem 



Kamaloka und dem Devachan eine Art von Fortschritt, von Ver- 
wandlung geschieht, so da6 die Seele nicht das gleiche erlebt, wenn 
sie aus einem agyptischen oder aus einem griechischen oder aus einem 
jetzigen Leibe in das Kamaloka oder Devachan eingeht. AuBen andert 
sich die Welt des physischen Planes, aber auch im Geistigen, in der 
geistigen Welt geschieht ein Fortschritt, auch da erlebt die Seele immer 
wieder etwas Verschiedenes. 

Nun werden wir vor alien Dingen auch vom Standpunkte dieses 
Jenseits - wenn wir es so nennen wollen - einmal die gewaltige Er- 
scheinung des Christus auf unserer Erde heute zu betrachten haben. 
Wir werden uns heute in einer viel tieferen Weise die Frage vorlegen : 
Welche Bedeutung hat das Auftreten des Christus auf unserer Erde, 
welche Bedeutung hat die Erscheinung des Christus fur die verstorbe- 
nen Seelen, fur das Leben auf der anderen Seite, auf der geistigen 
Seite des Daseins? Dazu miissen wir verschiedenes vorausschicken, 
was sich diesseits und jenseits des physischen Planes in der agyptischen 
Periode fur die Seelen abgespielt hat. 

Aus allem, was wir iiber die friiheren grofien Epochen der Erden- 
entwickelung verfolgt haben, konnen wir entnehmen, dafi der agyp- 
tisch-chaldaische Zeitraum eine Erkenntnis- und Erlebnisspiegelung 
geboten hat dessen, was sich in der lemurischen Zeit abgespielt hat, 
was sich abspielte auf der Erde wahrend und nach dem Herausgehen 
des Mondes. Dasjenige, was die Menschen da erlebten, das erlebten 
sie wie eine Erinnerung in dem, was die agyptischen Eingeweihten 
den Menschen gaben. Der agyptische Eingeweihte selbst erlebte wah- 
rend seiner Initiation Ereignisse, die sonst der Mensch erst erleben 
kann, wenn er die Pforte des Todes durchschreitet. Allerdings erlebte 
der agyptische Eingeweihte das in einer anderen Art als ein ge- 
wohnlicher verstorbener Mensch. Er erlebte das anders und noch 
viel dazu. 

Es ist nun gut, wenn wir als Bausteine dieser Betrachtungen mit 
wenigen Worten das Wesen der agyptischen Einweihung bezeichnen. 
Das Wesen dieser Einweihung unterscheidet sich sehr von dem Wesen 
der Einweihung in der Zeit nach Christus. Denn durch dessen Er- 
scheinen ist die Einweihung wesentlich verandert worden. 



Wir haben gesehen, da6 die Menschen immer mehr und mehr in die 
materielle Welt steigen muBten, immer mehr Interesse gewinnen muB- 
ten an der physischen Welt. In demselben MaBe aber wurden die Er- 
lebnisse zwischen Tod und einer neuen Geburt in der geistigen Welt 
schattenhafter, blasser. Je lebendiger das BewuBtsein der Menschen 
in der physischen Welt wurde, je lieber sie da waren, je mehr sie die 
Gesetze fur den physischen Plan entdeckten, desto schattenhafter 
wurde ihr BewuBtsein in der geistigen Welt. Und seinen Tiefstand 
hat das BewuBtsein in der geistigen Welt erlebt in der griechisch- 
lateinischen Zeit. Aber bevor der Mensch ganz heruntergestiegen war 
in diese materielle Tiefe, war es ihm nicht moglich, innerhalb des 
physischen Leibes vollstandig das zu erleben, was man erleben mufi, 
wenn man innerhalb des Zeitraumes zwischen Geburt und Tod einen 
Einblick gewinnen will in die geistige Welt. 

Der Einweihungsvorgang laBt sich kurz charakterisieren, und zwar 
bezieht sich das auf jede, auf die vor- und nachchristliche Einweihung, 
nur der SchluB ist ein veranderter. Die Einweihung ist nichts anderes, 
als daB der Mensch die Fahigkeit gewinnt, in seinen hoheren Leibern 
Schauorgane zu entwickeln. Der Mensch sieht heute in der Nacht 
Finsternis, es ist dunkel um ihn. Das kommt daher, daB der Mensch 
in seinem Astralleibe keine Wahrnehmungsorgane hat. Es miissen, 
ebenso wie die Augen und Ohren als physische Wahrnehmungs- 
organe sich gebildet haben, aus den hoheren Wesensgliedern iiber- 
sinnliche Organe entwickelt und ihnen eingegliedert werden. Das 
geschieht dadurch, daB dem Schiiler gewisse Ubungen der Medita- 
tion und Konzentration gegeben werden. Diese Ubungen macht der 
Mensch durch, nachdem er zunachst einen Oberblick gewonnen hat 
iiber dasjenige, was von Eingeweihten als Kunde gegeben werden 
kann von den geistigen Welten. Das ist immer geschehen, daB die 
Schiiler dasjenige lernen muBten, was wir heute elementare Geistes- 
wissenschaft nennen. Man sah viel strenger darauf, daB in einer regel- 
maBigen Stufenleiter die Schiiler die Wahrheiten kennenlernen konn- 
ten. Wenn eine geniigende theoretische Vorbereitung vorhanden war, 
und die Schiiler reif dazu waren, wurden ihnen die Ubungen gegeben. 
Diese Ubungen haben einen ganz bestimmten Zweck. 



Wenn der Mensch im Tagesleben die Eindriicke der Sinne auf sich 
wirken laBt, so sind diese Eindriicke allerdings so, daB sie Friichte 
bringen fur das gewohnliche Leben auf dem physischen Plan. Diese 
Eindriicke setzen sich fort in den Astralleib des Menschen, und dieser 
ubertragt sie erst auf das Ich. Aber diese Eindriicke sind nicht solche, 
daB der Mensch imstande ist, sie festzuhalten, wenn er in der Nacht 
mit seinem Astralleibe und Ich aus seinem physischen und atherischen 
Leibe schliipft. Was der Mensch so vom physischen Plane bekommt, 
dringt nicht so stark in ihn ein, daB er es als bleibenden Eindruck 
behalten kann. Dann aber, wenn der Mensch die Ubungen der Medi- 
tation und Konzentration macht, dann sind diese so eingerichtet nach 
jahrtausendealter Erfahrung, daB der Astralleib sie nicht verliert, son- 
dern behalt, wenn er nachts aus dem physischen Leibe schliipft. Dann 
bekommt der Astralleib dadurch plastische Eindriicke, die ihn gliedern 
und formen, so wie die physischen Organe gegliedert worden sind. 
So wird durch gewisse Zeiten hindurch durch diese Obungen an dem 
Astralleibe gearbeitet. Dadurch pragen sich die iibersinnlichen Schau- 
organe dem Astralleibe ein. Es wiirde nun der Mensch doch noch 
lange nicht seine Schauorgane gebrauchen konnen, wenn sie sich nur 
dem Astralleibe einpragen wiirden. Es muB mehr geschehen, damit 
der Astralleib, wenn er in den Atherleib zuriickkehrt, dasjenige, was 
in ihm sich gebildet hat, eindriickt dem Atherleibe wie Siegelabdriicke. 
Erst in dem Augenblick, wo in dem Atherleibe sich abdriickt, was 
in dem Astralleibe sich gebildet hat, erst dann tritt auf die Erleuch- 
tung, die erst moglich macht, daB der Mensch die geistige Welt sieht, 
wie er heute die physische Welt sieht. 

Hier beginnt man zu begreifen dasjenige, was wir als einen Impuls 
bekommen haben durch das Erscheinen Christi auf Erden. In den alten 
Einweihungen war es so, daB der Astralleib nur die Kraft hatte auf 
den Atherleib zu wirken dann, wenn der Atherleib herausgehoben 
war aus dem physischen Leibe. Das geschah deswegen, weil in dieser 
Zeit der Atherleib, verbunden mit dem physischen Leibe, zu groBen 
Widerstand geleistet hatte, als daB in ihn sich eingepragt hatte das- 
jenige, was der Astralleib in sich gebildet hatte. Daher wurde in den 
alten Einweihungen durch einen Zeitraum von dreieinhalb Tagen der 



Einzuweihende in einen todahnlichen Zustand versetzt, in dem der 
physische Leib vom Atherleib verlassen war, und der Atherleib, be- 
freit vom physischen Leibe, sich mit dem Astralleib verband. Und 
dieser pragte nun dem Atherleibe dasjenige ein, was ihm selbst einge- 
pragt worden war durch die Ubungen. Wenn dann der Hierophant 
den Einzuweihenden wiedererweckte, dann war dieser ein Erleuchte- 
ter, dann wuBte er, was in der geistigen Welt vorgeht, denn er hatte 
wahrend der dreieinhalb Tage einen merkwiirdigen Gang getan. Er 
war durch die Gefilde der geistigen Welt gefuhrt worden, er hatte 
gesehen, was da vorgeht, er hatte durch die Erfahrung erlebt, was 
ein anderer Mensch nur durch die Offenbarung erfahren kann. So daB 
ein solcher, der eingeweiht worden war, aus seinen eigenen Erlebnis- 
sen heraus Kunde geben konnte von den Wesen, die in der geistigen 
Welt, jenseits des physischen Planes waren. 

So war dem Menschen Kunde geworden von demjenigen, was man 
erlebte in der geistigen Welt, als der Mensch noch nicht so tief her- 
untergestiegen war auf den physischen Plan. Da war der Einzuwei- 
hende bekanntgeworden mit der wahren Gestalt des Osiris, der Isis 
und des Horus. Dasjenige, was Mythe war, sah der Eingeweihte wah- 
rend dieses Ganges in die geistige Welt. Das vermochte er den ande- 
ren Menschen nun zu sagen, indem er es in die Mythen und Sagen 
kleidete. Er sah das alles; er sah, wie eigenartig die Wirkungen des 
Osiris sich gestaltet hatten, als der Mond von der Erde sich getrennt 
hatte. Er sah das Hervorgehen des Horus aus Isis und Osiris ; er sah 
die vier Menschentypen, den Stiertypus, den Lowentypus, den Adler- 
typus und den eigentlichen Menschentypus. Er sah auch die Schick- 
sale des Menschen zwischen Tod und einer neuen Geburt. Die Sphinx 
war ihm als eine wirkliche Gestalt entgegengetreten, er erlebte sie. Er 
konnte sagen: Oh, ich habe gesehen die Sphinx, den Menschen, wie 
er noch eine tierahnliche Gestalt hatte, und sein Atherleib, menschen- 
ahnlich, nur herausragte aus dieser tierahnlichen Gestalt. - Die Sphinx 
ist ein wirkliches Erlebnis gewesen fur den Eingeweihten. Er horte 
auch die Frage der Sphinxi mit ihrem ratselhaften Inhalt. Er sah, wie 
sich vorbereitete der Menschenleib aus der Tierheit heraus, in einer 
Zeit, wo der Kopf nur atherisch angelegt war, der Atherkopf der 



Sphinx. Das war eine Wahrheit fur den Eingeweihten, aber ebensogut 
waren auch eine Wahrheit fiir ihn die alteren Gottergestalten, die so- 
zusagen einen anderen Entwickelungsweg genommen haben. 

Es ist in der vorigen Betrachtung gesagt worden, daB gewisse 
Wesenheiten einen anderen Gang in der Evolution durchmachen. Die 
Individualist des Wo tan geht zum Beispiel einen solch anderen Weg. 
Sie geht bis 2u einer gewissen Stufe mit dem Menschen gemeinsam, 
dann steigt sie aber nicht so tief herunter. Der Mensch steigt weiter 
in die Materialitat herunter und wird erst spater sich wiedervereinigen 
mit diesen Wesen, die ihre Evolution in der Erdenzeit vollenden. 
Wir haben gesehen, wie Wotan spater nicht mehr in unserer Welt auf 
der Erde umherwandelte. Solche Wesen waren aber nicht Wesen wie 
Osiris und Isis. Diese waren Wesen, die noch fruher sich abgezweigt 
hatten, die in einer noch hoheren Schicht, in voller Unsichtbarkeit 
ihre Evolution vollendeten. Diese Gestalten machten ihre besonderen 
Erlebnisse durch. 

Blicken wir in das lemurische Zeitalter zuriick. Da hat sich das 
Atherische nicht menschenahnlich gestaltet; der Mensch ist im Ather- 
leibe noch tierahnlich, und die Gotter, die da herunterstiegen, muBten 
damals sich bequemen, in derselben tierahnlichen Gestalt zu erschei- 
nen, in welcher der Mensch auf der Erde vorhanden war. Will eine 
Wesenheit einen bestimmten Plan betreten, so muB sie die Bedingun- 
gen fur diesen Plan erfiillen. So war es auch hier der Fall. Die gott- 
lichen Wesenheiten, die mit der Erde wahrend des Hinausgehens der 
Sonne und des Mondes verbunden waren, die auf der Erde waren, 
die muBten eine Gestalt annehmen, die damals moglich war, eine tier- 
ahnliche Gestalt. Und da die agyptische Religionsanschauung gewis- 
sermaBen eine Wiederholung darstellt der lemurischen Zeit, so sah der 
agyptische Eingeweihte hinauf zu den Gottern, zum Beispiel Osiris 
und Isis, wie auf eine tierahnliche Form. Die hoheren Gottheiten sah 
er noch mit tierahnlichem Kopfe. Daher war es nur ganz richtig aus 
dem okkulten Schauen heraus, wenn solche Gestalten dargestellt wur- 
den nach dem, was die Eingeweihten wuBten, mit einem Sperber- 
oder einem Widderkopf. Sie wurden dargestellt, die Gotter, wie sie 
auf Erden wandelten, in der Gestalt, die sie hatten, als sie auf Erden 



wallten. Die auBeren Abbildungen konnten nur ahnlich sein dem- 
jenigen, was der Eingeweihte sah, doch war es sehr getreu wieder- 
gegeben. Diese verschiedenen gottlichen Wesenheiten verwandelten 
sich gar sehr. Anders waren die Gestalten in Lemurien, anders in der 
Atlantis. Viel schnellere Verwandlungen machten die Wesen in jenen 
Zeiten durch als jetzt. Dazumal waren sie auch noch geistvolle Ge- 
stalten, und wenn man zuruckblickt auf diese Gestalten, dann erblickt 
man sie in ihren drei Leibern, aber durchleuchtet und durchstrahlt 
von dem astralischen und atherischen Lichte. Und das wurde recht 
genau in den Bildern dargestellt. Die heutigen Menschen haben leicht 
zu lachen iiber die Gestalten, die abgebildet wurden, denn sie wissen 
nicht, wie realistisch sie waren. 

Es gab eine Gestalt, die insbesondere Dienste leistete in der Zeit der 
Menschenentwickelung, als durch die kosmisch-tellurischen Machte 
der kombinierende Verstand den Menschen eingegliedert wurde. Da- 
mals wurde das physische Gehirn so vorbereitet, daB der Mensch 
spater die Intelligenz entwickeln konnte. Diese Fahigkeit wurde dem 
Menschen eingepnanzt und zu den Taten des Gottes ... gerech- 
net. Damit hing zusammen dasjenige, was dem Menschen als Intelli- 
genz eingegliedert wurde. Wenn wir heute einen Menschen betrach- 
ten, in dem ein scharf ausgebildetes Urteils- und Kombinationsver- 
mogen vorhanden ist, wenn wir ihn heute hellseherisch betrachten, so 
finden wir einen starken Ausdruck und eine Spiegelung davon in 
einem griinen Glitzern und Glanzen des Astralleibes, der astralischen 
Aura. Das Kombinationsvermogen zeigt sich in griinen Farbenein- 
schliissen der Aura, besonders bei denen, die einen scharfen, mathe- 
matischen Verstand haben. Die alten agyptischen Eingeweihten haben 
den Gott, der den Menschen die Fahigkeit der Intelligenz einpflanzte, 
gesehen, und sie bildeten ihn ab und bemalten ihn griin, weil sie seine 
leuchtende Astral- und Athergestalt griin schimmern sahen. Das ist 
heute noch die glitzernde aurische Farbe, wenn der Mensch in der 
Intelligenz sich bewegt. Und es konnte viel iiber diese Zusammen- 
hange studiert werden, wenn die Menschen diese wunderbare Realistik 
der agyptischen Gottergestalten wirklich studieren wollten. Dadurch, 
daB diese Darstellungen der Gottergestalten so realistisch und keine 



willkurlichen sind, wirkten sie wie Zaubermittel; und derjenige, der 
tiefer sehen konnte, wiirde sehen, wie in den Farben dieser alten Ge- 
stalten Geheimnisse in hohem MaBe vorhanden sind. Man konnte da 
tief hineinsehen in das Getriebe der Menschheitsentwickelung. 

Wir haben gesehen, wie in der Sphinx festgehalten ist das, was die 
Eingeweihten gesehen haben. Zwar ist das nicht photographisch fest- 
gehalten, doch realistisch. Aber die Gestalten wandelten sich ja immer 
wieder. Die Gestalt der Sphinx gibt im Bilde wieder, wie der Mensch 
einmal war. Der Mensch hat sich seine heutige Gestalt selbst gestaltet. 
Wir wissen, daB durch die Evolution auf der Erde verschiedene Tier- 
gestalten abgespalten worden sind. Was ist iiberhaupt eine Tiergestalt? 
Es ist eine Gestalt, die stehengeblieben ist, wahrend der Mensch in 
der Evolution weiterschritt. Wir sehen in ihnen stehengebliebene Stu- 
fen der Menschheitsentwickelung, insofern diese Stufen physisch ge- 
worden sind. Im Spirituellen hat sich etwas ganz anderes abgespielt. 
Was der Mensch geistig ist, hat mit den physischen Vorfahren gar 
nichts zu tun. Nur das Physische hat damit zu tun. Aber der Mensch 
stammt nicht von den Tieren ab, sondern die Tiergestalten sind ste- 
hengeblieben. Beim Menschen aber ist die Gestalt umgewandelt zu 
einer gewissen Hohe. Die Tiere sind in die Dekadenz gekommene 
fruhere physische Menschengestalten. 

Anders liegt die Sache fur ein anderes Evolutionsgebiet. Nicht 
nur sind die physischen Gestalten der Tiere stehengeblieben, sondern 
auch die Anlagen zur atherischen und astralischen Gestalt. Gerade 
wie der Lowe, damals als er sich abspaltete, anders aussah als jetzt, 
so werden auch gewisse seelisch-geistige Gestalten, die auf einer ge- 
wissen Stufe stehenbleiben, im Laufe der Zeit anders, sie verkommen. 
Ja, es ist ein Gesetz der geistigen Welt, daB dasjenige, was auf der 
geistigen oder seelischen Stufe stehenbleibt, immer mehr in die Deka- 
denz kommt. 

Sagen wir zum Beispiel, daB, wenn die Sphinx stehenbleibt, sie dann 
verkommt, eine Gestalt bekommt, die etwas wie eine Karikatur ihrer 
ursprunglichen Gestalt zeigt. Die Sphinx ist daher bis auf unsere Zeit 
auf dem Astralplan so erhalten geblieben. Den Menschen, der als Ein- 
geweihter oder sonst irgendwie auf eine regulare Weise hinauf kommt 



in die hoheren Welten, den interessieren diese dekadenten Gestalten 
wenig, die da sozusagen herabgekommenes Gesindel der geistigen 
Welt sind. Aber denen, die mit einer niederen Hellsehergabe aus- 
geriistet herausgefiihrt werden in Ausnahmefallen in die astrale Welt, 
denen treten solche dekadente Gestalten entgegen. 

Dem Odipus ist die wahre Sphinx entgegengetreten, aber gestorben 
ist sie auch heute nicht. Bis heute ist sie noch nicht gestorben, nur 
tritt sie in anderer, besonderer Gestalt dem Menschen entgegen. Wenn 
Menschen in der Landbevolkerung, die auf einer gewissen Stufe in der 
Entwickelung zuruckgeblieben sind, im Sommer in der heiBen Glut 
der Sonne mittags auf dem Felde ruhen und einschlafen, und etwas 
bei ihnen eintritt, was man nennen konnte einen latenten Sonnenstich, 
und wenn durch diese Einwirkung auf den physischen Leib sich der 
Astralleib und der Atherleib aus einem Teil des physischen Leibes los- 
losen, dann sind solche Menschen auf den Astralplan versetzt, und sie 
sehen diesen dekadenten letzten Nachkommen der Sphinx. Man be- 
nennt diese Erscheinung mit verschiedenen Namen. In einigen Ge- 
genden nennt man sie die Mittagsfrau. Mancher auf dem Lande erzahlt, 
daB ihm die Mittagsfrau begegnet sei. Sie ist iiberall vorhanden in den 
verschiedensten Gegenden, unter den verschiedensten Namen. Sie ist 
ein Nachkomme der alten Sphinx. Und wie die alte Sphinx den Men- 
schen, die sie erlebten, Fragen stellte, so stellt auch die Mittagsfrau 
Fragen. Man kann erzahlen horen, wie die Mittagsfrau an Menschen 
herangetreten ist und nicht enden wollende Fragen gestellt hat. Diese 
Fragepein ist selbst ein dekadenter Nachkomme der alten Sphinx. Die 
Mittagsfrau ist aus der alten Sphinx geworden. Das alles weist darauf 
hin, wie die Evolution vor sich geht, auch hinter der physischen 
Welt, wie da ganze Stamme geistiger Wesenheiten herabkommen und 
zuletzt nur der Schatten sind von dem, was sie urspriinglich waren. 
Da sehen wir wiederum einen Zug von der Art der Zusammenhange 
in der Evolution. Dies ist aus dem Grunde gesagt worden, damit man 
sieht, wie mannigfaltig die Evolution iiberhaupt ist. 

Nun miissen wir aber, um alles richtig zu verstehen, dessen geden- 
ken, daB der Mensch im Laufe der Zeit demjenigen, was er sich mit- 
gebracht hatte zu Beginn der Erdenentwickelung als seinen physischen 



Leib, Atherleib und Astralleib, eingegliedert hat das vierte GHed, das 
Ich. Ich habe gezeigt, wie dieses Ich den Astralleib durchsetzt, ihn so 
fur sich in Anspruch nimmt, daB es die Herrschaft ausiibt, die friiher 
hohere geistige Wesenheiten ausiibten. Es ist eine Tat der hoheren 
Wesen, daB dieses Ich eingepflanzt wurde dem Astralleib. Wenn die 
Evolution dann im Sinne gewisser hoher Wesenheiten weitergegangen 
ware, so ware es zu einer anderen Evolution gekommen als zu der, 
welche wirklich stattgefunden hat. Es sind aber damals gewisse Wesen 
stehengeblieben. Sie waren nicht fahig dazu geworden, daran mitzu- 
arbeiten, das Ich in den Astralleib einzupflanzen. 

Der Mensch bestand, als er die Erde betrat, aus dem physischen 
Leibe, dem Atherleibe und dem Astralleib und bildete diese weiter 
aus. Nun wurde ihm von gewissen erhabenen Wesen, die vorzugs- 
weise auf der Sonne und dem Monde ihren Wohnsitz hatten, von die- 
sen Wesen wurde ihm die Ichheit zuteil. Es wirkten sozusagen diese 
Wesen an dem Ich mit. Es gab aber gewisse andere Wesen, die wah- 
rend der Saturn-, Sonnen- und Mondenentwickelung sich nicht soweit 
hinaufgeschwungen hatten, daB sie bei dieser Eingliederung des Ichs 
hatten mitwirken konnen. Sie konnten nur das, was sie auf dem Monde 
gelernt hatten. Sie muBten sich darauf beschranken, an dem Astralleib 
des Menschen zu arbeiten, so daB dem Menschen etwas eingegliedert 
wurde in den Astralleib, was nicht zu seinem Edelsten gehorte, was 
nicht von den erhabenen hoheren Wesen, sondern von den verspate- 
ten, zuriickgebliebenen Eindringlingen gekommen ist. Hatten diese 
Wesen das auf dem Monde gemacht, so wurde das ein Hochstes ge- 
wesen sein. Dadurch aber, daB sie es auf der Erde als Nachziigler 
machten, dadurch gliederten sie dem Astralleib etwas ein, was ihn 
niedriger stellte, als er sonst hatte werden konnen. Er wurde mit In- 
stinkten und Leidenschaften und mit dem Egoismus begabt. 

Das miissen wir beachten, daB auf den Menschen von zwei Seiten 
gewirkt wurde, daB der Mensch auch Einschlage erhielt in den Astral- 
leib, durch welche dieser erniedrigt wurde. So etwas, was auf den 
Astralleib wirkt, wirkt aber nicht nur bloB auf den Astralleib. Im 
Erdenmenschen ist es so, daB die Wirkung auf den Astralleib fort- 
gesetzt wird durch diesen selbst auf den Atherleib und dieser die Wir- 



kung fortsetzt auf den physischen Leib. Der Astralleib wirkt iiberall 
bin, und so wirken jene Geister durch den Astralleib auf den Ather- 
leib und den physischen Leib. Wenn diese geistigen Wesen nicht solche 
Wirkung hatten ausiiben konnen, dann wiirde im Menschenleben das 
nicht aufgetreten sein, was dazumal in den Menschen kam. Das ist eine 
gesteigerte Selbstheit des Menschen, ein gesteigertes Ich-Gefuhl. Was 
dies im Atherleib bewirkte, das ist alles dasjenige, was an Trubung 
des Urteils, an Irrtumsmoglichkeit entstand. Alles dasjenige, was vom 
Astralleib im physischen Leibe also bewirkt wurde, das ist die Grund- 
lage von dem, was als Krankheit entstand. Das ist die geistige Ursache 
der Krankheiten des Menschen; bei den Tieren ist das Krankwerden 
etwas anderes. 

Wir sehen, wie in den Menschen die Krankheit verpflanzt wird. 
Krankheit hangt zusammen mit den Ursachen, die hier angedeutet 
worden sind. Und da der physische und der atherische Leib mit den 
Vererbungstatsachen zusammenhangen, so geht durch die Ver- 
erbungslinie das Prinzip der Krankheit. Es soli hier noch einmal be- 
tont werden, daB wir unterscheiden miissen von dem, was innere 
Krankheiten sind, dasjenige, was auBere Verletzungen sind. Wenn 
sich ein Mensch iiberfahren laBt, so hat das damit nichts zu tun. Auch 
gewisse innere Krankheiten konnen mit auBerlichen Ursachen zusam- 
menhangen. Wenn der Mensch irgend etwas iBt, das den Magen ver- 
stimmt, so ist das natiirlich auch etwas AuBerliches. Bevor im Laufe 
der Entwickelung jene Wesen EinfluB gewannen auf den Menschen, 
war er so organisiert, daB er in viel starkerem MaBe als heute reagierte 
auf das Schlechte, w T as auf ihn von auBen einwirkte. In demselben 
MaBe aber, als sie an EinfluB gewannen, verlor er das, was er an In- 
stinkten besaB fur das Nichtrichtige. Es war der Mensch vorher in sei- 
ner ganzen Organisation noch so, daB er feine Instinkte hatte fur das- 
jenige, was fur ihn nicht richtig war, so daB, wenn irgend etwas in 
den Magen hinein wollte, was heute darinnenbleibt und dann Unheil 
anrichtet, daB dem einfach durch die Instinkte der Eintritt verweigert 
wurde. Riickblickend kommen wir immer mehr in Zeiten, in denen 
der Mensch in einem feinen Zusammenhange stand mit Kraften seiner 
Umgebung, und wo der Mensch in feiner Weise reagierte auf die 



Krafte seiner Umgebung. Aber immer unsicherer und unfahiger wurde 
der Mensch, das zuriickzuweisen, was ihm nicht dienlich ist. 

Nun hangt das noch mit etwas anderem zusammen. Es hangt zu- 
sammen damit, daB, je innerlicher der Mensch wurde, drauBen in der 
Welt auch etwas geschah : daB nach auBen dasjenige entstand, was wir 
als die anderen drei Naturreiche kennen. Die drei Reiche um uns sind 
erst allmahlich entstanden. Zuerst war nur der Mensch vorhanden. 
Dann gesellte sich dazu das Tierreich, dann das Pflanzenreich und 
dann erst das Mineralreich. Wenn wir auf die Urerde zuriickblicken 
wiirden, als die Sonne noch mit ihr vereinigt war, wir wiirden einen 
Menschen finden, in dem noch alle StofFe der physischen Welt ein- 
und ausgehen. Da lebte der Mensch noch im SchoBe der Gotter, da 
vertragt der Mensch sozusagen noch alles. Dann muBte er zuriicklas- 
sen dasjenige, was als Tierreich abgesetzt ist. Wurde er das mitgenom- 
men haben, dann hatte er sich uberhaupt nicht hoher entwickeln kon- 
nen. Er muBte das Tierreich und spater auch die Pnanzen heraus- 
stoBen. Was drauBen in den Tieren und Pflanzen ist, ist nichts ande- 
res als Temperamente, Leidenschaften, gewisse Eigenschaften der 
Menschen, die sie heraussetzen muBten. Und als der Mensch seine 
Knochen bildete, setzte er heraus die mineralische Welt. Der Mensch 
konnte nach einiger Zeit schauen auf die Umgebung und sagen : Frii- 
her konnte ich euch vertragen, friiher zogt ihr in mir ein und aus, wie 
jetzt die Luft. Als ich noch lebte in der Wassererde, da konnte ich 
euch vertragen, ich verarbeitete euch. Jetzt seid ihr drauBen, ich kann 
euch nicht mehr vertragen, nicht mehr verarbeiten. - Als den Men- 
schen die Haut umschloB, als er ein abgeschlossenes Sonderwesen 
wurde, sah er in demselben MaBe um sich herum die Reiche. 

Nehmen wir an, es ware so weitergegangen, dann hatten diese We- 
sen nicht an dem Menschen gewirkt, dann ware etwas anderes nicht 
gekommen. Solange der Mensch gesund ist, solange wird er in einem 
normalen Verhaltnis zur AuBenwelt stehen. Wenn er nun gestorte 
Krafte in seinem Inneren hat, dann miissen diese zunickgetrieben wer- 
den von den Kraften, die der Mensch hat. Sind dazu seine Krafte zu 
schwach, dann muB ihm etwas eingefloBt werden gegen das, wogegen 
er selbst nicht den Normalwiderstand findet, sondern wogegen er 



etwas von auBen aufnehmen muB. Es muB ihm dann etwas einge- 
pflanzt werden, damit der Widerstand aufgerufen wird, den er leistete, 
als noch die Krafte von drauBen bei ihm aus- und einzogen. Es kann 
notig sein, wenn der Mensch krank ist, daB ihm zum Beispiel Krafte 
eines Metalles eingefloBt werden. Darum ist die Berechtigung da, dem 
Menschen Metalle, Pflanzensafte und dergleichen einzunoBen, etwas 
als Heilmittel zu verwenden, mit dem er fruher in Zusammenhang war. 

In der Zeit, als die agyptischen Eingeweihten zuriickschauen konn- 
ten auf den ganzen Verlauf der Weltentwickelung, da haben sie ge- 
nau gewuBt, wie die einzelnen Organe des menschlichen Korpers mit 
den Stoffen drauBen korrespondierten, welche Pflanzen, welche Me- 
talle dem Kranken eingefloBt werden muBten, und es wird einmal 
ein gewaltiger Schatz okkulter Weisheit gehoben werden auf dem 
Gebiete der Medizin, den die Menschheit fruher gehabt hat. Heute 
wird nicht nur viel gepfuscht auf dem Felde der Medizin, sondern 
auch da sehr viel verfehlt, wo in einseitiger Weise dem oder jenem 
besondere Heilkrafte zugeschrieben werden. Der wahre Okkultist 
wird nie einseitig sein. Wie oft kommt es vor, daB man Bestrebungen 
abschutteln muB, die einen KompromiB bilden wollen mit der Geistes- 
wissenschaft. Die Geisteswissenschaft kann nicht eine einseitige Me- 
thode unterstiitzen, sie will vielmehr die Allseitigkeit der Forschung 
begriinden. Es ist einseitig zu sagen : Weg mit alien Giften ! - Solche, 
die das sagen, kennen nicht die wahren Heilkrafte. Natiirlich wird 
heute Unfug getrieben, denn die Fachleute konnen meist nicht die 
ganzen Zusammenhange durchschauen. Und eine gewisse Tyrannis in 
der medizinischen Wissenschaft schlieBt das aus, was vom Okkultis- 
mus ausgehen kann. Wenn man keine Feldziige gegen die altesten 
Gebiete der Medizin fuhren wurde, gegen die MetalleinfloBung, dann 
konnte eine Reform eintreten. Mit der modernen Experimentiererei 
wird nichts gefunden, was wirklich standhalt gegeniiber den altbe- 
wahrten Heilmitteln, die nur laienhafter Unverstand so schrofF be- 
kampfen kann, wie das oftmals geschieht. Gerade die alten agyptischen 
Eingeweihten waren groB in diesen Geheimnissen. Sie konnten einen 
Einblick bekommen in wirkliche Zusammenhange der Entwickelung. 
Und wenn heute gewisse Mediziner in einem gewissen herablassenden 



Tone von der agyptischen Heilkunde sprechen, so kann man sehr 
bald an diesem Tone bemerken, daB sie gerade nichts davon wissen. 
Hiermit ist einiges angedeutet, was man von der agyptischen Ein- 
weihung wissen muB. 

Solche Dinge waren es, die iibergingen ins VolksbewuBtsein. Nun 
miissen wir bedenken, daB dieselben Seelen, die heute in unseren 
Leibern sind, auch inkarniert waren in jener alten Zeit. Denken wir, 
daB dieselben Seelen gesehen haben alle die Abbilder, die die Einge- 
weihten gemacht hatten von dem, was sie wuBten durch Schauen in 
der geistigen Welt. Wir wissen, daB dasjenige, was die Seele von 
Inkarnation zu Inkarnation aufnimmt, immer wieder irgendwie Friich- 
te tragt. Wenn auch der Mensch sich nicht erinnern kann, es ist 
doch so, daB dasjenige, was heute in der Seele lebt, deswegen in 
ihr lebt, weil es frxiher hineingelegt worden ist. Die Seele ist ge- 
formt worden diesseits und jenseits des physischen Lebens. Wenn sie 
war zwischen Geburt und Tod, wenn sie war zwischen Tod und einer 
neuen Geburt, agyptische Vorstellungen haben gewirkt: daher sind 
heutige Vorstellungen aus ihnen entstanden. Heute entwickeln sich 
bestimmte Vorstellungen aus den agyptischen Vorstellungen heraus. 
Nicht aus auBeren Griinden ist entstanden dasjenige, was man heute 
Darwinismus nennt. Dieselben Seelen sind es, die in Agypten die 
Bilder der tierischen Gestalten der Vorfahren des Menschen erhalten 
haben. Alle die Anschauungen sind wieder erwacht, nur ist der Mensch 
noch tiefer herabgestiegen in die materielle Welt. Er erinnert sich 
daran, daB ihm gesagt worden ist: Unsere Vorfahren waren Tierge- 
stalten - aber er erinnert sich nicht, daB das Gotter waren. Das ist 
der psychologische Grund, weshalb der Darwinismus auftauchte. Die 
Gottergestalten treten in materialistischer Form auf. So besteht ein 
intimer geistiger Zusammenhang zwischen der alten und der neuen, 
der dritten und der funften Kulturperiode. 

Nun ist das nicht etwa das alleinige Schicksal unserer Zeit, daB 
der Mensch auf materielle Art sieht, was er friiher im Geistigen, 
Spirituellen gesehen hat. Das ware das Schicksal, wenn nicht in der 
Zwischenzeit der Christus-Impuls in die Menschheitsentwickelung ein- 
getreten ware. Dieses hat nicht nur fur das Leben auf dem phy- 



sischen Plan eine Bedeutung gehabt. Wir wollen uns heute vor die 
Seele fuhren, was fiir eine Bedeutung die Ereignisse von Palastina 
fur die andere Seite des Lebens hatten, wo auch nach dem Tode die 
Seelen der alten Agypter waren. Hier auf dem physischen Plan hat 
sich das zugetragen, was schon besprochen worden ist. Aber die drei 
Jahre der Wirksamkeit des Christus wie das Ereignis von Golgatha 
und die Taufe im Jordan sind ebenso von Bedeutung gewesen fur 
die Seelen, die auf der Erde verkorpert waren, wie fiir die, welche 
sich in dem Zustand zwischen Tod und neuer Geburt befanden. 

Wir erinnern uns an die Tatsache, daB der auBere physische Aus- 
druck fiir das Ich das Blut ist. Dasjenige, was physisch in den Kraf- 
ten des Blutes wirkt, das ist der physische Ausdruck des Ich. Nun 
war im Laufe der Evolution ein zu starkes MaB von Egoismus ge- 
kommen, das heiBt, daB sich die Ichheit zu stark einpragte dem 
Blute. Und dieses «Zuviel» an Egoismus, das muB aus der Mensch- 
heit wieder heraus, wenn der Menschheit die Spiritualitat wieder- 
gegeben werden soil. Auf Golgatha ist der Impuls gegeben worden 
zu dieser Herausbeforderung des Egoismus. Und in demselben Augen- 
blicke, in welchem das Blut des Erlosers rann auf Golgatha, in dem- 
selben Augenblicke gingen noch andere Vorgange vor sich in der 
geistigen Welt. Das Blut des Erlosers rann herab in der materiellen 
Welt, in die geistige Welt aber ging hiniiber, was zuviel an iiber- 
schussigem Egoismus da war. Der iiberschiissige Egoismus muBte aus 
der Welt schwinden, und auf Golgatha wurde dazu der Impuls ge- 
geben. Dazu kommt, daB an Stelle des Egoismus in die jetzige Mensch- 
heit tritt die allgemeine Menschenliebe. 

Aber was war dieses Ereignis von Golgatha? Dieses Ereignis eines 
dreieinhalb Tage dauernden Todes auf dem physischen Plan? Es war 
dasjenige auf den physischen Plan herausgetragen, was auch in der 
geistigen Entwickelung erlebt hatte derjenige, der eingeweiht wurde. 
Dreieinhalb Tage war er da tot. Derjenige, der diesen symbolischen 
Tod durchgemacht hatte, der konnte der Menschheit sagen: Es gibt 
eine Besiegung des Todes. Es gibt ein Ewiges in der Welt. - Be- 
siegt war der Tod durch die Eingeweihten, und sie fiihlten sich als 
Besieger des Todes. Das Ereignis von Golgatha bedeutet, daB das- 



jenige, was sich oft in den Mysterien alter Zeiten abgespielt hat, 
einmal historisches Ereignis wurde: die Besiegung des To<des durch 
den Geist, daB das jetzt auf den physischen Plan, hinaus in die 
Welt getragen war. Wenn wir dies auf die Seele wirken lassen, so 
verspiiren wir das, was mit dem Mysterium von Golgatha geschah, 
das Neue, als ein Bild der alten Einweihung. Historisch in die Welt 
getreten verspiiren wir das einzigartige Ereignis. 

Und das war die Folge davon? Was vermochte der Eingeweihte? 
Er vermochte zu seinen Mitmenschen aus seinen Erlebnissen heraus 
zu sagen : Ich weiB es, daB es eine geistige Welt gibt, daB man in der 
geistigen Welt leben kann. Ich habe dreieinhalb Tage in ihr gelebt 
und bringe euch von dort Kunde. Ich bringe euch die Gaben der 
geistigen Welt. - Nutzlich und zum Heile der Menschheit waren diese 
Gaben. Umgekehrt konnte der jenige, der als ein Einzuweihender in 
der physischen Welt gelebt hatte, nichts ahnliches den Toten bringen. 
Er konnte driiben den Toten nur sagen: Alles dasjenige, was auf 
dem physischen Plan geschieht, ist so, daB der Mensch erlost werden 
sollte. - So war es, wenn die alten Eingeweihten in der geistigen 
Welt mit den Toten verkehrten, denen sie nur die Lehre geben konn- 
ten : Leiden ist das Leben, nur die Erlosung ist das Heil. 

So lehrte noch der Buddha. So lehrte bei den Lebendigen, so lehrte 
bei den Toten der Eingeweihte. Aber durch das Ereignis von Gol- 
gatha ist der Tod besiegt worden in der physischen Welt, und fur 
die Verstorbenen, die in der geistigen Welt sind, bedeutet das etwas. 
Diejenigen, welche den Christus in ihr Inneres aufnehmen, erhellen 
wieder das schattenhafte Leben im Devachan. Je mehr der Mensch 
hier erlebt von dem Christus, desto heller wird es driiben in der 
geistigen Welt. Nachdem das Blut geflossen ist aus den Wunden 
des Erlosers - das ist etwas, was zu den Mysterien des Christentums 
gehort -, ist der Christus-Geist heruntergestiegen zu den Toten. Das 
ist eines der tiefsten Mysterien der Menschheit. Christus stieg hin- 
unter zu den Toten und sagte ihnen: Driiben ist etwas geschehen, 
das nicht so ist, daB man von ihm auch sagen miiBte: dasjenige, was 
driiben geschieht, ist nicht soviel wie das, was hiiben hier geschieht. 
Dasjenige, was der Mensch mitbringt in das geistige Reich, in An- 



lehnung an dieses Ereigms, das 1st eine Gabe, die mitgebracht werden 
kann aus der physischen Welt in die geistige Welt. - Das ist die 
Kunde, die Christus den Toten brachte in den dreieinhalb Tagen; er 
stieg herab zu den Toten, um sie zu erlosen. 

In der alten Einweihung konnte man sagen : Die Fruchte des Gei- 
stigen ernten wir im Physischen! Jetzt war ein Ereignis eingetreten 
in der physischen Welt, das seine Fruchte brachte und wirkte in der 
geistigen Welt. Und man kann sagen: Nicht umsonst hat der Mensch 
den Abstieg vollendet zum physischen Plan. Er hat ihn vollendet, 
damit hier in der physischen Welt Fruchte gezogen werden konnen 
fur die geistige Welt. 

DaB die Fruchte gezogen werden konnen, geschah durch Christus, 
der da war bei den Lebenden und bei den Toten, der einen Impuls 
gegeben hat, so intensiv und so machtig, da6 er alle Welt erschuttert 
hat. 



ZWOLFTER vortrag 

Leipzig, 14. September 1908 

Um unsere Aufgabe zu vollenden, soweit sie beabsichtigt war, haben 
wir jetzt ein wenig in demselben Sinne den Charakter unserer Zeit 
zu studieren, wie wir den Charakter der verflossenen vier nachatlan- 
tischen Zeitraume studiert haben bis zum Erscheinen des Christen- 
tums. Wir haben gesehen, wie sich nach der atlantischen Katastrophe 
entwickelt hat der alte urindische Zeitraum, der urpersische Zeitraum, 
der agyptisch-chaldaische Zeitraum. Und wir haben bei der Charak- 
teristik des vierten Zeitraumes, des griechisch-lateinischen, gesehen, 
da6 in einer gewissen Beziehung da der Mensch in den physischen 
Plan hineinarbeitete und daB da das Hineinarbeiten des Menschen 
in die physische Welt einen Tiefpunkt erreicht hatte. 

Der Grund, warum diese Zeit, die wir auf der einen Seite einen 
Tiefstand der Menschheitsentwickelung nennen, auf der anderen Seite 
so anziehend, so sympathisch ist fur den heutigen Betrachter, ist 
der, daB dieser Tiefstand der Ausgangspunkt fur viele bedeutsame 
Ereignisse der heutigen Kulturepoche wurde. Wir haben gesehen, wie 
in dieser Zeit der griechisch-lateinischen Kultur eine Ehe zwischen 
Geist und Materie eingegangen worden war in der griechischen Kunst. 
Wir haben gesehen, daB der griechische Tempel ein Bauwerk war, in 
dem der Gott wohnen konnte, und der Mensch konnte sich sagen: 
Ich habe die Materie soweit gebracht, daB die Materie fur mich ein 
Abdruck des Geistes ist, daB ich in jedem Teile etwas von diesem 
Geiste spuren kann. So ist es mit alien griechischen Kunstwerken. 
So ist es mit allem, was wir vom Leben der Griechen zu erzahlen 
haben. Und diese Welt der Kunstschopfungen, in die der Geist einge- 
pflanzt war, machte die Materie so ungeheuer anziehend, daB bei uns 
in Mitteleuropa der groBe Goethe die Vereinigung seiner selbst mit 
dieser Kulturepoche in der Helena-Tragodie im «Faust» darzustellen 
suchte. 

Wenn nun die Kultur in der Folgezeit den Fortgang in derselben 
Richtung genommen haben wiirde, was wurde die Folge gewesen 



sein? Wir konnen das durch eine einfache Skizze verdeutlichen. Im 
griechisch-lateinischen Kulturzeitraum ist der Mensch am tiefsten her- 
untergestiegen, aber so, daB er in keinem Stiick Materie den Geist 
verloren hatte. Es war in alien Schopfungen dieser Zeit der Geist in 
der Materie verkorpert. Betrachten wir eine griechische Gottergestalt, 
so erblicken wir iiberall, wie der griechische Schopfergenius dem 
auBeren StofFe eingepragt hat das Geistige. Der Grieche hatte zwar 
die Materie sich erobert, aber den Geist nicht dabei verloren. Der 
normale Fortgang der Kultur ware nun in der Folge gewesen, daB 
man unter das Niveau heruntergestiegen ware, unter die Materie her- 
untergetaucht ware, so daB der Geist geworden ware zum Sklaven der 
Materie. 

Wir brauchen nur einen unbefangenen Blick auf die Umgebung, die 
um uns ist, zu richten, und wir werden erkennen, daB auf der einen 
Seite in der Tat das geschehen ist. Der Ausdruck dieses Niederstieges 
ist der Materialismus. Es ist wahr, daB sich in keinem Zeitraum der 
Mensch die Materie mehr erobert hat als in unserer Zeit, aber nur zur 
Befriedigung leiblicher Bedurfnisse. Wir brauchen bloB zu betrachten, 
mit welch primitiven Mitteln die gigantischen Pyramiden aufgebaut 
worden sind und brauchen das nur zu vergleichen mit dem Schwung 
und dem Hochflug, den der agyptische Geist in die Geheimnisse des 
Weltendaseins nehmen konnte. Wir brauchen bloB daran zu denken, 
in welch tiefstem Sinne fur die Agypter ihre Gotterbilder Abdriicke, 
Abbilder waren von demjenigen, was im Kosmos und auf Erden in 
der Vergangenheit vorgegangen war. Derjenige, der in Agypten da- 
mals hineinschauen konnte in die geistige Welt, der lebte in dem, 
was unsichtbar geworden ist in der atlantischen Zeit, was aber Tat- 
sache der Erdenentwickelung war in der lemurischen Zeit. Und der- 
jenige, der nicht Eingeweihter wurde, der zum Volke gehorte, der 
konnte mit seiner ganzen Empfindung, mit seiner ganzen Seele Anteil 
nehmen an diesen geistigen Welten. Doch prirnkiv waren die Mittel, 
mit denen man auBerlich auf dem physischen Plan arbeiten muBte. 
Vergleichen wir das mit unserer Zeit. Wir brauchen nur die heutigen 
zahlreichen Lobreden zu lesen von unseren Zeitgenossen, die iiber 
die groBen Fortschritte unserer Zeit handeln. Es braucht ja von seiten 



der Geisteswissenschaft gar nichts dagegen eingewendet zu werden. 
Immer mehr erreicht der Mensch durch die Eroberung der Elemente. 
Aber betrachten wir die Sache von einer anderen Seite. 

Sehen wir hin auf weit zuriickliegende Zeiten, wo die Menschen 
mit einfachen Reibsteinen das Korn der Erde zerrieben und daneben 
in ungeheure Hohen des geistigen Lebens hinaufschauen konnten. 
Von den Hohen, in die da geschaut wurde, davon hat die Mensch- 
heit heute in ihrer Mehrzahl gar keine Ahnung. Gar keine Ahnung 
hat sie von dem, was ein chaldaischer Eingeweihter erlebte, wenn er 
in seiner Art die Sterne, Tiere, Pflanzen, Mineralien im Zusammen- 
hang mit dem Menschen sah, wenn er die Heilkrafte erkannte. Die 
agyptischen Priesterweisen waren Menschen, denen die heutigen Arzte 
nicht das Wasser reichen konnen. In diese Hohen des geistigen Lebens 
konnen sich die heutigen Menschen nicht hineinleben. Erst die Gei- 
steswissenschaft wird in der Lage sein, einen Begriff zu bilden von 
demjenigen, was die alten chaldaisch-agyptischen Eingeweihten sahen. 
Dasjenige, was zum Beispiel heute als Auslegung der Inschriften ge- 
geben wird, in denen tiefe Mysterien lagen, das ist nur eine Kari- 
katur gegenuber der alten Bedeutung. So finden wir in alten Zeiten 
wenig Macht der Menschen iiber die Mittel zur Arbeit auf dem phy- 
sischen Plan, dagegen gewaltige Krafte in bezug auf die geistige 
Welt. 

Und immer defer steigt der Mensch in die Materie, immer mehr 
verwendet er die Geisteskrafte, um den physischen Plan zu erobern. 
Ist es nicht etwa so, dafi man sagen konnte, der menschliche Geist 
wird ein Sklave des physischen Plans? Und in gewisser Weise steigt 
er noch unter den physischen Plan herunter. Wenn der heutige Mensch 
ungeheure Geisteskrafte verwendet hat, um das DampfschifT, die 
Eisenbahn, das Telephon zu bilden, wozu braucht er diese? Welche 
Unsumme von Geist ist dadurch abgezogen worden von dem Leben 
fur die hoheren Welten! Der Geisteswissenschafter ist aber vollstandig 
damit einverstanden, er will nicht Kritik an unserer Zeit iiben, weil 
er weifi, dafi es notig war, den physischen Plan zu erobern, aber dabei 
bleibt es doch wahr, daft der Geist in die physische Welt herunter- 
getaucht ist. Bedeutet es fur den Geist irgend etwas Besonderes, Be- 



deutenderes, irgend etwas mehr, wenn man anstatt daB man selbst 
Korner mit Reibsteinen zerreibt, wenn man heute mit dem Telephon 
nach Hamburg spricht, um dort zu bestellen, was man braucht, damit 
es per Dampfschiff von Amerika gesendet werden kann? Welch un- 
geheure Geisteskraft ist darauf verwendet worden, wenn heute eine 
Dampfschifrverbindung mit Amerika und mit vielen anderen fernen 
Landern besteht ! Wir fragen uns, wenn wir so eine Verbindung zwi- 
schen alien Erdteilen hergestellt haben, ist es nicht nur zur Befriedigung 
des materiellen Lebens, unserer korperlichen Bedurfnisse, fur die eine 
Unsumme von Geist verwendet worden ist? Und da alles verteilt ist 
in der Welt, so ist dem Menschen nicht viel Geisteskraft iibrigge- 
blieben auGer der, welche er verwendet hat fur die materielle Welt, 
um hinaufzusteigen in die geistige Welt. Der Geist ist der Sklave 
der Materie geworden. Hat der Grieche in seinen Kunstwerken den 
Geist verkorpert gesehen, heute ist der Geist tief heruntergestiegen, 
und wir haben ein Zeugnis dafiir in den vielen technischen und ma- 
schinellen Einrichtungen unserer Industrie, welche nur den materiel- 
len Bediirfnissen dienen. Und nun fragen wir uns, ist es wirklich ge- 
schehen, daB der Mensch zu tief hinuntergestiegen ist? 

Es ware geschehen, und es ware so gekommen, daB der Mensch 
in der Zukunft die groBten, gewaltigsten Eroberungen gemacht hatte 
auf dem physischen Plan, wenn nicht das eingetreten ware, wovon 
wir in der vorigen Betrachtung gesprochen haben. Auf dem Tief- 
punkt der Menschheksentwickelung wurde der Menschheit durch den 
Christus-Impuls etwas einverleibt, was ihr den AnstoB zu einem neuen 
Aufstieg gab. Das Eintreten des Christus-Impulses in die Mensch- 
heitsentwickelung bildet die andere Seite der Kultur fortan. Er hat 
den Weg gezeigt zur Uberwindung der Materie. Er brachte die Kraft, 
durch welche der Tod iiberwunden werden kann. Dadurch hat er der 
Menschheit weiter die Moglichkeit geboten, wieder hinauf sich zu 
erheben tiber das Niveau des physischen Plans. Es muBte dieser ge- 
waltigste Impuls gegeben werden, ein Impuls, der so wkkungsvoll 
wurde, daB die Materie in so grandioser Weise iiberwunden ward, 
wie das dargestellt worden ist im Johannes-Evangelium, in der Taufe 
im Jordan und im Mysterium von Golgatha. 



Christus Jesus, der vorherverkiindet worden war von den Prophe- 
ten, hat den gewaltigsten Impuls der ganzen Menschheitsevolution 
gegeben. So muBte sich erst der Mensch trennen von den spirituellen 
Welten, um erst wieder an diese anzukniipfen mit der Christus-Wesen- 
heit. Aber wir konnen das noch nicht vollstandig verstehen, wenn 
wir nicht noch tiefer eindringen in die Zusammenhange der ganzen 
Menschheitsentwickelung . 

Wir haben darauf hinzuweisen, daB das, was wir die Erscheinung 
des Christus auf der Erde nennen, ein Ereignis ist, das nur auf dem 
Tiefpunkt, als der Mensch soweit gesunken war, eintreten konnte. 
Der griechisch-lateinische Zeitraum steht mitten drinnen in den sieben 
nachatlantischen Epochen. Kein anderer Zeitpunkt ware der richtige 
gewesen. Wo der Mensch Personlichkeit wurde, da muBte auch zu 
seiner Rettung der Gott Personlichkeit werden, um ihm die Moglich- 
keit zu geben, wieder hinaufzusteigen. Wir haben gesehen, daB der 
Romer erst im romischen Biirgertum seiner Personlichkeit sich be- 
wuBt wurde. Friiher hatte der Mensch doch noch in den Hohen der 
geistigen Welt gelebt; jetzt war er ganz heruntergestiegen bis zum 
physischen Plan. Und nun muBte er durch den Gott selbst wieder 
hinaufgefiihrt werden. 

Tiefer miissen wir uns noch einlassen auf den dritten, den funften 
und den mittleren Zeitraum. Wir diirfen nicht in schulmaBiger Weise 
agyptische Mythologie treiben, aber wir miissen die charakteristischen 
Punkte hervorheben, welche uns tiefer hineinfuhren in das Gefuhls- 
und Empfindungsleben der alten Agypter, um uns dann zu fragen, 
wie dieses in unserer Zeit wieder aufleuchtet. Da miissen wir etwas 
bedenken. 

Wir haben gesehen, wie alle die gewaltigen Bilder von der Sphinx, 
von der Isis und dem Osiris in den agyptischen Mythen und Myste- 
rien Erinnerungen an alte Menschheitszustande waren. Alles das war 
wie eine Spiegelung in den Seelen, eine Spiegelung alter Vorgange 
der Erde. Der Mensch sah zuriick in seine uralte Vergangenheit, 
sah seinen Ursprung. Das geistige Dasein seiner Vorfahren, seiner 
Vater konnte der Eingeweihte wieder erleben. Wir haben gesehen, 
wie der Mensch sich heraufentwickelt hat urspriinglich aus einer 



Gruppenseelenhaftigkeit. Wir konnten darauf hinweisen, wie diese 
Gruppenseelen in den vier Gestalten der apokalyptischen Tiere er- 
halten geblieben sind. Der Mensch entwickelte sich auch aus einer 
solchen Gruppenseelenhaftigkeit heraus, aber so, daB er nach und nach 
seinen Korper verfeinert hat und zur Entwickelung der Individualitat 
gekommen ist. Wir konnen das historisch verfolgen. Lesen wir die 
«Germania» des Tacitus. In den Zeiten, die da geschildert werden, 
die fur die germanischen Gegenden die Zustande in dem ersten Jahr- 
hunderte nach Christus wiedergeben, finden wir, wie das BewuBtsein 
des einzelnen vielmehr noch im GemeinsamkeitsbewuBtsein aufgeht, 
wie noch der Stammesgeist herrscht, wie der Cherusker zum Beispiel 
sich noch als Giied seines Stammes fiihlte. Dieses BewuBtsein ist noch 
so stark vorhanden, daB der einzelne fur einen anderen derselben 
Gruppe Rache nimmt. Es findet in der Sitte der Blutrache seinen 
Ausdruck. Da war also noch eine Art Gruppenseelenhaftigkeit vor- 
handen. Diese Gruppenseelenhaftigkeit hat sich bis in spate nach- 
atlantische Zeiten erhalten. Alles das sind aber nur Nachklange. In 
der letzten Zeit der Atlantis verschwand im allgemeinen das Gruppen- 
bewuBtsein im wesentlichen. Nur die Nachzugler haben wir eben ge- 
schildert. In Wahrheit wuBten damals die Menschen nichts mehr von 
der Gruppenseele. In der atlantischen Zeit aber wuBte der Mensch 
noch davon. Da sagte er noch nicht «Ich» von sich. Dieses Gefiihl 
der Gruppenseelenhaftigkeit iibertrug sich dann nur in etwas auf die 
folgenden Generationen. 

So sonderbar das scheinen mag, es ist so, daB das Gedachtnis in 
alteren Zeiten eine ganz andere Bedeutung und Kraft hatte. Was ist 
heute denn das Gedachtnis? Denken Sie einmal nach, ob Sie sich 
noch erinnern an einzelne Vorgange ihrer ersten Kindheit? Es wird 
nur wenig sein. Weiter als bis zur Kindheit geht es aber nicht. An 
nichts werden Sie sich erinnern, was vor Ihrer Geburt liegt. So war 
es damals noch nicht in der atlantischen Zeit. Auch noch in der 
ersten nachatlantischen Zeit erinnerte sich der Mensch an dasjenige, 
was sein Vater, GroBvater, UrgroBvater erlebt hatten. Und es hatte 
gar keinen Sinn davon zu sprechen, daB zwischen Geburt und Tod 
ein Ich ist. Da ging das in der Erinnerung bis in die Jahrhunderte 



zuriick. Soweit das Blut herunterfloB von dem Urahnen au£ die 
Nachkommen, so weit reichte das Ich. Das Gruppen-Ich ist damals 
nun nicht raumlich ausgebreitet iiber die Zeitgenossen zu denken, 
sondern hinaufgehend in die Generationen. Deshalb wird der heu- 
tige Mensch nie verstehen, was als Nachklang davon in den alten Patri- 
archenerzahlungen gegeben ist: daB Noah, Abraham und so wei- 
ter so alt geworden sind. Sie zahlten ihre Vorfahren durch mehrere 
Generationen hinauf noch zu ihrem Ich. Davon kann sich der heu- 
tige Mensch keinen Begriff mehr machen. Es hatte in diesen Zeiten 
keinen Sinn gehabt, einen einzelnen Menschen zwischen Geburt und 
Tod zu benennen. Es setzte sich das Gedachtnis in der ganzen Ahnen- 
reihe aufwarts durch Jahrhunderte hindurch fort. Soweit der Mensch 
sich erinnerte durch Jahrhunderte hindurch, soweit gab man ihm 
seinen Namen. Adam war sozusagen das Ich, das mit dem Blute durch 
die Generationen floB. Erst wenn man diese realen Tatsachen kennt, 
dann weiB man, wie es mit solchen Dingen steht. In dieser Gene- 
rationenreihe fuhlte sich der Mensch geborgen. Das ist in der Bibel 
gemeint, wenn es heifit «Ich und der Vater Abraham sind eins». 
Wenn das der Bekenner des Alten Testaments sagte, dann fuhlte 
er sich erst recht als Mensch innerhalb der Generationenreihe. Auch 
noch bei den ersten nachatlantischen Menschen, selbst bei den Agyp- 
tern, war dieses BewuBtsein vorhanden. Man fuhlte die Gemeinsam- 
keit des Blutes. Und das bewirkte auch fur das geistige Leben etwas 
Besonderes. 

Wenn heute der Mensch stirbt, so hat er ein Leben in Kamaloka, 
an das sich ein verhaltnismaBig langes Devachanleben anschlieBt. Das 
aber ist schon eine Folge des Christus-Impulses. Das gab es damals in 
den vorchristlichen Zeiten nicht, damals fuhlte sich der Mensch ge- 
bunden bis in die Stammvaterzeit. Heute muB sich der Mensch in 
Kamaloka abgewohnen die Begierden und Wiinsche, an die er in der 
physischen Welt sich gewohnt hatte; davon hangt die Dauer dieses 
Zustandes ab. Der Mensch hangt an seinem Dasein zwischen Geburt 
und Tod; in alten Zeiten hing man noch an viel mehr. Da hing man 
mit dem physischen Plan so zusammen, daB man sich als ein Glied der 
ganzen physischen Generationenreihe fuhlte. Da hatte man in Kama- 



loka nicht blofi das Hangen an dem individuellen physischen Dasein 
durchzumachen, man muBte wirklich durchlaufen in Kamaloka all das, 
was zusammenhangt mit den Generationen bis zum Urahn hinauf . Man 
durchlebte dieses riickwarts. Das hatte das zur Folge, was als tiefe 
Wahrheit dem Ausspruche zugrunde liegt: Sich geborgen fuhlen in 
Abrahams SchoB. - Der Mensch fiihlte: Nach dem Tode geht es hin- 
auf durch die ganze Reihe der Ahnen. Und der Weg, den man da 
durchzumachen hatte, wurde genannt: Der Weg zu den Vatern. - 
Erst wenn der Mensch diesen Weg durchgemacht hatte, erst dann 
konnte er hinaufgehen in die geistigen Welten, dann erst konnte er 
den Gotterweg gehen. Es machte die Seele damals den Vaterweg und 
den Gotterweg durch. 

Nun haben sich die Kulturen ja nicht so schroff abgelost. Das We- 
sen der indischen Kultur ist ja geblieben, aber es hat sich geandert. 
Es ist geblieben neben den folgenden Kulturen. In der der agyptischen 
gleichzeitigen Fortsetzung der indischen Kultur ist auch etwas Ahn- 
Hches aufgetaucht. Heute verwechselt man so leicht dasjenige, was 
spater und dasjenige, was fruher ist. Daher ist so stark betont worden, 
daB ich nur Andeutungen aus der alleraltesten Zeit machte. Unter 
anderem haben nun die Inder auch aufgenommen die Anschauung von 
dem Vaterweg und dem Gotterweg. 

Je mehr der Mensch nun eingeweiht worden ist, je mehr er sich 
frei gemacht hat von dem Hangen an der Heimat und an den Vatern, 
je mehr er heimatlos geworden war, desto langer wurde der Gotter- 
weg, desto kiirzer der Vaterweg. Derjenige, der mit alien Fasern an 
den Vatern hing, hatte einen langen Vaterweg, einen kurzen Gotter- 
weg. In der Terminologie des Orients nannte man den Vaterweg 
Pitriyana und den Gotterweg Devayana. Wenn wir heute den Aus- 
druck Devachan gebrauchen, so sollen wir uns klar sein, daB das nur 
ein Ausdruck ist, den wir gebrauchen muBten. Ein alter Vedantist 
wurde uns einfach auslachen, wenn wir ihm mit Darstellungen kamen, 
die wir geben vom Devachan. Es ist nicht so leicht, sich in die orien- 
talische Denk- und Anschauungsweise Mneinzufinden. Wir mussen 
manchmal gegen diejenigen, die vorgeben, die orientalischen Wahr- 
heiten zu geben, diese Wahrheiten geradezu in Schutz nehmen. Gar 



mancher, der heute irgendwelche Darstellungen als sogenannte indi- 
sche Lehre erhalt, hat kein BewuBtsein davon, daB er eine recht kon- 
fuse Lehre erhalt. Die heutige Geisteswissenschaft braucht doch kei- 
nen Anspruch darauf zu machen, eine orientalisch-indische Lehre zu 
sein. In gewissen Kreisen liebt man zwar das, was recht weit, zum 
Beispiel aus Amerika herkommt. Aber die Wahrheit ist iiberall zu 
Hause. Die antiquarische Forschung gehort den Gelehrten, aber Gei- 
steswissenschaft ist Leben. Die geisteswissenschaftliche Wahrheit kann 
jeden Augenblick erforscht werden und iiberall. Das miissen wir uns 
vor die Seele halten. 

Nun war bei den alten Agyptern dasjenige, was wir eben anfuhr- 
ten, nicht nur Theorie, sondern auch Praxis. Praktisch war auch das, 
was in den groBen Mysterien der Agypter gelehrt wurde. Es hatte 
damit eine besondere Bewandtnis, die wir bei tieferem Eindringen 
in dieselben noch kennenlernen werden. Die Mysterien der alten 
Agypter erstrebten etwas ganz Besonderes. Heute kann der Mensch 
leicht daniber lacheln, wenn ihm gesagt wird, daB der Pharao in einer 
bestimmten Zeit eine Art Eingeweihter war, wenn ihm erzahlt wird, 
wie der Agypter stand zu seinem Pharao, wie er stand zu seinen Staats- 
einrichtungen. Fur den europaischen Gelehrten der Gegenwart ist es 
ganz besonders lacherlich, wenn sich der Pharao den Namen «Sohn 
des Horus» oder sogar «Horus» selbst beilegte. Sonderbar erscheint 
uns heute, nicht wahr, wie der Mensch als Gott verehrt werden kann ; 
etwas Abstruseres kann man sich ja nicht denken. Der heutige Mensch 
kennt eben den Pharao und seine Mission nicht. Man weifi eben nicht, 
was die Pharao-Einweihung wirklich war. Heute sieht man in einem 
Volke nur eine Gruppe von Menschen, die man zahlen kann. Ein Volk 
ist dem heutigen Menschen ein wesenloses Abstraktum, Realitat ist 
einzig eine gewisse Summe von Menschen, die ein gewisses Gebiet er- 
fullen. Das ist das «Volk» nicht fur denjenigen, der auf dem Stand- 
punkte des Okkultismus steht. Wie der Finger als einzelnes Glied zum 
ganzen Leibe gehort, so gehoren die einzelnen Menschen des Volkes 
zu einer Volksseele. Sie sind sozusagen in sie eingebettet, nur ist die 
Volksseele nicht physisch, sie ist nur als Athergestalt real. Sie ist eine 
absolute Realitat: der Eingeweihte kann sich mit dieser Seele unter- 



halten. Sie ist sogar viel realer fur ihn als die einzelnen Individualitaten 
eines Volkes, viel realer als ein einzelner Mensch. Fur den Okkultisten 
gelten auch die geistigen Erfahrungen, da ist die Volksseele etwas 
durchaus Reales. Betrachten wir einmal ganz schematisch diesen Zu- 
sammenhang der Volksseele mit den Individuen. 

Wenn wir die einzelnen Individuen als kleine Kreise denken, die 
einzelnen Iche, so sind diese nur fur die auBere physische Betrachtung 
Einzelwesen. Wer geistig sie betrachtet, der sieht diese einzelnen Indi- 
vidualitaten eingebettet wie in einen atherischen Nebel, und das ist 
die Verkorperung der Volksseele. Nun denkt, tut, fuhlt und will der 
einzelne Mensch etwas. Er strahlt seine Gefiihle und Gedanken in die 
gemeinsame Volksseele hinein. Diese wird gefarbt von dieser Aus- 
strahlung. Dadurch wird die Volksseele durchsetzt von den Gedanken 
und Gefiihlen der einzelnen Menschen. Und wenn wir absehen vom 
physischen Menschen und nur seinen Atherleib und Astralleib be- 
trachten, und dann den Astralleib eines ganzen Volkes betrachten, 
dann sehen wir, daB der Astralleib eines ganzen Volkes seine Farben- 
schattierungen von den einzelnen Menschen erhalt. 

Das wuBte der alte agyptische Eingeweihte, aber er wuBte noch 
etwas mehr. Der alte Agypter fragte sich, wenn er diese Volkssub- 
stanz betrachtete: Was lebt denn eigentlich in der Volksseele? - Was 
sah er darin? Er sah in seiner Volksseele die Wiederverkorperung der 
Isis. Er sah, wie sie gewandelt war einst unter den Menschen selbst. 
Die Isis wirkte in der Volksseele. Er sah in ihr dieselben Wirkungen 
wie die vom Monde ausgehenden: diese Krafte wirkten in der Volks- 
seele. Und dasjenige, was der Agypter als Osiris sah, wirkte in den 
individuellen geistigen Strahlen; darin erkannte er die Osiriswirkung. 
Die Isis aber sah er in dieser Volksseele. 

Osiris war also fur den physischen Plan nicht sichtbar. Osiris war 
gestorben fur den physischen Plan. Nur wenn der Mensch gestorben 
war, wurde Osiris ihm wieder vor Augen gestellt. Daher lesen wir 
im agyptischen Totenbuche, wie der Agypter fuhlte, er werde im Tode 
mit Osiris vereint, er werde selbst ein Osiris. Osiris und Isis wirkten 
zusammen im Staat und in dem einzelnen Menschen als seinen Glie- 
dern. 



Nun betrachten wir den Pharao wieder und bedenken, daB das fur 
ihn eine Realitat war. Es bekarn der einzelne Pharao vor der Initia- 
tion einen Unterricht, damit er das nkht nur mit dem Verstande be- 
griff, sondern damit fur ihn das eine Wahrheit, eine Realitat wurde. 
Er muBte soweit gebracht werden, daB er sich sagen konnte: Will ich 
regieren das Volk, so muB ich hinopfern von meiner Geistigkeit einen 
Teil, muB einen Teil meines Astralleibes, einen Teil meines Atherleibes 
ausldschen. In mir miissen wirken das Osiris- und das Isisprinzip. Ich 
personlich darf nichts wollen: wenn ich etwas spreche, muB Osiris 
sprechen; wenn ich etwas tue, muB Osiris es tun; wenn ich die Hand 
bewege, muB Isis und Osiris wirken. Darstellen muB ich den Sohn 
der Isis und des Osiris, den Horus. 

Initiation ist keine Gelehrsamkeit. Aber so etwas zu konnen, sich 
so hinopfern zu konnen wie der Pharao, das hangt mit der Initiation 
zusammen. Denn, was er hinopferte von sich, das konnte ausgefiillt 
werden mit Teilen der Volksseele. Der Teil, dessen sich der Pharao 
begab, den er hinopferte, dieser Teil gab ihm gerade Macht. Denn die 
berechtigte Macht entsteht nicht dadurch, daB man die Personlichkeit 
als eigene Personlichkeit erhoht, sondern die berechtigte Macht ent- 
steht dadurch, daB man in sich aufnimmt, was iiberragt die Grenzen 
der Personlichkeit: eine hohere geistige Macht. Der Pharao hatte in 
sich aufgenommen eine solche Macht, und die wurde reprasentiert 
nach aufien durch die Urausschlange. 

So haben wir wiederum in ein Mysterium hineingeschaut. Wir haben 
etwas viel Hoheres gesehen, als gegeben wird heute als Erklarungen, 
wenn man heute von den Pharaogestalten spricht. 

Wenn nun der Agypter solche Gefiihle hegte, woran muBte ihm da 
im besonderen liegen? Es muBte ihm daran liegen, daB die Volksseele 
so stark wie moglich wurde, daB sie moglichst reich an guten Kraften 
wurde, daB sie nicht vermindert wurde. Mit dem, was die Menschen 
durch die Blutsverwandtschaft hatten, mit dem konnten die agypti- 
schen Eingeweihten nicht rechnen. Aber dasjenige, was als geistige 
Giiter die Vorvater gesammelt hatten, das sollte Gut werden der ein- 
zelnen Seele. Das wird uns angedeutet im Totengericht da, wo der 
Mensch den zweiundvierzig Totenrichtern gegeniibergestellt wird. Da 



werden abgewogen die Taten der einzelnen. Wer sind die zweiund- 
vierzig Totenrichter? Es sind die Ahnen. Man hatte den Glauben, daB 
das Leben des Menschen sich verwoben habe mit dem von zweiund- 
vierzig Ahnen. Driiben sollte er sich vor ihnen verantworten, ob er 
wirklich aufgenommen hatte, was sie ihm geistig geboten hatten. So 
war das, was die agyptischen Mysterienlehren enthielten, etwas, was 
praktisch werden sollte fur das Leben, was aber auch verwertet wer- 
den sollte fur die Zeit jenseits des Todes, fur das Leben zwischen 
Tod und einer neuen Geburt. In der agyptischen Epoche hatte sich 
der Mensch schon verstrickt mit der physischen Welt. Zugleich aber 
muBte er aufschauen zu seinen Ahnen in der anderen Welt und muBte 
das von ihnen Ererbte in der physischen Welt kultivieren. Durch dies 
Interesse wurde er an den physischen Plan gefesselt, indem er mit- 
wirken muBte an dem, was die Vater gewirkt hatten. 

Nun nriissen wir bedenken, daB die heutigen Seelen Wiederverkor- 
perungen der alten agyptischen Seelen sind. Was bedeutet nun das, 
was damals geschah, den heute lebenden Seelen, die es in ihrer agyp- 
tischen Inkarnation erlebt haben? Alles was damals die Seele erlebt hat 
zwischen Tod und einer neuen Geburt, alles dasjenige hat sich ver- 
woben mit der Seele, ist in dieser Seele und ist wiedererstanden in 
dem Zeitraume, der der unsrige, der funfte ist, der die Friichte des 
dritten Zeitraumes wiederbringt, die in den Neigungen, in den Ideen 
auftreten der heutigen Zeit, die ihre Ursache haben in der alten agyp- 
tischen Welt. Heute kommen wieder heraus alle Ideen, die damals 
keimartig in die Seelen hineingelegt worden sind. Deshalb ist es leicht 
einzusehen, daB dasjenige, was die Menschen sich heute erobern auf 
dem physischen Plan, nichts weiter ist als eine Vergroberung des Hin- 
auslegens des Interesses auf den physischen Plan, wie es im alten 
Agypten vorhanden war, nur sind heute die Menschen noch tiefer in 
die Materie verstrickt worden. Wir haben schon in der Mumiflzierung 
der Toten eine Ursache gesehen dessen, was als materielle Auffassung 
auf dem physischen Plan ausgelebt wird. 

Denken wir uns eine Seele der damaligen Zeit. Denken wir uns eine 
Seele, die damals als Schiiler eines alten Eingeweihten gelebt hat. 
Ein solcher Schiiler hat den geistigen Blick hinaufgelenkt bekommen 



durch wirkliche Anschauung zu dem Kosmos. Wie im Monde Osiris 
und Isis wandelten, das war geistige Anschauung fur ihn geworden. 
Alles war durchtrankt von geistig-gottlichen Wesenheiten. Das hat er 
in seine Seele aufgenommen. Er wird wieder verkorpert im vierten 
und funften Zeitraum. Im funften Zeitraum erlebt ein solcher Mensch 
das alles wieder. Es kommt ihm als eine Erinnerung zuriick. Was ge- 
schieht nun damit? Zu allem, was da in der Sternenwelt lebt, blickte 
der Schtiler auf. Dieser Aufblick lebt wieder auf in irgendeinem Men- 
schen des funften Zeitraums. Er erinnert sich an das, was er damals 
gesehen und gehort hat. Er kann es nicht wiedererkennen, weil es 
eine materielle Farbung bekommen hat. Das Geistige ist es nicht mehr, 
was er sieht, aber die materiell-mechanischen Beziehungen entstehen 
wieder, und er schafft sich den Gedanken in materialistischer Form 
als Erinnerung wieder. Wo er fruher gesehen hatte gottliche Wesen- 
heiten, Isis und Osiris, da sieht er jetzt nur noch abstrakte Krafte 
ohne das geistige Band. Diese geistigen Beziehungen erscheinen ihm 
wieder in Gedankenform. Es ersteht alles wieder, aber in materieller 
Gestalt. 

Wenden wir das auf eine bestimmte Seele an, die damals einen Ein- 
blick erhielt in die groBen kosmischen Zusammenhange ; denken wir 
uns, es ersteht dasjenige, was fruher in Agypten geistig gesehen wor- 
den ist, vor dieser Seele. Es ersteht heute wieder in dieser Seele, im 
funften nachatlantischen Zeitraum : und wir haben die Seele des Koper- 
nikus. Das kopernikanische Weltsystem ist so entstanden als eine Er- 
innerungsanschauung an die geistigen Erlebnisse im alten Agypten. 
Ebenso steht es mit dem Weltsystem Keplers. Diese Menschen haben 
aus ihrer Erinnerung diese groBen Gesetze wiedergeboren aus dem, 
was sie in der agyptischen Zeit erlebt hatten. Und nun denken wir 
daran, wie so etwas in der Seele als eine leise Erinnerung auflebt, 
denken wir daran, daB dasjenige, was eigentlich ein solcher Geist 
denkt, im alten Agypten in spiritueller Form von ihm erlebt worden 
ist. Was kann uns ein solcher Geist dann sagen? DaB es ihm ist, wie 
wenn er zuriickblickte ins alte Agypterland. Es ist so, wie wenn er 
das in neuer Gestalt nun wiederbringt, wenn ein solcher Geist sagt: 
«Nunmehr aber, nachdem mir seit anderthalb Jahren das erste Mor- 



genrot, seit wenigen Monaten der voile Tag, seit wenigen Tagen end- 
lich die reine Sonne der wundervollsten Betrachtungen aufgegangen, 
halt mich nichts mehr zuriick; ich will schwarmen in heiliger Glut; 
ich will die Menschenkinder hohnen mit dem einfachen Gestandnis, 
daB ich die goldenen GefaBe der Agypter entwende, urn meinem Gott 
ein Gezelt daraus zu bauen, weit entfernt von Agyptens Grenzen.» 
1st es nicht wie eine wirkliche Erinnerung, die der Wahrheit ent- 
spricht? Und diesen Ausspruch hat Kepler getan. Bei ihm finden wir 
auch den Ausspruch: «Es pocht die alte Erinnerung an mein Herz.» 
So wunderbar hangen die Dinge in der Menschheitsevolution zusam- 
men. In so manchen sinnvollen, ratselhaften Ausspruch kommt Licht 
und Bedeutung, wenn man die geistigen Zusammenhange verspiirt. 
Dann erst wird das Leben groB und gewaltig, dann fuhlen die Men- 
schen sich hinein in ein groBes Ganzes, wenn sie verstehen, daB der 
einzelne nur eine individuelle Ausgestaltung des durch die Welt zie- 
henden Spirituellen ist. 

Ich habe auch schon einmal darauf aufmerksam gemacht, daB es eine 
materialistische Vergroberung dessen ist, was die Agypter als Gotter 
dargestellt haben in Tiergestalt, was auferstanden ist in unserer Zeit 
als Darwinismus. So konnte ich auch zeigen, daB, wenn man richtig 
Paracelsus versteht, man erkennen kann, daB seine Heilkunde ein Wie- 
derauf leben dessen ist, was in den Tempeln des alten Agyptens gelehrt 
wurde. Betrachten wir einen solchen Geist, wie Paracelsus war. Einen 
merkwurdigen Ausspruch finden wir bei ihm. Wer sich hineinvertieft 
in Paracelsus, der weiB, welch hoher Geist in ihm lebte. Er hat einen 
merkwurdigen Ausspruch getan, er sagte: In vielem habe er vieles 
gelernt, am wenigsten zwar habe er auf Akademien gelernt, er habe 
aber auf seinem Zuge durch die Lander viel von dem Volke und aus 
alten Traditionen gelernt. - Es entzieht sich uns die Moglichkeit, auf 
Beispiele nur hinzuweisen, wie tiefe Wahrheiten in unserem Volke 
noch vorhanden sind, die gar nicht mehr verstanden werden, die 
Paracelsus aber verwerten konnte. Er sagte, er habe ein Buch gefun- 
den mit tiefen medizinischen Wahrheiten. Und welches Buch nennt 
er da? Die Bibell Er meint damit nicht nur das Alte, im wesentlichen 
meint er das Neue Testament. Man muB nur die Bibel lesen konnen, 



um das darin zu finden, was Paracelsus darin fand. Und was wurde 
aus der Medizin des Paracelsus ? Wahr ist es, sie ist eine alte Erinne- 
rung an die alte agyptische Heilmethode. Dadurch aber, daB er die 
Geheimnisse des Christentums aufnahm, den Impuls nach oben, sind 
seine Werke von spiritueller Weisheit durchdrungen worden, sie sind 
durchchristet worden. Das ist der Gang in die Zukunft. Das ist das- 
jenige, was alle tun muBten, welche den Riickweg immer mehr bahnen 
wollen aus dem Fall in die Materie in der neuesten Zeit. Es gibt da 
eine Moglichkeit, die groBen materiellen Fortschritte nicht zu unter- 
schatzen. Es gibt aber auch die Moglichkeit, das Spirituelle in sie ein- 
flieBen zu lassen. 

Wer heute studiert, was die materielle Wissenschaft bieten kann, 
wer in die materielle Wissenschaft hinuntersteigt und nicht zu bequem 
ist, sich in sie zu vertiefen, der tut auch als Geisteswissenschafter gut 
daran. Viel kann man lernen von den rein materialistischen Forschern. 
Wir kdnnen dasjenige, was wir da finden, durchdringen mit dem rei- 
nen Geist, den die Geistes wissenschaft bieten kann. Wenn wir so alles 
durchdringen mit dem Spirituellen, dann ist das richtig verstandenes 
Christentum. Es ist nichts anderes als eine Verleumdung der Geistes- 
wissenschaft, wenn die Menschen sagen, sie sei eine phantastische 
Weltanschauung. Sie kann stehen ganz fest und sicher auf dem Boden 
aller Realitat. Und es ware nur ein elementarster Anfang der Geistes- 
wissenschaft, wenn man sich vertiefen wollte in ein schematisches Dar- 
stellen der hoheren Welten. Nicht so sehr darauf kommt es an, daB 
der Geisteswissenschafter die Dinge bloB weiB und auswendig lernt 
die geisteswissenschaftlichen Begriffe. Darauf kommt es nicht allein 
an. Sondern darauf kommt es an, daB die Lehren und Anschauungen 
iiber die hoheren Welten fruchtbar werden im Menschen, daB in alles, 
in das alltagliche Leben hineingetragen werden die wahren geistes- 
wissenschaftlichen Lehren. 

Nicht darauf kommt es an, daB man predigt von der allgemeinen 
Bruderliebe. Es ist am besten, so wenig wie moglich davon zu reden. 
Es ist mit einer solchen Phrase so, wie wenn man zum Ofen sagt: 
Lieber Ofen, deine Aufgabe ist, das Zimmer zu warmen. Erfiille deine 
Aufgabe. - So ist es mit den Lehren, die durch solche Phrasen ge- 



geben werden. Es kommt auf die Mittel an. Der Ofen bleibt kalt, wenn 
ich ihm bloB sage, er solle warm sein. Er wird warm, wenn er Heiz- 
material hat. Der Mensch bleibt audi kalt bei Ermahnungen. Was ist 
aber Heizmaterial fur den modernen Menschen? Die Einzeltatsachen 
der spirituellen Lehren sind Heizmaterial fur den Menschen. Man darf 
nicht bequem sein und bei der «allgemeinen Bruderschaft» stehen- 
bleiben. Heizmaterial muB den Menschen gegeben werden. Die Brii- 
derlichkeit ergibt sich dann schon von selbst. Wie die Pflanzen ihre 
Bluten der Sonne entgegenstrecken, so miissen wir alle aufschauen 
zur Sonne des spirituellen Lebens. 

Es kommt darauf an, daB wir solche Dinge, in die wir hineinge- 
schaut haben, nicht nur als theoretische Lehren aufnehmen, sondern 
daB sie Kraft werden in unseren Seelen. Fiir jeden Menschen, auf 
jedem Posten im praktischen Leben konnen sie Impulse geben zu dem, 
was er zu schaffen hat. Die Menschen, die heute mit einem gewissen 
Hohn auf die Geisteswissenschaft herabschauen, die fiihlen sich erha- 
ben uber die «phantastischen» Lehren der Geisteswissenschaft. Sie 
finden darin « nicht zu beweisende Behauptungen» und sagen, man 
solle sich halten an die Tatsachen. - Es konnte leicht, wenn der Gei- 
steswissenschafter nicht stark, sondern kleinmutig gemacht wiirde 
durch das Leben in der Geisteswissenschaft, es konnte leicht gesche- 
hen, daB er beirrt wiirde in seiner Sicherheit und Energie, wenn er 
sieht, wie gerade diejenigen, welche die Geisteswissenschaft verstehen 
sollten, wie gerade die sie absolut nicht begreifen. 

Unsere Zeit blickt so leicht herab auf das, was die Agypter ihre 
Gotter genannt haben. «Wesenlose Abstraktion», sagt man. Der mo- 
derne Mensch ist aber viel aberglaubischer. Er hangt an ganz ande- 
ren Gottern, die fur ihn Autoritat sind. Weil er gerade nicht die Knie 
beugt vor ihnen, merkt er nicht, was fur einen Aberglauben er treibt. 

Meine lieben Freunde, wenn wir so wieder zusammengewesen sind, 
sollen wir immer eingedenk sein, daB, wenn wir auseinandergehen, 
wir nicht nur mitnehmen sollen eine Summe von Wahrheiten, sondern 
daB wir mitnehmen sollen einen Gesamteindruck, einen Empfindungs- 
eindruck, der am richtigsten die Form annimmt, die der Geisteswis- 
senschafter als Willensimpuls kennt: daB er die Geisteswissenschaft 



hineintragen will in das Leben und durch nichts in seiner Sicherheit 
sich beirren lassen will. 

Stellen wir uns ein Bild vor die Seele. Man hort so oft: Ach diese 
Geistsucher! Die setzen sich da zusammen in ihre Loge, da treiben 
sie allerlei phantastisches Zeug. Darauf kann sich der Mensch, der auf 
der Hohe der heutigen Zeit steht, nicht einlassen. - Die Anhanger 
der Geisteswissenschaft nehmen sich heute manchmal aus wie eine ver- 
achtete Klasse von Menschen, wie ungebildet und ungelehrt. Braucht 
uns daraus Kleinmut zu ersprieBen? Nein! Wir wollen ein Bild uns 
vor die Seele fuhren und die Gefuhle, die sich daran kniipfen, wek- 
ken. Wir erinnern uns an Ahnliches in verflossenen Zeiten, wir er- 
innern uns, wie im alten Rom etwas ganz Ahnliches geschah. Wir 
sehen, wie das erste Christentum sich ausbreitet gerade im alten Rom 
in einer ganz verachteten Klasse von Menschen. Wir schauen heute 
mit berechtigtem Entziicken zum Beispiel auf das Kolosseum, das das 
kaiserliche Rom erbaut hat. Wir konnen aber auch auf die Leute, die 
sich damals auf der Hohe der Zeit dunkten, den Blick werfen, wie 
sie in dem Zirkus saBen und zuschauten, wie die Christen auf der 
Arena verbrannt wurden und wie Weihrauch angezundet wurde, da- 
mit der Geruch der verbrannten Leichen nicht hinaufsteige. 

Und jetzt richten wir den Blick auf die Reihe der Verachteten. Sie 
lebten in den Katakomben, in unterirdischen Gangen. Da muBte sich 
verkriechen das sich eben ausbreitende Christentum. Da unten errich- 
teten die ersten Christen Altare auf den Grabern ihrer Toten. Da unten 
hatten sie ihre wunderbaren Zeichen, ihre Heiligtiimer. Wir werden 
von einer sonderbaren Stimmung ergrifFen, wenn wir heute durch die 
Katakomben schreiten, durch das unterirdische, verachtete Rom. Die 
Christen wuBten, was ihnen vorbehalten war. Verachtet war das, was 
der erste Keim des Christus-Impulses war, auf der Erde eingeschlos- 
sen in die unterirdischen Katakomben. Was ist von dem kaiserlichen 
Rom geblieben? Das ist von der Erde verschwunden. Aber was da- 
mals in den Katakomben lebte, ist erhoben worden. 

Mogen heute die, die sich zu Tragern einer spirituellen Weltan- 
schauung machen wollen, mogen sie die Sicherheit der ersten Christen 
erhalten. Mogen die Vertreter der Geisteswissenschaft leben, verachtet 



von der zeitgenossischen Gelehrsamkeit, mogen sie aber wissen, daB 
sie eben arbeiten fur das, was bluhen und gedeihen wird in der Zu- 
kunft. Mogen sie ertragen lernen alles Widerwartige der Gegenwart. 
Wir arbeiten in die Zukunft hinein. Das kann man auch in Beschei- 
denheit und auch in Sicherheit, ohne Oberhebung fiihlen, stark gegen 
die MiBverstandnisse in unserer Zeit. 

Mit solchen Gefuhlen versuchen wir das, was vor unsere Seele 
getreten ist, zum Bleibenden zu machen. Nehmen wir es mit hinaus 
als Kraft, und wirken wir briiderlich untereinander im rechten Sinne 
weiter ! 



An die 

Mitglieder der 
Theosophischen Gesellschaft (Adyar.) 

YV/ir erlauben uns Ihnen mitzuteilen, daB Herr Dr. Rudolf Steiner in 
**' der Zeit vom 2.— 14. September ds. J. in Leipzig eine Reihe von 
Vortragen halten wird iiber das Thema: 

„flegyptische Mythen und Mysterien 

im 

Verhaltnis zu den wirkenden Geistes- 
— kraften der GegenWart" — — = 

und laden die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft (Adyar) freund- 
lich zur Teilnahme ein. 

Die Vortrage finden jeweils abends piinktlich 8 Uhr im Kiinstler- 
haus, BosestraBe 9 statt. Durch Veranstaltung eines geselligen Bei- 
sammenseins mit musikalischen Darbietungen in der Wohnung eines Mit- 
gliedes, wozu Einladungen ergehen werden, soli den Oasten und den 
Mitgliedern Oelegenheit gegeben werden, einander kennen zu lernen. 
Zwei Nachmittage sind zur Fragebeantwortung vorgesehen, da an die 
Vortrage eine Diskussion nicht mehr angeschlossen wird. 



176 



Karten fur den ganzen Vortragszyklus zu Mark 10— werden ab 
1. Juni ds. J. ausgegeben gegen Voreinsendung des Betrags an Frau Else 
Dannenberg, Leipzig, PromenadenstraBe 9 L AuBerdem stehen Freunden 
der Gesellschaft Einzelkarten a M. 1.— - pro Vortrag zur Verfugung. AHe 
weiteren Auskunfte erteilt gerne Frau E. Wolfram, Leipzig, SteinstraBe 13 1 

In der Hoffnung, recht viele unserer Freunde bei uns begriiBen zu 
diirfen, bitten wir uns Anmeldungen so bald als moglich zukommen zu 
lassen. 

Mit theosophischem GruB! 

Leipzig, Ende Mai 1908. Der Zweig Leipzig. 

SteinstraBe 13, part. 



177 



HINWEISE 



7,u dieser Ausgabe 

Der vorliegende Vortragszyklus wurde von Rudolf Steiner im Zweig Leipzig der 
damaligen Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gehalten; eingela- 
den waren alle Mitglieder (siehe Einladung Seiten 176/177). Da der Zweig Leipzig 
von Elise Wolfram geleitet wurde, die sich besonders stark fur Mythologien 
interessierte, selbst Vortrage hielt und Schriften publizierte, darf angenommen 
werden, dafi sie um das Thema gebeten hatte. Allerdings hatte vier Wochen vorher 
bereits in Stuttgart ein Vortragszyklus unter ahnlichem Titel stattgefunden: 
«Welt, Erde und Mensch, deren Wesen und Entwickelung, sowie ihre Spiegelung 
zwischen agyptischem Mythos und gegenwartiger Kultur» (GA 105), iiber dessen 
Zustandekommen ebenfalls niclits naheres bekannt ist. Beide Zyklen waren in Nr. 
VII (September 1908) der «Mitteilungen fur die Mitglieder der Deutschen Sektion 
der Theosophischen Gesellschaft (Hauptquartier Adyar)» angekiindigt worden. 

Textunterlagen: Rudolf Steiners frei gehaltene Vortrage wurden von stenogra- 
phisch geschulten Freunden mehr oder weniger gut mitgeschrieben. Bei der hier 
vorliegenden Vortragsreihe mufi ausdriicklich darauf aufmerksam gemacht wer- 
den, daft die Nachschriften liickenhaft sind. Die erste Buchausgabe (Dornach 
1931) brachte schon einige Erganzungen aus einer anderen Nachschrift als 
derjenigen, auf Grund welcher die Ausgabe im Zyklenformat (Berlin 1911) 
erfolgte. Einige besonders mangelhafte Stellen sind in den folgenden Hinweisen 
vermerkt. 

Rudolf Steiner selbst konnte den zu seinen Lebzeiten erschienenen Manu- 
skriptdruck (Berlin 1911) infolge seiner totalen Uberbeanspruchung durch stan- 
dige Vortragsreisen nicht selbst durchsehen. Die Herausgabe besorgte in seinem 
Auftrag Marie von Sivers (Marie Steiner). Sie gab auch die erste Buchausgabe 
(Dornach 1931) heraus, der sie Inhaltsangaben beifugte, die fur die spateren 
Auflagen innerhalb der Gesamtausgabe teilweise erweitert wurden. Auch sind 
Hinweise und ein Namenregister erstellt worden. 

Der Titel des Bandes wurde fur die 5. Auflage 1992 entsprechend dem von Rudolf 
Steiner fur den Vortragszyklus gegebenen erganzt. 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (G A) werden in den Hinweisen mit der 
Bibliographie-Nummer angegeben. 

Zu Seite 

11 Goethe . . . «Geheimnisse»: Ein Fragment (1784-1786). Siehe hierzu Rudolf Steiners 
Vortrag in Koln, 25. Dezember 1907 «Die Geheimnisse. Ein Weihnachts- und 
Ostergedicht von Goethe», Einzelausgabe, und in «Natur- und Geistwesen - ihr 
Wirken in unserer sichtbaren Welt», GA 98. 

15 Sammlungen des Veda: «Veda», d. h. heiliges «Wissen», nennt sich die Gesamtheit der 
altesten in der Sanskritsprache abgefalken religidsen Schriften der Hindus, denen ein 
uberirdischer Ursprung zugeschrieben wird. Es handelt sich um eine umfangreiche 
Literatur, die lange Zeit nur mundlich weitergegeben wurde. Die vedischen Uberliefe- 
rungen gliedern sich hauptsachlich in 1. die Sanhitas, 2. die Brahmanas und 3. die 
Aranyakas und Upanishads. Die Sanhitas sind «Sammlungen» von Liedern, Opfer- 
formeln und Zauberspruchen. Man unterscheidet vier derartige Sammlungen, die man 
allgemein vereinfacht die «vier Veden» nennt. 

15ff. Zaratbustra: Gemeint ist der eigentliche oder erste Zarathustra. Im offentlichen 
Vortrag xiber «Zarathustra», Berlin, 19. Januar 1911 in «Antworten der Geisteswis- 
senschaft auf die grofien Fragen des Daseins», GA 60, fiihrt Rudolf Steiner aus: 
«Griechische Geschichtsschreiber wiesen immer wieder darauf hin, dafi man Zara- 
thustra weit hinauszuversetzen hat, etwa 5000 bis 6000 Jahre weit hinter den Tro- 
janischen Krieg.» 

15 Homer, 9. Jahrhundert v. Chr. 

Aschylos, 525-456 v. Chr. 

Sophokles, 497/496-406 v. Chr. 

17 Raffael Santi, 1483-1520- 

18 das Wort «Ich bin, das da war . . .»: Inschrift auf dem Standbild der Gottin zu Sais. 
22 Karl der Grojie, 724-814. 

29 Gnostiker . . . Pleroma: Siehe hierzu die naheren Darstelhmgen Rudolf Steiners im 
Vortrag Dornach 15. Juli 1923 in «Drei Perspektiven der Anthroposophie. Kultur- 
phanomene, geisteswissenschaftlich betrachtet», GA 225. 

40 Manu: Theosophisch-indische Bezeichnung fur den grofien Eingeweihten, der die 
Volkerstamme aus der Atlantis nach Osten fiihrte. Siehe hierzu die naheren Darstel- 
hmgen in «Das Prinzip der spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wiederver- 
korperungsfragen. Ein Aspekt der geistigen Fiihrung der Menschheit», GA 109. 

53 als die Griechen . . . nach Indien drangen: Vergleiche Hinweis zu Seite 64. 

Alexander der Grofie, 356-323 v. Chr.; zog im Friihjahr 327 nach Indien. 

57 meine «Theosophie»: «Theosophie. Einfuhrung in ubersinnliche Welterkenntnis und 
Menschenbestimmung» (1904) GA 9. 

58 Kama, Kama-Manas, Manas: Theosophische Bezeichnungen. Kama ist der Astral- 
leib; Kama-Manas das sogenannte niedere Manas, die Verstandesseele; Manas, das 
sogenannte hohere Manas, wird in Rudolf Steiners «Theosophie» die «geisterfullte 
BewuEtseinsseele» oder «Geistselbst» genannt. 



58 wie dem Prana die Budhi . . . entspricht: In den beiden ersten Ausgaben stent «wie dem 
Kama die Budhi entspricht», was auf einem Horfehler der Nachschreiber beruht. 

59 Veda-Zitat: Rigveda I, 164, 45. 
Veda-Zitat: Rigveda I, 164, 37. 

60 Sokrates, 470-399 v. Chr. 
Plato, 427-347 v. Chr. 

64 Dieses Bild, das Brahman der Inder (. . .), das den Griecben erschien wie Herakles: An 
der Stelle der Piinktchen (. . .) ist eine in fruheren Ausgaben abgedruckte, nur 
mangelhaft uberlieferte Stelle iiber Ich und Brahma weggelassen worden, offenbar ein 
Hinweis auf den beriihmten Satz: Aham Brahma asmi = Ich bin Brahma. Siehe hierzu 
«Der Orient im Lichte des Okzidents. Die Kinder des Luzifer und die B ruder 
Christi», 3., 6., 7. Vortrag, GA 113. 

84 Veda-Zitat: Rigveda X, 27, 15-16. 

91 Homer: 9. Jahrhundert v. Chr. 

93 O Solon, Solon . . .: Zitat aus Platons «Timaios», 22 B/22 C. 

106/107 der Ritus, der erwdhnt wird bei Tacitus: Tacitus Publius, 55 bis etwa 116, 
romischer Geschichtsschreiber. Germania, Cap. XI. 

117 Hermes Trismegistos: Siehe hierzu Rudolf Steiners Vortrag iiber «Hermes» in 
«Antworten der Geisteswissenschaft auf die grofien Fragen des Daseins», GA 60. 

121 Hammurabi, 1955-1913 v. Chr. 

127/128 Ausspruch eines Eingeweihten: Aus Homers «Odyssee», XI. Gesang, V. 
488^91. 

129 Augustinus, 354-430. Zitat aus: «Retractationes», L., I. Capt. XIII, 3. 

130 Die Menschen, auch die Tbeosopben, stellen sich die Geheimnisse der Reinkarnation 
gewohnlich viel zu einfacb vor: Siehe hierzu die Darstellungen in «Das Prinzip der 
spirituellen Okonomie im Zusammenhang mit Wiederverkdrperungsfragen», GA 
109. 

130 H. P. Blavatsky, 1831-1891. Griindete 1875 die Theosophische Gesellschaft. 

147 des Gottes . . .: In den beiden ersten Ausgaben heifit es gemafi Nachschrift «des Gottes 
Manu», wobei es sich um einen Horfehler handeln mufi. Der richtige Name konnte 
bisher nicht ermittelt werden. 

163 Tacitus: Vergleiche Hinweis zu Seite 106/ 107. 

165 wenn wir . . . den Ausdruck Devacban gebrauchen: Die Stelle ist in der Nachschrift 
ungeniigend und fehlerhaft. Daher wurde ein in den fruheren Ausgaben enthaltener 
mifiverstandlicher Satz hier weggelassen. Sachlich ist Devachan eine Bezeichnung, die 
ebenso wie Devayana auf die hoheren Geistgebiete hinweist. Sprachlich dagegen ist 
Devachan ein tibetanisches Wort, das als Ubersetzung fur das indische sukhavati, den 
Namen von Indra's Himmel oder Paradies, gepragt wurde. Devayana ist rein indisch 
und bedeutet Gotter- (deva) Weg (yana). 

170 Nikolaus Kopernikus, 1473-1543. 

Johannes Kepler, 1571-1630. Das Zitat ist aus der Vorrede zum funften Buch von 
«Harmonices mundi». 

171 Paracelsus (Theophrastus Bombastus von Hohenheim), 1493-1541. 



NAMENREGISTER 



(* = ohne Nennung im Text) 



Abraham 164, 165 
Adam 164 
Aschylos 15 

Ahura Mazdao (Ormuzd) 35, 1 14, 1 15 

Alexander der Grofie 53 

Apollo 39, 94, 97 

Argonauten 139 

Athene 39, 119 

Augustinus 129 

Baldur 39, 130 

Blavatsky, Helena Petrovna 130 
Bocklin, Arnold 119 
Brahma 35, 49, 53, 58, 64, 84 
Buddha 129-133, 156 

Darwin, Charles 154, 171 

Georg, Heiliger 72 

Goethe, Johann Wolfgang von 11, 158 

Hammurabi 121 

Hera 39 

Herakles 53, 64 

Hermes Trismegistos 117,129 

Hertha (Nerthus) 107 

Homer 15, 91, 127* 

Horus 19, 35, 38, 83, 84, 86, 104, 145, 

166, 168 

Jahve (Jehova) 29, 72, 77, 79 
Jason 139 
Jesus 19, 133-135 
Johannes, Evangelist 134, 161 
Johannes der Taufer 136 

Isis 18, 19, 35, 38, 82-86, 93, 95, 
103-105, 109, 112, 113, 145, 146, 162, 

167, 168, 170 



Karl der Grofie 22 
Kepler, Johannes 170,171 
Kopernikus, Nikolaus 170 

Manu 40,41,54, 56 
Mars 39 
Michael 72 

Nerthus (Hertha) 107 
Noah 164 

Ormuzd (Ahura Mazdao) 35, 38, 114, 
115 

Osiris 35, 38, 74, 79-86, 92-97, 103, 104, 
108, 109, 112, 113, 145, 146, 162, 167-170 

Paracelsus 171, 172 
Pharao 166, 168 
Plato 60 
Polyphem 92 
Prometheus 138 

Raffael Santi 1 7 

Rishi 54,56,59,62,113,114,117 

Seth (Typhon) 74, 79, 83, 85 
Siegfried 72 
Sokrates 60 
Solon 93 
Sophokles 15 

Tacitus Publius 107,163 
Thor 39 
Thoth 117 

Typhon (Seth) 74, 79, 80, 83, 85, 86 

Wotan 39, 130, 131 

Zarathustra 15, 16, 50, 114 
Zeus 39, 119, 130 



UBER DIE VORTRAGSN ACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Biicher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und verkauf- 
lich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophischen) 
Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den Vor- 
tragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen man- 
gelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware es am 
liebsten gewesen, wenn miindlich gesprochenes Wort miindlich gespro- 
chenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den Privatdruck 
der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, die Dinge zu 
korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung «Nur fur Mit- 
glieder* nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr als einem 
Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Biicher und diese Privatdrucke in 
das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen der 
Anthroposophie vor das Bewufitsein der gegenwartigen Zeit verfolgen will, 
der mu$ das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften tun. In 
ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an Erkenntnis- 
streben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich mir in «geistigem 
Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude der Anthroposophie - 
allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener Art - wurde. 

Neben dieser Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und da- 
bei nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heme zu iibergeben hat, trat 
nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der Mit- 
gliedschaft heraus als Seelenbediirfnis, als Geistessehnsucht sich offenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu horen, 
das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in Kursen 
liber diese der Menschheit gegebenen Offenbarungen horen. 



Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur Mit- 
glieder. Sie waren mit den Anfangs-Mitteilungen aus Anthroposophie be- 
kannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen auf 
dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltimg dieser internen Vortrage 
war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die ganz fur die 
Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten miissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, in 
der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergrunden stammt. Die 
ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang und 
arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft mit. Ich 
hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, und in 
meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht die 
Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitgliedschaft 
kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie im vollsten 
Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen hat. Deshalb 
konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser Richtung zu 
drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, diese Drucke 
nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird eben nur hin- 
genommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen Vor- 
lagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Ink alt eines solchen Privatdruckes wird ja allerdings 
nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als Urteils- 
Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermeisten dieser 
Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des Menschen, des 
Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie dargestellt wird, und 
dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in den Mitteilungen aus 
der Geist-Welt sich findet.